Die Darstellungen über die Vorgeschichte der grünen Partei fassen in konzentrierter Form und gelungen die Entwicklung nach dem Krieg zusammen, vieles aus Frau Ditfurths Archiv war neu und aufschlußreich. Der Kernpunkt wird faktenreich untermauert, man hat es bei der mittlerweiligen Mehrzahl grüner Parteigänger mit gnadenlosen Opportunisten zu tun. Auch wenn es für den Inhalt des Buchs keine Rolle spielt, der Stil erinnert wohltuend an die Unverschraubtheit und Klarheit der Texte der klassischen revolutionären Linken. Was auch naheliegt, da linke Systemopposition aus nachvollziehbaren Gründen die einzige gesellschaftlich Kraft ist die nicht verwässern muß um zugrundeliegende Motive zu vernebeln. Herrschaft basiert nach wie vor nicht auf klaren, sondern auf verbogenen Theorien als strategischer Grundlage, und der Grad der objektiven Entwicklung läßt sich auch am Grad der Heuchlerei ablesen, die erforderlich ist um die Rücken zu beugen und die Hirne zu halbieren. Hier wirkt Frau Ditfurth machtvoll entgegen.
Zu den Ausführungen hinsichtlich der Rolle der Technologien kann man teilweise zustimmen, insbesondere in Bezug auf die Feststellung daß nach dem Ende der kapitalistischen Wirtschaftsweise nicht alles 1:1 wird übernommen werden können da - wie etwa die Reproduktionstechnologie - einiges menschenfeindlichen Quellen entspringt. Trotzdem ist einiges dazu ergänzen. Ganz allgemein gesagt ist Technik vom Wesen her zunächst ein Mittel um die zur Produktion notwendige Arbeitszeit zu reduzieren. Würde nicht für den Profit sondern für den sozialen Fortschritt produziert, müßte sich verglichen am Stand der 50er Jahre die Arbeitszeit heute auf ein Achtel verkürzt haben, da die Produktivität im gleichen Maß gestiegen ist. Hohe Produktivität (die erst durch den Kapitalismus aus dem Boden gerammt wurde) als notwendige Voraussetzung für eine geringe notwendige Arbeitszeit ist die wesentliche Grundlage, um das Leben für alle lebenswert zu machen, sprich ein gesamtheitliches, an den fundamentalen menschlichen Bedürfnissen orientiertes Leben mit kultureller und demokratischer Betätigung überhaupt erst führen zu können. Nicht Wissenschaft und Technik sind die Quelle der gesellschaftlichen Verfaulung, sondern deren Nutzung unter der Leitlinie der Profitmaximierung. Diesen wichtigen Hinweis vermisst man in 'Das waren die Grünen'. Allen Wissenschaften die ihre Fortschritte und Erfolge ihrer historisch-dynamischen Untersuchungsmethode verdanken, inklusive dem Marxismus als ernsthafteste Gesellschaftswissenschaft, hat das Bürgertum in Konsequenz darauf mit dem Angriff auf jede Art des historischen, kausalen und insbesondere des nach Interessen forschenden Denkens geantwortet und durch unzählige ideologische Spielarten diese drei Fragestellungen mit Tabu und Erdrosselung belegt. Wie die letzten 10 Jahre zeigen ist dadurch die Verblödung und Infantilisierung großer Teile ihrer sogenannten Intelligenz glänzend gelungen, was übrigens auch die zunehmende Gehirnerweichung der Studenten in den fortgeschrittensten Ländern zeigt. Der Kampf für den Marxismus als 'Entlarvungswissenschaft' wird dadurch neben seinen entscheidenden politisch-materiellen Aspekten auch zu einem Kampf für die Wissenschaft überhaupt, die bei noch längerer Dauer der bürgerlichen Herrschaft in einem ähnlichen Dunkel zu versinken droht wie die antike Wissenschaft im Mittelalter. Es ist nicht nur kein Trost, sondern bestimmender Teil dieser Entwicklung daß die Anwendbarkeit der für die Kapitalverwertung interessanten Teile der Wissenschaft dabei erhalten bleibt. Das dabei entstehende moderne Mittelalter wirft seine Schatten bereits kräftig voraus, Folter und Vernunftverachtung, Scholastik und Zynismus sind im Zuge des Verfalls der bürgerlichen Ordnung schon längst zurückgekehrt. Es ist die Abkehr von der Aufklärung als ehemaliger kultureller Waffe des Bürgertums neben der historisch bestimmenden materiellen Durchschlagskraft, mit Marx als geradliniger Fortsetzung und konsequentem Ausbau ihrer fortgeschrittensten Positionen. Dürre Bruchstücke wahrheits- statt anpassungsmotivierter linker Theorie ragen noch einige Zeit in die Buch-, Artikel- und Redenlandschaft, bevor sie schließlich zu formlosem Geröll werden, was man in 'Neusprech' wohl Pluralität der Meinungen in Verwechselung mit Klarheit und Verbindlichkeit nennt. 'Das waren die Grünen' ist ein Beitrag dazu, diese Entwicklung zu bremsen.
Die historische Entwicklung nach der Oktoberrevolution kommt im Text sehr kurz weg, obwohl hier der wesentliche Schlüssel zum Verständnis des letzten Jahrhunderts bis heute liegt. Frau Ditfurth erwähnt kurz, daß es ihr nicht zukomme das materielle Niveau und die damit verbundenen politischen Folgen nach der Oktoberrevolution zu beurteilen. Stalin 'die Flüsse rückwärts fließen lassen wollte' (was zutrifft). Nun war der Stalinismus nicht die Folge der relativen Rückständigkeit der Sowjetunion, sondern der politische Schatten der Interessen privilegierter Schichten. Nicht Stalin hat die Bürokratie gefunden, sondern sie ihn. (Nebenbei gesagt war der entscheidende Unterschied zwischen den Bolschewiki und den Kämpfern der RAF, seinen Verstand darauf zu verwenden die jeweiligen Zwingherren wirksam anzugreifen. Alle Bemerkungen zum Terrorismus greifen zu kurz, wenn sie nicht von diesem Blickwinkel ausgehen). Die enorme politische Desorientierung derer, die nichts verschachern können als ihre Arbeit, wurzelt vor allem in dem nach wie vor wirkenden Einfluß von Sozialdemokratie und Stalinismus, und das ist der wesentliche Beitrag der das Profitsystem zu einem festen Pflock im Hirn der unterdrückten Mehrheit macht.
Die Systemfeinde lauern zunehmend auch von rechts, und allein das ist ein Grund nicht nachzulassen. Ein wachsender Teil der Leute möchte tatsächlich „Flüsse rückwärts fließen lassen", Sehnsüchte nach einer mittelalterlichen Produktionsweise treten in vielen Gesprächenauf, nationalistische Ansätze feiern facettenreich ihre Renaissance.
Abschließend ist zu sagen, daß Jutta Ditfurth als linke Systemoppositionelle hoffentlich noch recht lange und aktiv erhalten bleibt.