Ein Buch über dessen eigenen Anspruch hinaus zu beurteilen, sei dieser im Werk selbst nun explizit genannt oder nicht, ist immer so eine Sache. Andererseits: Von vornherein davon auszugehen, dass gehobene Kost wie z.B. diese überarbeitete Dissertation von Christoph Kucklick automatisch unter den Generalkonsens fällt, die potenzielle Zielgruppe bestehe sowieso nur aus einer intellektuellen Elite, ist auf Dauer ein ziemlich billiges und allzu leichtfertig gemachtes Zugeständnis. Es gibt ja schließlich noch die Mehrheit der Nichtintellektuellen. Und wenn die im Allgemeinen nicht zählt, so doch hoffentlich wenigstens diejenige unbestreitbare Mehrheit unter allen Lesern, die das ,was sie liest, auch gern verstehen, wenn nicht gar praktisch anwenden möchte. Dem an sich vielversprechenden Thema anhand Kucklicks Bearbeitung das ersehnte Aha-Erlebnis abzuringen, dürfte jedenfalls nicht nur Spaßlesern schwerfallen.
Zwar ist der mit vorbildlichem Fleiß recherchierte Rückblick auf alles, was mit der Entstehung von Geschlechterbildern zu tun hat, durchaus informativ. Aus den darin eingeflochtenen Thesen und Schlüssen des Autors dessen beabsichtigte oder unbeabsichtigte Eigenleistung herauszufiltern, ist allerdings eine Herausforderung, deren Goutierbarkeit bezweifelt werden darf. Allein angesichts des Einsatzes von und Umgangs mit gewissem Vokabular, wenngleich dies nicht ohne anderweitige sprachliche Virtuosität geschieht: Beispielsweise könne man, so der Autor, ohne seine aufgezeigte Negativandrologie die modernen Geschlechterverhältnisse nicht angemessen verstehen; den privilegierten Zugang zur hyperkomplexen heterarchischen Geschlechterlandschaft verschaffe ihr (also seiner Negativandrologie) allerdings erst die soziologische Systemtheorie. Alles klar? Ja, klar ist das klar. Aber nur denjenigen, die... Des Weiteren scheint Kucklick einen Narren an dem Methusalem unter den Hohl-Vokabeln "Struktur" und all dessen Variationsmöglichkeiten gefressen zu haben (wie übrigens viele seiner Kollegen, womit ich der Einfachheit halber alle modernen Geisteswissenschaftler meine): Als da wären "Strukturwandel", "Strukturlogiken", "Strukturaspekte" und überhaupt (um diejenigen nicht zu enttäuschen, die der Substantivbildungen nun überdrüssig sind) ließe sich da einiges viel "strukturreicher" regeln als anderes, und zwar möglichst "strukturgenau"... Logisch, ne. Dieses Herum"struktur"ieren nervt gewaltig, denn eine für das klare Verständnis unabdingbare verbindliche, geschweige denn intersubjektive Aussagekraft kann man diesem heillos abgenutzten Nullwort beim besten Willen nicht zugestehen, egal, wie eng der Kontext ist. Und wer dank weiterer deftiger Geschosse wie z.B. "konjugale Kybernetik" (man möge dies googeln und nicht überrascht sein) am Ende immer noch so schlau ist wie zuvor, der sollte sich nicht schämen: Wer hier ohne die Weihen philosophiegeschichtlicher Grundschulung zu Felde zieht, steht eben ganz schön im Wald. Dabei sind die ganzen Begriffe an sich erst das halbe Problem; hinzu kommt der Zusammenhang, in den sie jeweils hingebracht, aus dem sie herausgerissen oder in welchem sie auch mal ganz einfach nur zitiert werden.
Dabei hat der Autor der von ihm hiermit ins Leben gerufenen Randdisziplin ,Geschlechterdiskursologie' (ich nenn's mal so... auf diesen Paraneologismus kommt's nicht an) nicht mal in formaler Hinsicht ein durchweg seriöses Denkmal gesetzt: Es fängt damit an, dass Kucklick die Grundlagen der Arbeit Lieselotte Steinbrücks ("Das Moralische Geschlecht", 1987), auf die er offensichtlich aufbaut, nur unzulänglich beleuchtet, wodurch sich zu seinen weiteren Ausführungen kein befriedigender Zusammenhang ergibt (überhaupt bleibt so einiges im Dunkeln). Kritische Augen erhalten außerdem Gelegenheit zu bemängeln, dass der Autor manche der Textauszüge, hinter denen ein großer Name steht (z.B. Rousseau, Kant) nicht aus den Originalwerken, sondern aus einer Sekundärliteratur zitiert. Gut, Letzteres ist keine Katastrophe. Das Dumme ist nur: Diese verpönte Unsitte geht, wie bereits angedeutet, ausgerechnet mit einem Dauerfeuer an fachlich nur bedingt zu rechtfertigenden, grenzwertigen Begriffsverschlingungen einher (die manche RezensentInnen übrigens ganz unkritisch aufgreifen, als könne man dergleichen wirklich als selbstverständlich voraussetzen - so weit sind wir schon). Das ist eine bedenkliche Mischung. Jedenfalls wird es nix mit transparenten (Kern-)Aussagen, so lange man sie hinter den wildwuchernden Dornhecken akademischer Insiderverbalisierung und prätentiöser Abstrahierung suchen muss. Das ist nicht nur beklagenswert, sondern auch out. Im Zuge der modernen Bildungssystemoptimierungs- und Effizienzbemühungen sind Forschung und Lehre dazu angehalten, wenigstens ihre mit Veröffentlichungszwang beauflagten Erzeugnisse (also Dissertationen) so aufzubereiten, dass sie zumindest auf Verständnisebene so weit wie möglich als Gemeingut nutzbar sind (natürlich möglichst ohne populistische Verflachung). Und sei es, indem man das Diskrepanzbewusstsein hellsichtig kommuniziert und eine Art ,Voraussetzungskatalog' voranstellt, damit man immerhin verstehen kann, warum man etwas nicht versteht. Da sind die Geisteswissenschaften nun mal am meisten in der Pflicht, denn jeder historische, philosophische, soziologische, politologische und psychologische (...) Sachverhalt lässt sich so erklären, dass man ihn ohne spezifische Vorkenntnisse verstehen kann, ohne deswegen gleich bei Adam und Eva anfangen zu müssen - wenn man wirklich will. Da kommt mir spontan Wolf Schneider in den Sinn, wie er in seiner jüngst als Beilage einer nicht unbekannten Zeitung erschienenen Deutsch-Stilkunde Folgendes bemerkte (gerade zum Thema "Wissenschaftsjargon"!): "Viel bewirken könnte ein guter Wille in den Geisteswissenschaften. Gerade ihnen fehlt er aber oft. Wollen Philosophen, Soziologen, Psychologen überhaupt verstanden werden? Oder vertrauen sie darauf, dass viele Leute - und Deutsche mehr als Engländer oder Franzosen - gern alles für erhaben halten, was sie nicht verstehen? Oder treibt sie gar die Sorge um, von ihrer Wissenschaft bliebe nicht genug übrig, wenn sie sich verständlich machte?"
Geht es hingegen um Linguistik und Natur, sieht es natürlich schon etwas anders aus. Beim elaborierten Ausloten von Phänomenen wie Suprasegmentalia, Fraktalgeometrie oder Quantentheorien darf man auch dem Laien zumuten, vorher angemessen "nachzurüsten", möchte er da mithalten.
Bleibt die Frage: Was bringt's ansonsten, d.h., wenn man sich in der glücklichen Lage befindet, diese Hürden überwunden und alles soweit einigermaßen verstanden zu haben - wenn man "weiß", welches Geschlecht jetzt welches Image hat und warum und seit wann und so? Hier wären wir wieder bei der Frage, an welchem Anspruch genau man so ein Werk messen soll. Ein praktisch verwertbares Lehrstück zur Geschlechterfrage der Gegenwart liegt jedenfalls so oder so nicht vor. Denn: Diejenigen, die einfach nur wissensdurstig sind, sich ansonsten um dergleichen aber überhaupt nicht kümmern und einfach nur ganz egozentrisch und eigennützig ihren Weg gehen nach dem dankbaren Motto "Hauptsache, glücklich", werden sich von Kucklicks Erkenntnissen ebenso wenig auf hilfreiche Weise angesprochen fühlen wie diejenigen, deren Ich-Kompetenz und sexuelle Identität durch gewisse fatale Einwirkungen schon beschädigt oder gar zerstört waren, noch bevor sie überhaupt gedeihen konnten. Einwirkungen von z.B. der ausgreifenden gesellschaftlichen Art, wie sie Kucklicks Thema als solches überhaupt erst tauglich bzw. relevant gemacht haben. Genau deshalb ist ein solcher Extremfall als Zielgruppe auch so bedeutend. Er selbst bildet zwar keine Mehrheit; diejenigen, die im Prinzip von derselben Problematik betroffen sind, jedoch schon. Es ist schließlich kein Zufall, dass dieses Werk genau jetzt erscheint, denn wie so viele reagiert es auf ein aktuelles prominentes Phänomen, in diesem Fall a) eine handfeste Krise bezüglich eines b) zeitlosen Themas. Krisen schaffen Nachteile und Notwendigkeiten. Insofern repräsentiert das soeben genannte Extrem nichts Geringeres als den maximalen Bedarfsfall unter sämtlichen Betroffenen. Und wenn man den nicht ernst nimmt, was dann? Soll heißen, wenn schon mal jemand das zündende, um nicht zu sagen das richtige Thema anpackt, dann stünde es gerade einer dermaßen ambitionierten Abhandlung wie Kucklicks gut zu Gesicht, auch ihre Chancen zu sozialer Verantwortung zu nutzen: Nicht nur die goldene Mitte zu treffen zwischen unterkühlter Fließbandpromotion und idealistisch überdrehter, unnötig politisierender Weltverbesserungsutopie (als letztere enden weit banalere "wissenschaftliche" Werke oft genug). Sondern das auch auf solche Weise zu tun, dass des Pudels Kern dort hinfallen kann, wo der Boden am fruchtbarsten ist. Eine Überdosis graue Theorie als Staubfänger zum alibimäßigen Aufblähen der Hausbibliothek Möchtegerngebildeter, wie sie hier vorliegt, leistet dies jedoch nicht.
Amüsanter und anschaulicher ist da schon Kucklicks unlängst veröffentlichtes Essay "Das verteufelte Geschlecht", eine Art Kurzfassung von allem. Man kann nur mutmaßen, welchen Motiven eine solche Streuung seiner Bearbeitung des Themas zu verdanken ist. Aber das ist nicht so wichtig. Hauptsache, alles, was Kucklick dazu noch so vom Stapel lassen mag, bewegt sich ebenfalls in die richtige Richtung - zumindest, was die Darstellung angeht.
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