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Das unbesetzte Gebiet. Im schwarzen Berg
 
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Das unbesetzte Gebiet. Im schwarzen Berg [Gebundene Ausgabe]

Volker Braun
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Die können uns doch nicht vergessen haben - Volker Braun träumt von herrschaftslosen Zeiten Von Beatrix Langner Drei Jahre Kapitalismus habe er vormals, witzelt Volker Braun, einer Stadt wie Leipzig gewünscht, damit wenigstens die Fassaden saniert, die Gehwege repariert, die Bausubstanz gerettet würde. Gesagt, getan. Der Kapitalismus kam, aber nun würden ihn, fragte man das Volk, dreissig Prozent gern wieder gegen den Sozialismus zurücktauschen, «vorausgesetzt, er wollte nur zur Beseitigung des Unrechts dienen und Gleichheit herstellen und sich im Übrigen wieder abwählen lassen». Hinsichtlich der jüngsten Wahlergebnisse liegt der Katechet eines freien, demokratischen Sozialismus, der Dichter der dialektischen Staatsräson damit gar nicht so falsch. Und so träumt Braun weiter von einer «bewegliche(n) Gesellschaft, die fähig wäre, sich zu besinnen und sich aus sich selbst zu reissen, in einem Zyklus von Siebenjahrplänen aus Handel und Wandel, Revolutionen und Konterrevolutionen, Aufsichtsräten und Räterepubliken. Das wäre der Stoff eines grandiosen Zukunftsromans, des wirklichen west-östlichen Divans. Ich kann ihn nicht schreiben.» Im Niemandsland Wenn die politische Phantasie deutscher Schriftsteller jemals die Geschichte ihrer kurzlebigen Staatengebilde hätte beeinflussen können, sie wäre anders verlaufen. Nur einmal, ein einziges Mal war es so, wie kein Schiller, Büchner oder Braun es sich kühner hätte ausdenken können. Am 19. Mai 1945 druckt sich das Landratsamt Schwarzenberg im Osterzgebirge eigene Briefmarken. Der Hitlerkopf wird mit der Silhouette des Schlosses, Wahrzeichen der kleinen Bergarbeiterstadt am Fichtelberg, schwarz überdruckt. Nachdem Anfang Mai die Demarkationslinie auf dem 13. Breitengrad zwischen General Bradleys 12. US-Army und Marschall Konjews 1. Ukrainischer Front festgelegt worden war, stockt der Vormarsch. Am 9. Mai liegen 2000 Quadratkilometer Deutsches Reich zwischen Annaberg und Aue unbesetzt und «herrschaftslos» auf der deutschen Landkarte herum, ein unbeschriebenes Blatt, Niemandsland für eine Viertelmillion Menschen. «Die können uns doch nicht vergessen haben», wundert sich einer, der später davon berichten wird, der Arbeiter Paul Korb. Also gründen er und eine Handvoll ehemaliger Kommunisten einen Antifaschistischen Aktionsausschuss, besetzen das Schwarzenberger Rathaus und drucken sich ihren eigenen Frieden. So weit die Historie. Die «freie Republik Schwarzenberg» bestand nach Aktenlage 47 Tage, vom 11. Mai bis 26. Juni. Die Deutsche Demokratische Republik bestand 40 Jahre und 361 Tage. Und hier beginnt die Legende. Als sächsisches Utopia, in dem wahrhaftig alle Macht vom Volk ausgegangen war, hat Stefan Heym die Angelegenheit in seinem Roman «Schwarzenberg» beschrieben. Als «Aufstand der Totgesagten» feierte vor ihm ein anderer, der mediokre und parteitreue Johannes Arnold, die kommunistische Selbstverwaltung als späten Triumph der weimarischen KPDler. Nun erzählt Volker Braun sie noch einmal, aber auch er, der sonst so gern Sarkasmus und fürchterlichen Witz über seine Zeitgenossen schüttet, hat von der Farce, dem Gauklerischen dieser seltsamen Geschichtssekunde nur verhalten Gebrauch gemacht. Zu elend waren die Zeiten, zu erdrückend die Schatten, die von den Bergen aus Toten in die ersten Friedenstage fielen, als dass man es ihm verdenken könnte. Die Geschichte von Schwarzenberg ist, wie gesagt, so komisch, wie sie exemplarisch ist für Brauns Idee einer offenen, beweglichen Geschichte, jedenfalls aber untauglich für kommunistische Mythenbildungen. Seit den ersten freien Wahlen im September 1946 hatte die Block-CDU die Mehrheit im Rathaus, bis zuletzt. Ihre Aktivisten haben die kurze Chronik der Selbstverwaltung selbst erzählt, und Volker Braun hat ihre Zeugnisse auf gut 50 Seiten verdichtet und dokumentiert. «Keine Gestalt und Begebenheit ist erfunden», heisst es, «Abweichungen von real existierenden Personen sind Zufall.» Warum die Schwarzenberger sich ihre Besatzer schliesslich selber hereinholen mussten, hat der Publizist Henry Köhler schon vor Jahren recherchiert. Demnach habe es Absprachen der USA mit der Wehrmachtsführung gegeben, wonach die Osterzgebirgstruppen unter Generalfeldmarschall Schörner bis zuletzt Widerstand gegen den Vormarsch der Russen, nicht aber der Amerikaner leisten sollten, um möglichst vielen NS-Soldaten der letzten Stunde ein Schlupfloch in die amerikanische Zone freizuhalten. «Der kalte Krieg hatte vor dem Frieden begonnen, und Schwarzenberg spielte seine unbegriffene Rolle», kommentiert Braun und schliesst sich damit Köhlers These an. «Das unbesetzte Gebiet» vibriert von der poetischen Kraft braunscher Sentenzen. Die reale, dokumentierte Geschichte wird postum besetzt, ohne enteignet zu sein. Aus der politischen Anekdote wird so allein durch Sprachkunst ein geschichtsphilosophisches Exemplum, die Verfassungspräambel einer freien Republik des Geistes. Denn auch Volker Braun, der Dichter Ohneland, versteht sich als Bewohner eines Niemandslands. Da geht es nun nicht mehr, wie bei Heym noch, um republikanische Geschichtsfiktionen. Braun entideologisiert die «freie Republik», um die Freiheit für sich selbst zu reklamieren; als Ideal, das nur noch insofern von dieser Welt ist, als es sich auf den subjektiven Freiheitsbegriff Schillers, Kants oder Büchners beruft: anarchistisch, individualistisch und radikal. Auf das Exemplum folgt die Pictura, eine Sammlung kurzer Prosatexte, die unter dem Titel «Im schwarzen Berg» motivische oder politische Bezüge auf Schwarzenberg zusammenfasst. Das Bedeutungsfeld reicht von einem klugen Beobachter der 1848er Revolution namens Braun über eine schöne Hommage an Franz Fühmann, dessen letzte literarische Arbeit ihn verzweifelt tief ins Kalibergwerk Bischofferode zog, bis zu den Massakern von Bali und in Moskaus Nord-Ost-Theater und zu den an den Küsten der Festung Europa angetriebenen Menschenleibern. Das also bleibt von der Utopie Schwarzenberg: ein briefmarkengrosses Gebiet im unermesslichen Feld der Gegenwart, Freihandelszone «einer jeden künftigen Haltung, die als Literatur wird auftreten können». Ein poetischer Topos Wem eine Geschichte gehört, darüber gibt es derzeit Streit in der deutschen Literatur. Fiction, Faction und Fake konkurrieren um den Doku-Bonus beim Massenpublikum und überbieten sich, wenn es darum geht, etwas als auf wahren Begebenheiten basierend auszugeben. Auch Literatur ist nicht davor geschützt, zur Geisel der Wirklichkeit zu werden. Auf den Abraumhalden der Utopien blühen nur noch die bösen Blumen einer literarischen Phantasie, die sich permanent von der Wirklichkeit in den Schatten gestellt sieht. Wer immer noch meint, diese Wirklichkeit sei der Stoff für Literatur, entzieht sich ihrer traumatisierenden Zerstörungskraft ins Vage. Volker Brauns Schwarzenberg jedenfalls ist, dem realsozialistischen Vokabular entzogen, was jener berühmte Bergmann in Falun, der schon 52 Jahre in Kupfervitriol konserviert im Schacht lag, als er von seiner zur Greisin ergrauten Braut wiedererkannt wurde, für Hebel, Hofmannsthal, Trakl und E. T. A. Hoffmann wurde, ein poetischer Topos von universeller Geltung. «Ich bin mit der Kunst am Ende; nur die Übertreibung ist wahr, kein Theater mehr ohne die Vorstellung, dass es zur Hölle wird, keine Kunst ohne den Traum, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.»

Pressestimmen

"So wie ein Bergmann Flöze anschneidet und Proben zutage fördert, so gräbt Volker Braun in den Stollen der Geschichte und bringt die erstaunlichsten Dinge ans Licht. Die Proben, die er dem schwarzen Berg entnimmt, verweisen auf Kant, Bloch, Kleist, Hebel, Brecht und Peter Weiss, selbstverständlich auf Stefan Heym, vor allem aber auf Franz Fühmann, der ja tatsächlich mit Bergleuten eingefahren ist..." (Der Falter )

"Entstanen ist damit ein Buch gegen den Trend der leicht verdaulichen Mainstreamliteratur, ein anspruchsvolles, hintersinniges Kompendium für alle Querdenker, die mit Volker Braun die Einschätzung teilen, dass auch ich mich in einem besonderen Gebiet befinde, das zu niemand gehört." (Esslinger Zeitung )

Kurzbeschreibung

42 Tage lang, im Mai und Juni 1945, war das erzgebirgische Schwarzenberg unbesetztes Gebiet. Die Einwohner, die Flüchtlinge, Ostarbeiter und marodierende Soldaten fanden sich unverhofft im Niemandsland. Niemand war zuständig für sie, wer würde sie versorgen? Es begann eine herrschaftslose Zeit, nämlich ein großes »Durchenanner«; und das hieß für die einen ein banges Warten und für die anderen, wenigeren, ein »unverschämtes Beginnen«. Denn wenn man sie vergessen hatte, mußten sie sich auf sich selbst besinnen. Das ist eine Geschichte wie aus Hebels Kalender, und keine Person, keine Handlung ist erfunden, sie will ihre Kraft, ihre Rührung aus dem Wirklichen ziehen. – Ein Anhang enthält Erkundungen, Grabungen im schwarzen Berg; und wieder spricht das Massiv: Seht, wie ihr weiterkommt. Vor Ort, im Dunkeln, bewährt sich der Satz des Autors: »Jetzt bin ich in der Geschichte, und eine andere Frage stellt sie nicht, auch wenn sie vorbei ist; vorbei und verloren ist, und man sieht nun, was wahr war und was nicht war. Denn es ist jetzt mein eignes Gebiet, das unbesetzt ist, von den Truppen der Doktrin und des Glaubens, und nur Hoffnung vielleicht siedelt, die uns betrügt und weiterträgt.«

Über den Autor

Volker Braun wurde 1939 in Dresden geboren. Nachdem er sich nach dem Abitur vergeblich um einen Studienplatz bemüht hatte, arbeitete er von 1957 bis1960 in einer Druckerei in Dresden, beim Tiefbau-Kombinat Schwarze Pumpe und absolvierte einen Facharbeiterlehrgang im Tagebau Burghammer. Von 1960 bis 1964 studierte er dann Philosophie in Leipzig und zog nach dem Ende des Studiums nach Berlin, wo er bis 1966 als Dramaturg am Berliner Ensemble arbeitete. Von 1977 bis 1990 arbeitete er am Berliner Ensemble. Im Wintersemester 1999/2000 erhielt er die Brüder-Grimm-Professur an der Universität Gesamtschule Kassel. Braun erhielt zahlreiche Preise, unter anderen den Büchner- Preis im Jahr 2000 und den ver.di-Literaturpreis 2007. Volker Braun lebt heute in Berlin.

1939
Geburt in Dresden

1957/58
Druckereiarbeiter in Dresden, nachdem er sich nach dem Abitur vergeblich um einen Studienplatz bemüht hatte

1958/59
Tiefbauarbeiter im Kombinat Schwarze Pumpe

1959/60
Facharbeiterlehrgang, Maschinist für Tagebaugroßgeräte im Tagebau Burghammer

1960-1964
Studium der Philosophie in Leipzig

1964
Erich-Weinert-Medaille

1965
Nach Beendigung des Studiums Umzug nach Berlin, Heirat; Geburt einer Tochter

1965/66
Dramaturg am Berliner Ensemble

1971
Heinrich-Heine-Preis des Ministeriums für Kultur der DDR

1972-1977
Mitarbeiter des Deutschen Theaters Berlin

1970
Mitglied des PEN-Zentrums der DDR

1973
Mitglied im Vorstand des Schriftstellerverbandes

1977-1990
Mitarbeiter am Berliner Ensemble

1977
Korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz

1980
Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste, Berlin DDR

1981
Lessing-Preis des Kulturministers der DDR

1983
Mitglied der Akademie der Künste der DDR

1986
Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen

1987
Mitglied im Präsidium des Schriftstellerverbandes

1988
Nationalpreis 1. Klasse

1989
Berliner Preis für deutschsprachige Literatur

1990
Mitglied der Akademie der Künste Berlin (West)
USA-Aufenthalt
Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, Frankfurt
Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik (Ost-PEN)

1991
im Beirat der Zeitschrift "Sinn und Form"; Kuratoriumsmitglied der Literaturwerkstatt Berlin

1992
Schiller-Gedächtnis-Preis des Landes Baden-Württemberg
1993
Gast der Villa Massimo in Rom; Mitglied der (gesamtdeutschen) Akademie der Künste, Berlin

1994
Gast der University of Wales

1996
Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste, Dresden
Poetikvorlesung an der Universität Heidelberg
Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt
Deutscher Kritikerpreis

1998
Erwin-Strittmatter-Preis des Landes Brandenburg
Hans-Erich-Nossack-Preis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft BDI

1999
Brüder-Grimm-Professur an der Universität Gesamtschule Kassel im Wintersemester 1999/2000

2000
Büchner-Preis

2005
Goldener Schlüssel der Stadt Smederevo

2007
ver.di-Literaturpreis 2007

Auszug aus Das unbesetzte Gebiet von Volker Braun. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Das Naturtheater von Schwarzenberg. In der zweiten Nacht hatten sie spitzbekommen, daß sich die Kreisleitung verdünnisierte. Sie sollte sich in der Naturbühne eingenistet haben. Korb Paul stellte seine Truppe zusammen für einen großen Auftritt; die Requisiten auf dem Wagen, mit dem sie den Berg hochkachelten. Der Schuster Stocklöw war mit aufgesprungen, weil Blechschmidt bei der Bahn, weil se nicht kam, nich abkömmlich war. Es wär keine Kunst, behauptete Korb, die Hunde festzunehmen: das Spiel sei aus. Das Theater lag in einem aufgelassenen Steinbruch. Korb ließ die Eingänge besetzen und stürmte mit den andern hinein und, das war nun seine Vorstellung, ballerte in den Saal. Ein ungeheurer Hall, aber niemand zeigte sich, die Nazis hatten Lunte gerochen. Man kannte die Komödianten, sie würden sich feige versteckt haben und aus dem Hinterhalt starren. Stocklöw sah sich ängstlich um. Das Areal glich einer Festung, mit den Bruchsteinmauern und Laufgräben, zwei mannshohen Türmchen mit Sehschlitzen für den Souffleur oder Scharfschützen. An zwei Seiten stieg die Felsenwand auf, an der Sträucher hafteten und kleine Stege, über die man entkommen konnte. Unter den Füßen Bohlen, da wars hohl. Waren sie in die Falle gegangen? Da entdeckte Stocklöw ein Grüppchen, das sich hinten an die Kulisse drängte, einer im weißen Kleid mit goldenen Streifen und zwei oder drei wie Landsknechte verkleidet. Als Korb, die Pistole schwenkend, hinlief und sie greifen wollte, waren es lauter Kostüme, am Geländer aufgehängt. Er sah bedeppert drein und stotterte: Die wolln uns foppen. Es lagen auch Theaterzettel herum, von einer KOMÖDIE DER IRRUNGEN, und ein Plakat schwamm direkt im Wege: WALLENSTEINS LAGER. Ja, so sahs aus! aufgebrochene Kisten, Reste von Proviant, Benzinfässer, Unrat. Stocklöw Amand stand verloren auf der Bühne und hatte kein Textbuch zur Hand. Sie waren Dilettanten, zum Glück vor keem Publikum, und kein Applaus war zu ernten. Doch es würde kommen, das gebildete Tum, das zuschauen und absahnen wollte. Korb würde es nich beeindrucken mit sein Platzpatronen, aber es würde nicht von den Plätzen weichen. Der konnte nur Räuber und Gendarm. - Dann sah er Löffler Kurt, mit einer weißen Perücke betan, und Korb Paul hatte eine Krone ergriffen. Stocklöw schüttelte den Kopf, aber ein Lachen überkam ihn und kitzelte ihn. Sie hatten die Rollen besetzt, sie waren die Könige, Herrn, jetzt konnten sie spielen. Sie waren die Darsteller hier. Und er fühlte einen Moment die Verlockung, die Freiheit, die Pflicht, es allen zu zeigen, und recht zu machen und sie zu ergötzen, mit einer Aufführung, die man nie sah, und von der man erzählen würde hinter den Bergen und Wäldern.
Unterdessen übte sich die Masse in ihrem Fach: zu warten. Das hatte sie gelernt, und unterhielt sie, und machte nichtsdestoweniger Mühe. Sie wartete auf die Besetzung. Es war kein frohes, es war ein banges Harren, auf ein unausweichliches, hartes Ereignis, den schrecklichen Schluß; nur unbegreiflich, daß es nicht eintrat. Hatte man sie vergessen? Die Amerikaner waren nach Aue, nach Schneeberg hineingefahren, aber wieder aus dem Blickfeld verschwunden. Die Russen hielten in Annaberg an, und höchstens bis Schlettau zogen die Postenketten. Zu ihnen kamen sie nicht. Der große Heerwurm war vor dem Erzgebirge in Schlaf gefallen in seinem Schuppenpanzer aus Shermans und T 34. Den letzten steinigen Brocken verschmähte er. Was sollte jetzt wern? Man gehörte zu garniemandem. Fleischer Körner machte das letzte Hackfleisch und sah dem Nichts entgegen. - Er war auch ganz schlapp. Er war so lange mitgeloofen, nun waren die Beine müde. Man war halt ähmd wie gelähmt. Und die ganz Gewaltigen hatten garnichte mehr zu melden. Da waren aber ein paar Verrecker, die nicht warten wollten. Das waren Leute, die sich off eemal wichtig nahmen. Die standen auf der Straße, Morgenluft wittern. Kommunisten, die konnten nischt. Mit denen legte man sich nicht an. Er hatte ja nichts dagegen, daß wer in die Bresche sprang. Da hat man das erstemal hingenommen. Die konnten nicht warten; aber waren nicht vom Fach.
Korbs Kommando war unverrichteter Dinge aus dem Deater gekommen und griff nun Nebenpersonen und stadtbekannte Statisten auf. Sie wurden in den Turm gebracht. Einige von der alten Polizei, die sich in dem Gemäuer auskannten, waren den Hilfspolizisten zu Diensten (Klinghammer konnte sehr gut verhören). SA-Sturmführer Nestler, Körners Schwiegersohn, fragte Irmisch: Was macht ihr denn nu mit uns? - Irmisch:
Wir machen es nich wie ihr. Wir machen uns die Finger nicht dreckich. - Wie hätten sie es auch anfangen sollen? Sie konnten sie nicht salzen und fressen. - In den umliegenden Orten hatte man auch mobilgemacht, jedoch als es ernst wurde, hat dann oft der Mut gefehlt. Die Raschauer hatten vor, das Wehrertüchtigungslager, in Gottesgeschick! aufzulösen, wo die Vierzehn- und Fünfzehnjährigen noch gedrillt wurden, aber der Bürgermeister Gärtner hatte sich außerstande gesehn ohne vorgesetzte Befehle, und als sie die Bevölkerung vors Rathaus bestellten, um ihm seine Ablösung vorzusingen, war keiner erschienen und Gärtner wollte erst seine Pensionsansprüche geregelt wissen, und als Zellwege und Bach zum Landrat Hänichen gegangen waren und Max Weber getroffen hatten, hatte der versprochen mitzugehen, war aber unterwegs wieder ausgekniffen usw. In Grünhain der hatte sich, vor der Verhaftung, die Pulsadern aufgeschnitten. - Jeder Ort, sah man also, war seine eigene Republik, die keine Gremien außerhalb über sich wußte; aber innerhalb, hörte man, war kein Herauskommen. Die ganze Amtshauptmannschaft war an den Grenzen hermetisch abgeriegelt. Nur wo die Grenzen nun waren, war nicht bekannt, weil kein Durchkommen war bei Lebensgefahr. Sie waren schon im letzten Kriegsjahr so ein ausgespartes Stück Deutschland gewesen; jetzt war Schwarzenberg ein zugebundener Sack. In dem aber, nur in der Stadt, dreitausend Verschleppte steckten, tausend Verwundete in den Schulen, und zigtausende Flüchtlinge, wie sollte man die versorgen? Das war nich meechlich.
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