Um die Lage seines Büros könnte man Michael Hampe beneiden: nebenan das Schauspielhaus, schräg gegenüber das Kunsthaus, Zürichsee und Hochschulquartier beide nur einen Spaziergang entfernt. Über das Glück zu philosophieren, scheint hier nicht allzu schwer. Pragmatisch dagegen ist die Büroeinrichtung, die sich kaum von der eines anderen ETH-Professors unterscheidet. Zum Philosophieren laden in der eher nüchternen Umgebung der genormten Bundesmöbel ein zerschlissener Ledersessel und ein Stehpult ein. Daneben behauptet sich ein Kaktus als einzige Zimmerpflanze.
«Es ist schon merkwürdig, dass hier philosophiert wird», bemerkt Michael Hampe, «wenn man bedenkt, dass dies früher eine Bank war.» Etwas daran scheint ihm zu gefallen, ohne dass er es näher ausführt. Hampe begnügt sich mit der leisen Irritation, die der Gedanke auslöst und einem Lächeln. Dabei könnte es für einen wie ihn durchaus ein Grund zum triumphieren sein, wenn dort, wo früher das Geld verwaltet wurde, nun der philosophische Geist wirkt. Denn tatsächlich ist Hampe der Meinung, dass heute der Philosophie, der Kunst und der Literatur zu wenig Beachtung geschenkt wird im Vergleich zu anderen Welterklärungsmodellen, wie er später im Gespräch sagen wird. Doch das laute Triumphieren ist seine Sache nicht. Das sanfte Irritieren schon eher, indem er auf das, was er vorfindet, reagiert und ihm den philosophischen Spiegel vorhält - höflich, unaufdringlich, aber nachhaltig. Philosophieren in sokratischer Tradition nennt es Hampe.
Vielstimmiges Panorama
«Ich bin leider kein Gärtner», bemerkt Michael Hampe lächelnd mit Blick auf seinen Kaktus. Dabei hat er in der Rahmenhandlung seines neuesten Buches «Das vollkommene Leben. Vier Meditationen über das Glück» ausgerechnet einen Gärtner zur Utopie eines geglückten Lebensentwurfs gemacht. Genauer besehen handelt es sich um einen philosophischen Dropout, der aus Protest gegen akademischen Leerlauf zum Gärtner ' und glücklich wird. Der die Handlung des Buchs eigentlich vorantreibende Part hingegen, ein eher trübseliger Berufs-Philosoph, einsamer Betreuer eines philosophischen Essaywettbewerbs über das Glück, stürzt am Ende des Buches über eine Bergklippe zu Tode. Dem Glück, man sieht es bereits an dieser Rahmenhandlung, ist nicht leicht beizukommen.
Dazwischen falten vier Essays fiktiver Wettbewerbsteilnehmer unterschiedliche Perspektiven des Glücksverständnisses auf. Am meisten Platz räumt Hampe der Perspektive des Physikers ein, der die Technik und den Fortschritt als die eigentlichen Schrittmacher des Glücks sieht. Am Ende dieses Beitrags steht die Vision eines Engineerings der Emotionen, eine Radikalisierung dessen, was wir heute bereits in Anfängen unter Neuro-Enhancing kennen. Es folgen Beiträge einer jungen Philosophin aus religiös-esoterischer Perspektive, eines radikalen Skeptikers in Gestalt eines Psychoanalytikers und eine soziologisch gefärbte Darstellung zu den Bedingungen menschlichen Glücks. Insgesamt entfaltet sich so ein vielstimmiges Panorama von Glück und Unglück.
«Einfache Rezepte gibt es nicht»
Hampe selbst enthält sich jeder explizit wertenden Stellungnahme. Er plädiert für die Vielstimmigkeit der Glückserfahrungen und gegen einfache Rezepte. Warum philosophiert jemand ausgerechnet an einer technischen Hochschule über das Glück? Für den Philosophen ist dies naheliegend. «Wir leben in einer Kultur, in der man vom Glauben an die Machbarkeit und die technische Lösbarkeit von Problemen geprägt ist.» Den gleichen Glauben durchziehe die heutige, geradezu uferlose Ratgeberliteratur zum Thema Glück. «Diese Ratgeber gehen alle ganz unreflektiert davon aus, dass das Streben nach Glück technisch bewältigbar ist. Man muss etwa bestimmte psychologische und soziale Techniken beherrschen, dann klappt es schon.» Dass es ausserhalb der Ingenieurstechnik ein ganzes Arsenal von Techniken gibt, mit dem Ziel, das Glück als machbar zu begreifen, so dass man eine technische Einstellung zum eigenen Leben bekommt, irritiert und fasziniert ihn zugleich. «Wenn Sie an die Machbarkeit des Glücks glauben, dann sind Sie relativ schnell bei dem Schluss, dass es dann auch Experten für das Glück geben muss.» Die aktuelle Expertenliteratur der Machbarkeit über das Glück verdränge jedoch andere Stimmen zum Thema wie die schöne Literatur oder die philosophische Literatur. Dabei findet Hampe: «Wenn man Eheprobleme hat, kann man entweder einen Beziehungsratgeber lesen oder «Stiller» von Max Frisch. »In seinem neuesten Buch hat Hampe gleich beide Stimmen versucht: 'Das vollkommene Leben' ist philosophische Literatur und in Ansätzen auch ein Roman.
Die Kunst und das Glück
«Ich habe meine Zweifel, ob die technische Einstellung der Lebenshilfeexperten wirklich die richtige ist,» betont Hampe. 'Ich möchte den Lesern den Gedanken der Praxis, wie Aristoteles sie versteht, nahebringen.» Was bedeutet: Man kann einerseits etwas tun, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, dann denkt man über die Mittel nach, die man braucht, um ans Ziel zu kommen. Das nennt Aristoteles Technik. Wenn wir dagegen Flöte spielen oder über etwas nachdenken und dabei ganz auf das Tun konzentriert sind, weil es uns Freude bereitet, dann verfolgen wir nach Aristoteles eine Praxis. Liegt das Glück also einfach in der Praxis? Fast muss der Philosoph lachen: «Einfach ist da leider nichts!» In einer seiner Vorlesungen ging es um die Frage, ob man diese beiden Handlungsweisen tatsächlich scharf voneinander unterscheiden kann: «Wenn jemand Fenster putzt, würde man auf den ersten Blick sagen, das ist eine Technik um Geld zu verdienen. Es kann aber auch sein, dass ihm das Fensterputzen Spass macht ' das also wäre Praxis. Umgekehrt kann jemand Musik machen, nicht um ihrer selbst willen, sondern um als Virtuose reich und berühmt zu werden. Dann würde Aristoteles von einer Technik sprechen. Es ist nicht einfach, Technik und Praxis voneinander abzugrenzen, weil es im Grunde von der inneren Einstellung abhängt, mit der man einer Tätigkeit nachgeht,' erläutert Hampe. Damit sei man einer Form des Glücks doch schon recht nahe. --- Martina Märki für Kulturmanagement Network