''Das wahre Leben''? Das klingt nach einem Film über den allseits bekannten Alltag einer Familie. Stimmt. Und das macht ihn zu einer actiongeladenen, amüsanten und doch bedrückenden Psychostudie -' erstklassig besetzt mit Katja Riemann und Ulrich Noethen.
Nichts anderes als die Geschichte einer Durchschnittsfamilie verspricht uns Jung-Regisseur Alain Gsponer. Einer Familie also, die dem durchschnittlichen Kinogänger zumindest im Ansatz bekannt vorkommen muss: Ein Vier-Personen-Haushalt mit scheinbar zufällig miteinander Verwandten, der solange funktioniert, wie sie sich gegenseitig in Ruhe lassen.
Bis zu dem Moment, als Familienvater Roland (Ulrich Noethen) seinen Arbeitsplatz verliert. Jahrelang waren seine Tage mit 14 Stunden Risiko-Management angefüllt. Nun steht er wieder seiner Familie zur Verfügung. Einen Businessplan gibt es nicht. Ad hoc richtet er sich im sachlichen Büro-Tonfall an seine Söhne, den 12-jährigen Linus (Josef Mattes) und den 19-jährigen Charles (Volker Bruch). Ehefrau Sybille (Katja Riemann) managte eben noch ein sehr erfolgreiches kleines Familienunternehmen im Alleingang. Nun pfuscht er ihr wie ein externer Chef hinein. Es hat etwas strombergsches Verlorenes, wenn er sich beispielsweise beim Nennen der Familiengeburtstage irrt und noch unsteten Blickes ein ''oder?'' um die Ecke hinterherschickt. Bald darauf fragt Linus ängstlich: ''Du, Papa, wenn Du jetzt keinen Job findest, bleibst Du dann die ganze Zeit zu Hause?'' Doch Rolands Personalberater-Team rät ihm, vor einer Neuanstellung den Akku wieder aufzuladen. Nichts leichter als das. Schnell ist der Akkubohrer zur Hand und die Renovierungsbedürftigkeit des Hauses beschlossene Sache. Da werden '- harhar! - nur die größten Werkzeuge ausgepackt und mit lächerlicher Beharrlichkeit' - hoppla! - tragende Wände eingerissen, bis das ganze Haus konsequent kaputtrenoviert ist. Auch Sybille flüchtet sich in Aktionismus. Beim gemeinsamen Fitnesstraining mit einem Freund konzentriert sie sich allein auf ihre Beckenbodenmuskulatur. Der schnelle Wechsel von Heiterkeit, Beklemmung und Zorn lässt die Atmosphäre dieser Szenen regelrecht vibrieren.
Als absolut trittsicher auf dem schmalen Grat zwischen Komödie und Tragödie beweisen sich auch die Akteure in ihrem Spiel. Die gesamte Riege der Darsteller ist die Wunschbesetzung des 32-jährigen Schweizers. Und auch alle übrigen Stellenangebote einer Filmproduktion '- Kamera, Licht, Ton '- schrieb er selbst aus: Als Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg begrenzte er den Bewerberpool auf seine ehemalige Hochschule. Wenn sich unter seiner Regie Schaupieler in Familienaufstellungen üben, dann geht das zwar über das übliche Handwerkszeug eines Filmakademie-Studenten hinaus, doch die Realitätsnähe der Dramaturgie gibt ihm Recht. Über die überdrehte Eskalation des Film-Endes kann man hinwegsehen. Ebenso verzeiht man den platten, vorläufigen Filmtitel ''Bummm! Deine Familie, dein Schlachtfeld'.' Die Kriegsmetapher drängt sich ohnehin zwangsläufig auf. Und Gsponer lichtet die spannungsgeladene Interaktion der Familie so wahrheitsgetreu und fein nuanciert ab, als hätte er jahrelang als 'embedded journalist' in einem Einfamilienhaus verbracht. Zumindest die plötzliche Arbeitslosigkeit des Vaters hat er selbst hautnah miterlebt. Man kann mutmaßen, dass er, auch für sich selbst, ausgehend von diesem Schockmoment die psychologischen Verstrickungen einer jeden seiner Figuren weiterspinnen und untersuchen wollte.
Seine studienähnliche Erzählweise erinnert dabei an französische Filmemacher, spricht ihnen aber gekonnt ihre Auffassung ab, ein nachdenklicher Film dürfte nicht auch urkomisch sein und vor allem ein überraschendes Tempo haben. Mit dieser Geschwindigkeit nimmt er einen mit, auch in die eigene Familie. Was gibt es Spannenderes?