Auch wenn meiner Generation von Frauen (Jahrgang 1962) der Weg zur Bildung nicht mehr verwehrt war, findet man als Frau in diesem autobiografisch gefärbten Roman von Ulla Hahn ein hohes Identifikationspotenzial mit der weiblichen Protagonistin Hildegard Palm. Es handelt sich um einen Entwicklungsroman, der zwar durch zahlreiche Dialoge in rheinischem Dialekt regional gefärbt ist, aber die Handlung kann sich im Prinzip überall in der Provinz so abgespielt haben. Als die kleine Hildegard lesen und schreiben lernt, öffnet sich für sie die große weite Welt, der Sesam öffne dich" zum Verborgenen Wort". Ihr Interesse am Lesen, an Bildung, ihre Sehnsucht, dem Arbeitermilieu zu entfliehen, zur besseren Gesellschaft zu gehören, stoßen immer wieder auf neue Widerstände aus dem familiären Umfeld. Ein brutaler Vater, eine abgestumpfte Mutter, eine strenggläubige Großmutter, später die ungeliebte Lehrstelle im Büro einer Fabrik bilden das Gefängnis aus Gitterstäben wie in Rilkes Panther", aus dem Hildegard immer neue Ausbruchversuche wagt, in dem sie in Worte, Bücher, Geschichten flüchtet. Einziger Lichtblick bildet die liebevolle Beziehung des Mädchens zu seinem Großvater.
Auf Hildegard Palms Odyssee begleiten sie die großen Dichter Schiller und Goethe, Gottfried Keller, die Dichter der Romantik, des Naturalismus, des neuen Realismus.
Auch wenn Hildegard alle üblichen Höhen und Tiefen des Erwachsenwerdens durchlebt, körperliche Veränderungen, Freundschaften und erste Liebe, sie führt kein Tagebuch wie andere Mädchen, sie führt ein Buch der schönen und wichtigen Worte" und sie schreibt fiktive Briefe an Schiller.
Das Buch ist eine Offenbarung für jeden Menschen, ob Frau oder Mann, auf den Bücher schon vom Anbeginn der Kindheit eine große Faszination ausübten. Gleichzeitig bildet es eine sozialkritische Studie und ein Plädoyer für das Anrecht auf Bildung - vor dem Hintergrund des Bildungsnotstandes in vielen Teilen der Dritten Welt, aber auch dem Abschneiden bei den PISA-Studien der letzten Jahre in Deutschland aktueller denn je.
Ein anrührendes, lesenwertes Buch, das mich von der ersten bis zur letzten Zeile gefangen nahm - mit einem Ende, welches hoffen lässt.