Der Klassiker der chinesischen Philosophie
„Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“ ist unter den Klassikern des Daoismus sicher das verständlichste. Es erklärt allegorische Geschichten und Parabeln über das Leben.
Freiheit, Gerechtigkeit, Weisheit: „Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“, eine der wichtigsten Schriften des Daoismus, behandelt die großen Menschheitsfragen. Seine Sprache ist poetisch und luzide zugleich. Kein Geringerer als Hermann Hesse hat dieses Werk als Ausdruck einer „gefestigten, ja geheiligten Kultur des täglichen Lebens“ gepriesen - zu Recht. Das Vorwort des renommierten Münchner Sinologen Hans van Ess erläutert die Entstehungsgeschichte und philosophische Bedeutung dieses Klassikers aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert. Ein Schlüssel zum Verständnis der chinesischen Kultur.
Zur Herkunft des Buchs
Das Buch Liezi (bei Richard Wilhelm: Liä Dsi), "Meister Lie", gehört ohne Zweifel zu den sprachgewaltigsten Werken der chinesischen Geistesgeschichte. Es ist eines der zentralen Werke, welche die daoistische Tradition hervorgebracht hat. Diese ist bekanntlich neben der konfuzianischen und der buddhistischen Lehre eine der drei großen Strömungen, die das Geistesleben im chinesischen Kaiserreich maßgeblich geprägt haben. Doch hat es daoistische Ideen schon lange vor der Einigung des Reiches durch den ersten der chinesischen Kaiser, nämlich den "Ersten Erhabenen Kaiser der Qin-Dynastie" (Qin Shi Huangdi), im Jahr 221 v. Chr. gegeben. Die Entstehung des Daoismus geht auf eine Zeit zurück, in der offenbar noch viel mehr philosophische Schulen miteinander konkurrierten als nur die drei großen Lehren. Ein stattliches Textcorpus ist auf uns gekommen, aus dem wir von den Gedanken dieses frühen Daoismus wissen. Das Buch Liezi spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle, weil in ihm zahlreiche Lehrgeschichten dieser Zeit stehen.
Allerdings ist nach heutigem Kenntnisstand bei weitem
nicht mehr so eindeutig, was den vorkaiserzeitlichen Daoismus ausmachte, wie man dies noch zu Zeiten Richard Wilhelms (1873-1930), des wichtigsten deutschen Übersetzers klassischer chinesischer Literatur, zu wissen meinte. Zum einen haben linguistische und komparatistische Untersuchungen den Glauben an das Alter wichtiger daoistischer Texte unterminiert, und zum anderen haben spektakuläre Funde, die chinesische Archäologen in den letzten 35 Jahren gemacht haben, die Grundfesten der traditionellen Darstellung der alten chinesischen Philosophie erschüttert. In der Han-Zeit nämlich hatten Bibliographen und Historiker die Zeit ihrer Vorväter dahingehend erklärt, dass es mehrere klar voneinander abgegrenzte Schulen gegeben habe - manche Autoren sprechen von sechs Schulen, andere von neun und wieder andere gar summarisch von hundert. Diese Vorstellungen hoben sich scharf von den Verhältnissen der Han-Zeit (207 v.Chr. - 220 n.Chr.) ab, in der es zur Herausbildung einer konfuzianischen Orthodoxie gekommen war. Doch die Inhalte der zahlreichen in jüngster Zeit gefundenen Texte des dritten und zweiten Jahrhunderts, die Toten mit ins Grab gelegt worden waren, legen nahe, dass die klare Abgrenzung der alten Schulen wohl eine Fiktion ist. Als ein weiterer Sachverhalt, der die Vorstellung eines monolithischen vorkaiserzeitlichen Daoismus infrage stellt, tritt hinzu, dass eine daoistische Schule im Gegensatz zu den Schulen, die auf die beiden großen, auch im Liezi prominent vertretenen Meister Konfuzius und Mo Di (lateinisch: Micius) zurückgehen, in der zeitgenössischen Literatur noch nicht erwähnt wird. "Meister Lie" galt der Tradition zusammen mit dem Laozi, dem "Meister Lao" (manchmal in diesem Text auch mit seinem vollen
Namen Lao Dan - Wilhelm: Lau Dan - bezeichnet), und dem Zhuang Zhou als einer der drei großen daoistischen Lehrherren aus der Zeit vor der Reichseinigung. Das dem Laozi zugeschriebene Daode jing bzw. ein Vorläufer des Textes ist zu Ende des 20. Jahrhunderts in einem Grab gefunden worden, dessen Schließung auf das beginnende dritte Jahrhundert v.Chr. datiert wird. Damit ist klar, dass es sich um einen der ältesten Texte der literarischen Traditon Chinas handelt. Im Gegensatz dazu liegt die Geschichte des Liezi und auch des Zhuangzi, deren Lehren zu Beginn der chinesischen Kaiserzeit kaum zitiert worden sind, im Dunkeln. Daher sei zunächst dargelegt, was sich über den Liezi aus den vorliegenden Quellen sagen lässt. In dem berühmten Literaturkatalog der Palastbibliothek der Han-Herrscher, der in der Dynastiegeschichte "Buch der Han" (Hanshu) des Ban Gu (32-92 n.Chr.) überliefert wurde und auf den Gelehrten Liu Xin (ca. 46 v.Chr. - 23 n.Chr.) zurückgeht, ist ein Text namens Liezi in acht Kapiteln verzeichnet, der von einem Autor namens Lie Yukou verfasst wurde. Dieser habe vor dem Zhuang Zhou gelebt, der wiederum ihn, den Lie Yukou, gepriesen habe. In der Tat finden sich im heutigen Zhuang-zi-Text eine ganze Reihe von Anekdoten, in denen Meister Lie als daoistische Autorität angeführt ist. Das vorletzte Kapitel des Zhuangzi trägt sogar den Titel "Lie Yukou", wenn auch darin nur die von Wilhelm als "vergebliche Weltflucht" überschriebene Geschichte überliefert ist (Liezi II.14) und ansonsten ganz andere Personen in den Hauptrollen auftreten. Über die Person des Lie Yukou erfahren wir hier nur, dass ein Freund oder Lehrer namens Bohun Wuren ihn zurechtgewiesen habe, weil er mit seinem Charisma zwar die Menschen anzog, aber seine innere Ruhe dabei verlor - eine daoistische Lehrgeschichte also, die nicht als biographische Angabe zu gebrauchen ist. Auch sonst ist uns Lie Yukou nur aus einigen spärlichen Bemerkungen in der alten Literatur bekannt, die keinen echten Einblick in die Persönlichkeit erlauben. Diese Liezi-Anekdoten finden sich im Wesentlichen in drei Werken, nämlich dem Zhuangzi, dem Lüshi chunqiu (Frühling und Herbst des Lü Buwei; ausgehendes drittes Jahrhundert v.Chr.)2 und dem Huainan zi (dem Meister aus dem Gebiet südlich des Huai-Flusses; zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts v. Chr.). Sie sind aber sämtlich auch im Liezi selbst enthalten. Der Name "Yukou" heißt wörtlich übersetzt "Verbrecher einsperren" oder aber "Aufständischen widerstehen", weshalb hinter der Kombination auch eher eine Amtsbezeichnung - also etwa: "Lie, der Justizminister" - denn ein Vorname vermutet worden ist. Gleichzeitig aber finden wir schon im Zhuangzi eine Stelle, in der es heißt, Meister Lie sei fünf Tage lang mit dem Wind durch die Lüfte geritten, ein deutlicher Hinweis darauf, dass er als daoistischer Unsterblicher angesehen wurde.
Neben dem Literaturkatalog der Han gibt es eine zweite wichtige Quelle, die aus der Han-Zeit stammen soll und den Lie Yukou erwähnt: eine Kolophonsammlung, die Liu Xiang (79-6 v.Chr.), der Vater des Liu Xin, erstellt hat. Der entsprechende Text, der einem Druck des Liezi aus der Zeit der Song (960-1280 n.Chr.) vorangestellt und damit weit über tausend Jahre nach den Lebzeiten seines Autors erstmals zitiert ist, sagt über die "Neuen Schriften des Meisters Lie" Folgendes:
"Voranstehend sind die Titel der acht Abschnitte, aus denen die Neuen Schriften bestehen, aufgeführt. Euer Untertan, der Bevollmächtigte für die Wasserangelegenheiten des Linken Teils der Hauptstadt [Liu] Xiang, erklärt, dass die Schrift Liezi aus dem Palast, die er kollationiert hat, fünf Abschnitte umfasst.