Aus der Amazon.de-Redaktion
Das heranwachsende Mädchen, ein neugieriges, aufgeschlossenes Kind, wird beinahe erdrückt von dieser muffigen Enge. Die Verständnislosigkeit der Eltern und die unnachgiebige Strenge der gottesfürchtigen Großmutter lassen Hildegard fast zerbrechen -- wäre da nicht der Großvater, der ihr mit verwunschenen Geschichten das Tor zum Reich der Fantasie öffnet. Sie tritt ein in die Welt der Bücher und in dieser Welt findet sie ihr Zuhause, hier ist sie so frei, wie sie es im echten Leben nicht sein kann.
Ulla Hahn, als Lyrikerin eher die knappe literarische Form gewohnt, lässt beim Erzählen dieser (ihrer?) Kindheitsgeschichte alle Selbstbeschränkung fahren -- durch fast 600 Seiten hat man sich zu kämpfen. Das ist nicht immer einfach, denn die sehr poetische Sprache und vor allem der Versuch, den rheinischen Dialekt wiederzugeben, verlangen dem Leser einiges ab. Doch es lohnt sich: Das verborgene Wort ist eine wunderschöne emotionsgeladene Hymne auf die Kraft der Fantasie. --Christoph Nettersheim -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Audiobook-Rezensionen
Ein Mädchen namens Hildegard Palm wächst im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre auf. Hildegard ist Arbeiterkind und lebt in der Enge einer katholischen Dorfwelt. Das Bigotte, die starren Regeln, die außerordentlich strengen Erziehungsmaßnahmen lassen die Kleine fast zerbrechen. Ihre Fantasie, ihr Entdeckergeist und ihr unverwüstlicher Lebenswille stoßen bei ihren Eltern auf absolutes Unverständnis. Sie begehrt trotzdem auf. Und sie entdeckt die Kraft der Literatur. Literatur ist für sie die Möglichkeit, in Gegenwelten zu flüchten, aber auch die Möglichkeit, sich in diesen Welten für die Wirklichkeit zu stärken.
Auch Ulla Hahn wuchs in den fünfziger Jahren in einer katholischen Arbeiterfamilie im westdeutschen Sauerland auf. Sie arbeitete nach der Schule in einer Fabrik und machte ihr Abitur an einer Abendschule. Die promovierte Philologin ist eine der bekanntesten deutschen Dichterinnen der Gegenwart; ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. "Das verborgene Wort" ist ihr zweiter Roman.
Die Autorin liest selbst. Sie hat aus dem nahezu 600 Seiten umfassenden Roman fast ungekürzte Teststellen ausgewählt. Diese Episoden und Begegnungen vermitteln anschaulich die Entwicklung der Protagonistin. Getreu der Überzeugung der Autorin, dass "jede persönliche Geschichte sich aus Berührungen mit vielen anderen persönlichen Geschichten zusammen setzt." Lesung ohne Musik, Spieldauer: ca. 137 Minuten, 2 CD. Mit Booklet.
-- culture.text -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Die Zeit, 23.08.2001
In einer sehr umfangreichen Rezension singt Dieter Borchmeyer zu seiner eigenen Überraschung eine Hymne auf diesen Roman und gibt zu, einen solchen Wurf der Lyrikerin nicht unbedingt zugetraut zu haben. Nicht nur Hahns Präzision, mit der sie das Milieu der rheinisch-katholischen Gesellschaft der fünfziger Jahre beschrieben hat, hat ihm spürbar imponiert, sondern auch die Sprachfantasie, das Visionäre, das dem Naturalistischen seiner Ansicht nach immer wieder auch märchenhafte Züge verleiht. Borchmeyer scheint dies umso bewundernswerter zu finden, als die Welt hier aus der Sicht eines Kindes wahrgenommen wird: Da ist die Biederkeit, die Schlager, die von Fernweh handeln, der rigide Katholizismus, das Geistfeindliche, aber auch die Fantasie, in die das Kind flüchtet und zu der es von seinem Großvater, "der einzigen rundum positiven Hauptfigur des Roman" angeregt wird. Das alles findet der Rezensent spannend erzählt, wobei er besonders die Fähigkeit der Autorin lobt, Charaktere mit wenigen Pinselstrichen, ja eher mit Beiläufigkeiten, plastisch zu zeichnen. Vieles, was das Kind noch nicht völlig versteht, etwa Geschehnisse während der Nazi-Zeit, wird nur angedeutet, kann aber vom Leser erschlossen werden, meint Borchmeyer, und schwärmt noch einmal von Ulla Hahns "visionärer Kraft" und "überquellender Sprachfantasie".
© Perlentaucher Medien GmbH
Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 24.08.2001
Kristina Maidt-Zinke kann sich für dieses Buch offenbar nicht wirklich erwärmen, denn obwohl sie sich mit dezidierter Kritik zurückhält, ist nicht zu übersehen, dass sie sich sehr an dem wie sie vermutet großen autobiografischen Anteil des Romans stört. Es scheint ihr so vorzukommen, als ob Hahn an ihrer eigenen Heiligenlegende gestrickt habe: Das Kind, das in der geistfeindlichen rheinisch-katholischen Provinz aufwächst, das mühselig Hochdeutsch lernt, fürs Bücherlesen bestraft wird, lieber Geige als Akkordeon spielen wollte und letztlich doch den Weg aus der geistigen Tiefe hinauf in intellektuelle Höhen schafft. Der Autorin bescheinigt Maidt-Zinke eine "unterhaltsam volksnahe, gelegentlich exzessive Drastik", die sie andererseits aber auch "hochprätentiös" findet. Die Kindheit in den fünfziger Jahren sieht die Rezensentin hier "in derart schwelgerischer Detailfülle" erzählt, wie es bisher noch nicht der Fall gewesen sei. "Ein ergreifender Schmöker", sei das Buch, doch wie ein Lob mag das nicht wirklich klingen.
© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
Blickwechsel November 2008
»Ein Roman, der autobiografische Züge trägt, der für die Freiheit des Wortes und das Leben als Befreiung wirbt.«
Netz-News 01.08.2008
»Was bleibt und überwiegt, ist Bewunderung: […] für den beeindruckenden, streckenweise überwältigenden Roman, der aus dem nährstoffarmen Boden dieser Provinz erwachsen konnte.«
Martin Ebel, Neue Zürcher Zeitung
»Eine dicht erzählte Geschichte, die nie langatmig wird, die bis in die Lebensentwürfe der Nebenfiguren hinein brillant konstruiert ist. Klug und sprachlich wunderschön. Ein Roman, an dem die Lyrikerin Ulla Hahn viele Jahre gearbeitet hat und für den sich jede Stunde Lesezeit lohnt.«
Brigitte extra (Buchspecial)
»Dieser Roman hat ein schlagend wirkliches Herz und ein Charaktergesicht. Und während der Rhein im Hintergrund dahinströmt und mit dem Reichtum des Inhalts beinahe über die Buchdeckel schwappt, wird hier eine deutsche Geschichte erzählt im Format eines großartigen Mädchens.«
Tanja Jeschke, Stuttgarter Zeitung
»Ein faszinierendes, wunderschön geschriebenes Buch, das dem ›geheimen Orden‹ [der Leser] neuen Zulauf bescheren könnte.«
Duglore Pizzini, Presse
»Dieser Erziehungs- und Bildungsroman ist eine wunderbare Lektüre. Wer hätte gedacht, dass das Schiller'sche Pathos von der Freiheit der Gedanken noch einmal so überzeugen könnte wie in diesem Roman über ›dat Heldejaad‹ aus Dondorf, das sich befreit aus der lieblosen, knechtenden Enge eines proletarischen Haushalts mit der Kraft des Wortes?«
Stuttgarter Nachrichten
»Ein unübertreffliches Sittengemälde.«
Jürgen Flimm, Woche
»Wegen seiner Lebensfülle und seines authentischen Zeitkolorits vermag der Text in seinen Bann zu schlagen. Und wegen des Leidensdrucks, der sich mit liebevoller, nie gehässiger Ironie und Situationskomik zur Geschichte eines persönlichen Triumphes verbindet.«
Katrin Hillgruber, Badische Zeitung
»Was bleibt und überwiegt, ist Bewunderung: […] für den beeindruckenden, streckenweise überwältigenden Roman, der aus dem nährstoffarmen Boden dieser Provinz erwachsen konnte.«
Martin Ebel, Neue Zürcher Zeitung
»Eine dicht erzählte Geschichte, die nie langatmig wird, die bis in die Lebensentwürfe der Nebenfiguren hinein brillant konstruiert ist. Klug und sprachlich wunderschön. Ein Roman, an dem die Lyrikerin Ulla Hahn viele Jahre gearbeitet hat und für den sich jede Stunde Lesezeit lohnt.«
Birgitte extra (Buchspecial)
»Wer wissen will, wozu Literatur im Stande ist, der kann es sich von diesem Roman zeigen lassen.«
Sandra Leis, Bund
»Ein faszinierendes, wunderschön geschriebenes Buch, das dem ›geheimen Orden‹ [der Leser] neuen Zulauf bescheren könnte.«
Duglore Pizzini, Die Presse
»Dieser Erziehungs- und Bildungsroman ist eine wunderbare Lektüre. Wer hätte gedacht, dass das Schiller’sche Pathos von der Freiheit der Gedanken noch einmal so überzeugen könnte wie in diesem Roman über ›dat Heldejaad‹ aus Dondorf, das sich befreit aus der lieblosen, knechtenden Enge eines proletarischen Haushalts mit der Kraft des Wortes?«
Stuttgarter Nachrichten
»Und warum interessiert diese ellenlange Geschichte von 600 Seiten? Weil in diesen Zeiten der Kurznachrichten und Schnellschreiberei, der hastigen Meinungen und hohlen Polemiken diese Ausführlichkeit das Herz wärmt […] Ein unübertreffliches Sittengemälde.«
Jürgen Flimm, Woche
»Wie das kleine Kind aus Steinen Geschichten herausliest, nach dem Verhältnis von Worten und Dingen sucht und in Märchen die Magie der Sprache entdeckt oder aber als intelligente Schülerin leiden muß, das ist mit so viel Feingefühl und Beobachtungsreichtum dargestellt, daß allein diese schon reichen Lohn für die Ausdauer bei der Lektüre des Buches darstellt.«
Gerhard Schulz, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Kurzbeschreibung
Hildegard Palm, 1945 in Dondorf bei Köln geboren, ist die Tochter eines ungelernten Arbeiters und dessen Frau Maria, erzogen im katholischen Glauben. »Wie viele Seiten hat ein Ding?« fragt die Sechsjährige ihren Großvater. »So viele, wie wir Blicke für sie haben«, antwortet er. Ihren Eltern ist Hilde verdächtig. Sie ist ganz offensichtlich aus der Art geschlagen, will sich nicht anpassen an die Regeln der Arbeiterklasse, strebt nach Höherem, spricht Hochdeutsch und rezitiert Schiller. Das weckt Mißtrauen und Angst in ihrer Familie. Als sie neun Jahre alt ist, legt sie eine Sammlung schöner Sätze und Wörter an - als Gegenwelt zum Gebrüll ihres Vaters und dem ängstlichen Geflüster der Mutter. Bücher werden zu ihrer Rettungsinsel
Der Verlag über das Buch
»Eine dicht erzählte Geschichte, die nie langatmig wird, die bis in die Lebensentwürfe der Nebenfiguren hinein brillant konstruiert ist. Klug und sprachlich wunderschön. Ein Roman, an dem die Lyrikerin Ulla Hahn viele Jahre gearbeitet hat und für den sich jede Stunde Lesezeit lohnt.« Birgitte extra (Buchspecial)
»Wer wissen will, wozu Literatur im Stande ist, der kann es sich von diesem Roman zeigen lassen.« Sandra Leis im Bund
»Dieser Roman hat ein schlagend wirkliches Herz und ein Charaktergesicht. Und während der Rhein im Hintergrund dahinströmt und mit dem Reichtum des Inhalts beinahe über die Buchdeckel schwappt, wird hier eine deutsche Geschichte erzählt im Format eines großartigen Mädchens.« Tanja Jeschke in der Stuttgarter Zeitung
»Ein faszinierendes, wunderschön geschriebenes Buch, das dem geheimen Orden [der Leser] neuen Zulauf bescheren könnte.« Duglore Pizzini in der Presse
»Dieser Erziehungs- und Bildungsroman ist eine wunderbare Lektüre. Wer hätte gedacht, dass das Schillersche Pathos von der Freiheit der Gedanken noch einmal so überzeugen könnte wie in diesem Roman über dat Heldejaad aus Dondorf, das sich befreit aus der lieblosen, knechtenden Enge eines proletarischen Haushalts mit der Kraft des Wortes?« Stuttgarter Nachrichten
»Und warum interessiert diese ellenlange Geschichte von 600 Seiten? Weil in diesen Zeiten der Kurznachrichten und Schnellschreiberei, der hastigen Meinungen und hohlen Polemiken diese Ausführlichkeit das Herz wärmt [ ] Ein unübertreffliches Sittengemälde.« Jürgen Flimm in der Woche
»Wie das kleine Kind aus Steinen Geschichten herausliest, nach dem Verhältnis von Worten und Dingen sucht und in Märchen die Magie der Sprache entdeckt oder aber als intelligente Schülerin leiden muß, das ist mit so viel Feingefühl und Beobachtungsreichtum dargestellt, daß allein diese schon reichen Lohn für die Ausdauer bei der Lektüre des Buches darstellt.« Gerhard Schulz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
»Wegen seiner Lebensfülle und seines authentischen Zeitkolorits vermag der Text in seinen Bann zu schlagen. Und wegen des Leidensdrucks, der sich mit liebevoller, nie gehässiger Ironie und Situationskomik zur Geschichte eines persönlichen Triumphes verbindet.« Katrin Hillgruber in der Badischen Zeitung
Lesermeinung (amazon.de):»Welche Kraft und welch' Ausdruck die deutsche Sprache besitzen kann! Es ist schon erstaunlich, wie eine Schriftstellerin aus Banalitäten des Alltags eine sinnesraubende Wortzauberei erschafft. Der Roman ist über große Strecken an Poesie kaum zu übertreffen und sucht in der zeitgenössischen Literatur Vergleichbares! Ulla Hahns Roman ist eine wunderbare, über Strecken schmerzhafte Beschreibung des Lebens, Fühlens und Denkens eines Kindes der 50er Jahre. Geht oder ging es mir in den 60er Jahren, der heutigen Generation, anders? Das bisschen Kölsch stört nicht! Ganz im Gegenteil: Die Wortklaubereien manch anderer, oftmals preisüberhäufter, Schriftsteller/innen werden ad absurdum geschrieben! Ein wunderbarer Roman! Auf diesem Wege mein Dank für viele Stunden intensiven Lesens, Verstehenlernens und der Genugtuung, endlich eine der deutschen Sprache mächtigen Schriftstellerin gefunden zu haben. Liebe Ulla Hahn: Wann folgt die Fortsetzung? Mit 14 oder 15 Jahren fängt das Leben doch erst an!« -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Klappentext
Der Spiegel
»>Das verborgene WortDie Zeit
»Eine ganze Generation wird sich darin wiederfinden und später Geborene verstehen, warum Eltern und Lehrer so sind, wie sie sind.«
Focus
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Gebundene Ausgabe
.
Über den Autor
Auszug aus Das verborgene Wort von Ulla Hahn. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Vom Westen wehte ein feuchter, lauer Wind. Der Rhein roch nach Fisch und Metall, Seifenlauge und Laich, und das Tuten der Schleppkähne, bevor sie an der Raffinerie in die Kurve gingen, war schon jenseits des Dammes in den Feldern und Weiden zu hören.
Ich riß mich los von der Hand des Großvaters, rannte vorwärts, zurück, ergriff seine Hand, ließ sie fahren und hielt sie wieder, fiel hin und stieß mir das Knie, schrie, Freudenschreie, aufsässig und wild. In einem weiten Bogen führte ein Pfad die Böschung hinab durch sumpfige Wiesen, durchs Schilf ans Ufer aus Sand und Kies.
Der Großvater ging voran, dicht am Wasser entlang. Flache Wellen füllten die Mulden, die sein Klumpfuß im nassen Sand hinterließ, winzige Teiche, eine blinkende, blitzende Spur, wie nur er sie schaffen konnte.
Wo im seichten Wasser am Ufer die Algen schwangen, zeigte er uns den Bart des Wassermannes, ein gewaltiges grünes Gestrüpp, das nichts von seinem Gesicht erkennen ließ und von der Piwipp, einem Bootshaus am gegenüberliegenden Ufer, bis zur Rhenania reichte. Sprang ein Frosch hoch, sagte der Großvater Prosit!, und wir riefen Hatschi! Der Riese hatte geniest.
Hürt ihr de Welle? fragte der Großvater und legte den rechten Mittelfinger auf den Mund. Den Zeigefinger hatte er als junger Mann in der Maggifabrik verloren, noch bevor er aus der Schweiz ins Rheinland gewandert war.
Wir hörten die Wellen und gaben Antwort, sprachen die Wellensprache; doch niemals so gut wie der Großvater, den keine Zähne mehr störten, der schlpp machte, schlpp wie die Wellen. Schipp, schlpp, das hieß Ja, wenn die Welle die Kiesel am Ufer überströmte, Nein, wenn sie sich zurückzog. Ja und Nein; Ja und Nein. Der Rhein wußte Bescheid. Beides gehörte zusammen. Fragte man im richtigen Augenblick, bekam man die richtige Antwort.
Ganz wie die Menschen sprach der Rhein. Milde, wenn der Wind ihn nur leicht bewegte, herrisch und aufbrausend, wenn die Schleppkähne, bergehoch mit Kohle beladen, stromaufwärts tuckerten und ihre Wellen die verbotenen schwarzen Steinhaufen überspülten. Böse Riesen hätten die Haufen zusammengeworfen, um den Rhein aus seiner Bahn zu bringen. Aber die Kribben hielten den Rhein in seinem Bett, tobte er auch so zornig dagegen wie zu Hause der Vater.
Lieber hörte ich auf den Wind in den Bäumen. Kein Baum rauschte wie der andere. Sie sprachen anders zu allen Jahreszeiten, und im Winter verstummten sie beinah ganz. Sichtbar brachte der Wind Schilf und Pappeln zum Reden, die auf seinen geringsten Anruf antworteten, als wollten sie ihm folgen. Lurt ens, sagte der Großvater, schaut mal, wenn im Frühjahr der Pappelsamen flog, do wandere de Bööm.
Wir sammelten flache Steine, nicht dicker als eine Graubrotscheibe, von der Großmutter geschnitten. Wenn der Großvater in die Knie ging und sie aus einer Drehung des Oberkörpers heraus übers Wasser schickte, war jede Berührung von Strom und Stein Station auf seiner Reise. Einmal, zweimal, dreimal; Kiesberg, Holtschlößchen, Großenfeld;ENDstation der Elektrischen, die halbstündlich hinter unserem Garten in den Gleisen quietschte. Wollten wir weiterreisen, mußten wir weiterzählen. Fünfmal ging es nach Rüpprich zum falschen Großvater, dem Stiefvater des Vaters, siebenmal war Schloß Burg. Zehnmal war Kölle. Ließ der Großvater einmal wie aus Versehen einen Stein, Plumps!, versinken, schrien wir Düsseldörp! Eine glatte Null.
Bei unserer Weide sammelten wir Steine fürs Ritterspiel. Nie machten wir den ersten Ausflug im Jahr zu den Weiden, bevor wir nicht unter den größten und schönsten Busch, unter unsere Weide, die Großvaterweide, kriechen konnten und die Zweige über uns zusammenrauschten.
Kleine, runde Steine brauchten wir zuerst, Zwerge und Diener. Sie mußten mich zu Kaisern und Königen, Prinzessinnen und Feen, den Bruder auf die Spuren finsterer Räuber und kühner Ritter führen. War ein grauer Spitzling ein Räuberhauptmann oder doch ein Kunibert, ein Ritter? Hexen waren rauh und bucklig, Feen warm und glatt. Die Königsbraut, weiß, seidig und eiförmig, wurde mit Erde eingerieben; grau und unscheinbar getarnt, hatte sie unter tiefhängenden Weidenzweigen ihrer Erlösung zu harren. Die kam mit dem König, dem sonderbarsten und dicksten Stein, einem Kaiser, wenn er durchlöchert war. In einer Weidenkutsche machte er sich auf die Suche nach einer Frau. Einmal um die Weide, wo der Großvater auf seinem Taschentuch saß, ging der Weg in die weite Welt, gefährlich bevölkert von düsteren Räubern, die wir gemeinsam mit Ritter-Kuniberten einen nach dem andern in den Sand streckten.
Versteckte der Großvater die Königsbraut, vermuteten wir böse Mächte, bis er den Zauberstein aus seiner Westentasche zog und in die Sonne hielt, ein dunkellila Strahlenbündel, prächtiger als der Kranz der Maria im Kapellchen, das Auge Gottes in der Kirche, und ebenso allwissend. Immer blitzte der herrliche Stein dorthin, wo die Königin ihrer Entdeckung harrte. Frohgemut fuhr der Erlöser vor, lud die mit Erde Beschmierte auf und spülte sie hochzeitlich sauber in den Wellen des Rheins. (...) -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .