In dem in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts veröffentlichten Buch "Das Verschwinden der Kindheit" erörtert der Autor Neil Postman seine These, dass die elektronische Informationsumwelt in nicht unerheblichen Maße dazu beiträgt die Kindheit als solches zum Verschwinden zu bringen. Hierfür hat er sein Buch in zwei Teile gegliedert, die im einzelnen wie folgt aufgebaut sind:
Teil I: Die Erfindung der Kindheit
Kapitel 1: Als es keine Kinder gab
Kapitel 2: Die Druckerpresse und der neue Erwachsene
Kapitel 3: Die Wiege der Kindheit
Kapitel 4: Der Weg der Kindheit
Teil II: Das Verschwinden der Kindheit
Kapitel 5: Der Anfang vom Ende
Kapitel 6: Das Medium der totalen Enthüllung
Kapitel 7: Der Kind-Erwachsene
Kapitel 8: Das verschwindene Kind
Kapitel 9: Sechs Fragen
Im ersten Teil seines Buches gibt Neil Postman einen Überblick darüber, wie in verschiedenen Epochen die Erwachsenen Kinder angesehen haben. Hierbei wird deutlich, dass die "Kindheit" im modernen Sinne ein gesellschaftliches Kunstprodukt ist. Die Idee der Kindheit ist ein Ergebnis der Renaissance und hat sich somit erst im 16. Jahrhundert herausgebildet. Die Kindheit stellt im ursprünglichem Sinne einen Schutzraum dar, welches sich u.a. durch die bewußte Abschirmung der Kinder vor den Geheimnissen der Erwachsenenwelt (Gewalt, sexuelle Begierden etc.) auszeichnet. Die Kinder werden erst nach und nach hierüber aufgeklärt und müssen sich u.a. erst Kulturtechniken aneignen (lesen und schreiben), um selbständig den Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Mit dem Aufkommen der Massenmedien ist nach Postman keine Schranke mehr dar. Kinder können im jeden Alter an jede Information herankommen, an die sie gelangen wollen.
Neil Postman zählt im zweiten Teil Indizien auf, die seiner Meinung nach aufzeigen, dass die Kindheit am Verschwinden ist. Hierzu zählen u.a. die immer stärkere und frühere Anpassung der Kinder an die Verhaltensweisen der Erwachsenen, die ihren Ausdruck in Sprache, Kleidung, Einstellung usw. findet. Indem die Kinder in zunehmender Weise durch die elektronischen Massenmedien beeinflußt werden, werden die Grenzen zwischen Kinder und Erwachsene zunehmend verwischt. Kinder werden nicht mehr behutsam in die Erwachsenenwelt eingeführt. Als eines der wichtigsten elektronischen Kommunikationsmittel seiner Zeit sieht er das Fernsehen an, welchen er viele negative Aspekte zuschreibt. Bereits im ersten Teil verweist Postmann darauf, dass Veränderungen in der Kommunikationstechnik stets drei verschiedene Wirkungen haben: die Struktur der Interessen ändert sich (die Dinge, über die nachgedacht wird), der Charakter der Symbole ändert sich (wie Inhalte an den Interessierten gebracht werden) und das Wesen der Gemeinschaft verändert sich. Durch die elektronischen Massenmedien wird der Charakter der Symbole auf das Bild verlagert. Bilder beeinflussen den Menschen jedoch auf eine ganz andere Art und Weise, wie z.B. das gedruckte Wort es tut. Wir die Kommunikation schwerpunktmäßig auf Bilder gelegt, bedeutet diese Entwicklung für Postman einen Rückschritt der Kultur eines Volkes.
Das Buch liefert keine Lösungsvorschläge, wie dem Verschwinden der Kindheit entgegengetreten werden kann. Bereits im Vorwort erklärt Postman, dass er hierauf keine Antwort weiß. Somit stellt "Das Verschwinden der Kindheit" mehr oder minder eine Situationsbeschreibung eines Faktors dar, der zum auflösen der Kindheit beiträgt - nämlich die Massenmedien.
Insgesamt bewerte ich das Buch mit vier von fünf Sternen. Die Thematik ist auch fast 30 Jahre nach dem Erscheinen nachwievor aktuell. Allerdings habe ich ein Stern für die im zweiten Teil zu häufig wiederholte Schuldzuweisung dem Fernsehen gegenüber abgezogen, da ich dies subjektiv als etwas lässtig empfunden habe.