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Wo komme ich her?, 16. Februar 2005
Rezension bezieht sich auf: Das unsichtbare Herz (Gebundene Ausgabe)
Merit, Dennis und Frederick treffen sich in einem Chatroom. Merit ist 17 und wütend, völlig außer sich, ihre Mutter ist grade gestorben und hat ihr kurz vor dem Tode noch gebeichtet, dass sie ihren wirklichen Vater nicht kenne. Der kam nämlich als Samenspende und war nicht der damalige Ehemann.
Frederick ist 15 und Pianist. Ein verdammt gute. Einer, der überall auf der Welt Konzerte gibt. Frederick wird mal zu den ganz Großen gehören, so sagen ihm alle. Sein Vater ist ein erfolgreicher Dirigent. Kein Wunder, woher Frederick das Talent geerbt hat. Aber auch er erfährt eines Tages, dass sein Vater keine Kinder zeugen kann. Sein biologischer Vater war ein Samenspender.
Dennis, ebenfalls 15, ist gehörlos wie seine Mutter. Und er ist Sprinter, er träumt von Olympia. Dennis ist wirklich gut im Laufen. Selbst den beiden Klonen entkommt er manchmal, die die ganze Schule terrorisieren. Auch Dennis stammt aus einer Samenspende. Seine Mutter wollte ein Kind, das gehörlos ist wie sie. Das konnte ihr ihr Mann nicht geben. Also bestellte sie eins bei der Samenbank.
Die drei treffen sich beim Chatten, bilden eine eigene Emailliste, mailen einander ihre Wut, ihre Verzweiflung, ihre Verlassenheit. Wortführerin ist Merit, deren Mutter eine lesbische Beziehung hatte, Birge, die so etwas wie die Vaterstelle bei Merit vertrat. Oder auch nicht. Oder noch viel mehr. Denn Birge war immer für Merit da. Aber Mama schob die, wenn sie selbst wieder mal Zeit hatte, einfach beiseite. Birge ließ sich schieben. Sie hatte nie viel Energie.
Die Erwachsenen reagieren hilflos auf ihre Fragen oder genervt. Sie sind verunsichert, verstehen auch nicht, warum diese Frage so wichtig ist. „Wir lieben dich doch", sagen die Eltern der drei und glauben, das erkläre und entschuldige alles.
Merit bricht bei der Ärztin ihrer Mutter ein und stiehlt die Krankenakte, Frederick gibt das Klavierspiel auf und flüchtet aus der Kleinstadt in die Großstadt, Dennis verlässt ebenfalls die elterliche Wohnung. Alle drei wollen ihre Väter, ihren wirklichen Vater finden. Wissen, woher sie kommen, von wem sie abstammen.
Hektisch ist der Roman, manchmal schwer zu folgen, aber gleichzeitig ergreifend und zieht den Leser in das Leben und die Suche der Drei hinein, lässt ihn wünschen, dass dem Trio das unmögliche gelingen möge, dass sie ihre Väter finden. Doch man ahnt, dass dieser Suche kein Erfolg beschieden sein wird. So kommt das Ende auch reichlich abrupt und ambivalent, lässt den Leser ratlos zurück.
Friedrich Ani, der so viele Krimis um den Kommissar Süden geschrieben, schreibt auch Bücher für Jugendliche. Nicht die üblichen Themen, nicht die üblichen Geschichten und schon gar keine Krimis. Trotzdem (oder grade deswegen) gut. Expressionistisch die Sprache, Borchert goes Pop. Existenzialistisch oft das Thema, Sartre in München-Giesing und immer eine verwirrend schillernde Momentaufnahme von Leben heute.
Ein Roman der anderen Art für Jugendliche, aber erst recht für Erwachsene. Lesen!
(C) Hans Peter Roentgen
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