Den Bildungsinstituten ist es in den letzten Jahren tatsächlich gelungen, den Mythos zu kreieren, sie seien die Garanten für menschlichen Fortschritt. Wer also nicht mindesten einen Weiterbildungskurs pro Jahr macht, hat ein Problem. Für fachliche Fähigkeiten mag dies ja noch einigermassen vertretbar sein. Aber für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit ist noch immer das Leben selbst mit all seinen Geschichten zuständig. Das jedenfalls ist mein Credo und zugleich einer der Gründe, weshalb ich gerne Biografien und Bücher wie das von Susanna Schwager lese. Frauen über achtzig erzählen. Und wovon berichten Sie? Eben nicht von klugen Theorien und Diplomfeiern, sondern von Freuden und Schrecken, von Siegen und Niederlagen, vom Standhalten und Fliehen.
So eindrücklich wie die Worte sind auch die Bilder der Erzählerinnen. Dem Schweizer Fotografen Marcel Studer ist es gelungen, die Lebensspuren in den Gesichtern der zwölf Frauen mit der Kamera nachzuzeichnen und dem Betrachter damit ein Bild von der Würde zu vermitteln, die in den Texten zum Ausdruck kommt. Doch während Bilder universellen Charakter haben, ist Sprache eben lokal gefärbt. Und da die Berichte der zwölf Frauen nicht auf eine Leserschaft in Deutschland umgeschrieben wurden, muss man sich auf Ungefärbtes einlassen. Das mag selbst mit dem Glossar am Schluss des Buches nicht immer einfach sein, wenn man wenig Bezug zu helvetischen Sprachgepflogenheiten hat. Aber dafür bleibt genau die Authentizität gewahrt, die das Buch auszeichnet.
Mein Fazit: Zwölf Portraits von Frauen, die einen langen Weg hinter sich haben und trotz unvermeidlicher Niederlagen und schweren Zeiten ihren Glauben an das Leben nicht verloren haben. Die hohe Authentizität der Geschichten hat allerdings ihren Preis, den Leserinnen und Leser ausserhalb der Schweiz zu bezahlen haben. Denn die zahlreichen Helvetismen wurden belassen. Dem Buch deshalb einen Bewertungsstern abzuziehen, scheint mir nicht gerechtfertigt.