wintersale15_70off Hier klicken Jetzt Mitglied werden Reduzierte Hörbücher zum Valentinstag Cloud Drive Photos UHD TVs Learn More Bauknecht TK EcoStar 8 A+++ Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Autorip WSV

Kundenrezensionen

4,8 von 5 Sternen11
4,8 von 5 Sternen
5 Sterne
9
4 Sterne
2
3 Sterne
0
2 Sterne
0
1 Stern
0

Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel

Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

am 4. Mai 2007
Zwei Jahre nach Erscheinen der Originalausgabe dieses Buches ("The Blank slate") wurde der Sprach- und Kognitionsforscher Steven Pinker vom Time Magazine in die Gilde der gegenwärtig "100 einflussreichsten Menschen der Welt" gewählt (Time Magazine, April 26, 2004). Zuvor wurde er bereits von den renommierten Wissenschafts-Institutionen "National Academy of Sciences" und der "Royal Institution of Great Britain" ausgezeichnet. Er ist also kein Leichtgewicht.

Als der frühere Präsident der Harvard Universität, Larry Summers, im Januar 2005 "angeborene Unterschiede zwischen den Geschlechtern" als Ursache dafür ausmachte, dass Frauen unter den Professoren der Natur- und Ingenieurswissenschaften weit unterrepräsentiert sind, fegte ein Sturm der Entrüstung über den Campus (und letztlich den Präsidenten hinweg). Der Harvard Professor Steven Pinker wurde zu einer öffentlichen Debatte mit der Harvard Professorin Elizabeth S. Spelke zum Thema "Frauen in der Wissenschaft" eingeladen. Wie kaum zuvor wirbelten die geballten wissenschaftlichen Argumente durch den Saal. Im "Das unbeschriebene Blatt" hatte Steven Pinker seine kühnen Analysen zu diesem Thema bereits leidenschaftlich präsentiert.

Auch zu weiteren aktuellen Themen, wie die Nutzung von Stammzellen und die Frage, ob der Mensch wirklich einen freien Willen besitze, hat Steven Pinker in diesem Buch wissenschaftlich Stellung bezogen. Seither sind Details dazugekommen, aber nichts wesentlich Neues.

Das Buch.

Im vergangenen Jahrhundert, so Steven Pinker, wurden sittliche Grundsätze auf Fundamenten erstellt, wie

- "Das Unbeschriebene Blatt" (alle Menschen kommen gleichermaßen "unbeschrieben" auf die Welt; der menschliche Charakter und seine Individualität gründen auf unterschiedlicher Erfahrung, Erziehung und Kultur). Stimmt nicht, alle grundlegenden Begabungen und Temperamente werden zu einem nicht unerheblichen Anteil vererbt.

- "Der edle Wilde" (der Mensch sei von Natur aus friedliebend und selbstlos) - ein Mythos.

- Körper und Seele seien strikt getrennte Einheiten. Aber: Unsere Gedanken und Gefühle sind ein Ergebnis der Tätigkeit unserer Hirnzellen und untrennbar mit ihnen verbunden. Und, Hirnschäden können unsere Persönlichkeit und unser moralisches Verhalten verändern (Frage: was passiert dann mit unserer Seele?).

Den überwältigend vielen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz, wird die menschliche Natur immer noch verleugnet. Die Gründe liegen vorwiegend in folgenden Ängsten:

- wenn die Menschen von Geburt an verschieden wären, ließe sich Unterdrückung rechtfertigen;

- wenn die Menschen von Natur aus amoralisch wären, hätten wir keine Hoffnung, die menschliche Existenz verbessern zu können;

- wenn menschliches Verhalten biologische Ursachen hätte, hätten wir keinen freien Willen und könnten nicht für unser Verhalten verantwortlich gemacht werden;

- Wenn wir lediglich ein Produkt der Biologie wären, hätte das Leben keinen höheren Sinn und Zweck mehr.

Diese Ängste, so Steven Pinker, sind nicht gerechtfertigt. Im Gegenteil, er weist nach, dass gerade die Verleugnung der menschlichen Natur brandgefährlich ist und genau dazu führen kann, wovor sich die Menschen ängstigen. Das Buch macht darauf aufmerksam, woher die Tabuisierung der menschlichen Natur kommt und ist voll Zuversicht, dass die Werte, die wir achten, an der Weiterentwicklung der Erkenntnisse nicht zerbrechen werden.

Faszinierend.

"Das unbeschriebene Blatt" ist ein Meilenstein. Steven Pinker weist auf die erblichen Anteile unserer Persönlichkeiten hin, ohne deterministisch zu sein, und berücksichtigt gleichzeitig Einflüsse der Umwelt. Er zeigt, wieso sich Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften mit einer gemeinsamen Würdigung der menschlichen Natur so schwer tun.

Das Buch hat auch nach fünf Jahren nichts von seiner Faszination verloren. Es verdient sechs von fünf Sternen!
33 Kommentare57 von 59 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Der in New York lebende und am MIT lehrende Neurobiologe hätte es in Europa wohl nicht ganz leicht, einen Lehrstuhl von Bedeutung zu ergattern. Dazu sind seine Auftritte zu schrill, sein Marketingdenken zu ausgeprägt, seine Kollegenschelten zu forsch und sein Appetit, unter dem Gartenzaun zu fressen, zu gross. Aber Steven Pinker gibt es nun mal ebenso wie seine Bücher mit Bestsellerstatus. Und je nach eigenem Standort werden sie mit fünf oder einem Stern beurteilt. Ich wollte mich zuerst gut eidgenössisch mit 2 1/2 auszeichnen, entschied mich aber für deren vier, weil das Phänomen Pinker alleweil die Lektüre lohnt.
Selbst seine schärfsten Kritiker bescheinigen Steven Pinker, dass er schreiben kann. Und das ist bei vielen Akademikern noch immer ein rares Gut. Der Inhalt des dicken und grossen Wälzers ist rasch zusammengefasst: Die real existierende menschliche Natur ist kein unbeschriebenes Blatt, sondern mehrheitlich genetisch geprägt, was sich auf unser Verständnis von Kultur auswirken sollte. Mit der Materie vertraute Leser werden solche Thesen nicht in ihren Grundfesten erschüttern. Seit Biologen und Neurologen in den Nanobereich vorgestossen sind, gibt es keine ernsthaften Wissenschaftler mehr, die Gegenteiliges behaupten würden. Bei den verbliebenen Streitereien unter Fachkollegen geht es nur noch um Flügelkämpfe und Prozentzahlen. Was also ist das Neue, das Pinkers Buch zum Renner macht und die Gemüter so erregt? Ganz einfach: Steven Pinker masst sich an, neurobiologisches Wissen auf humanistische Weltbilder und die grossen Religionen loszulassen. Damit weckt er Abwehrreflexe, die Betroffene zur Instinkthandlung veranlassen, das Bad gleich mit dem Kinde auszuschütten und Pinkers Thesen teuflischen Ursprungs zu bezichtigen. Bei fundamentalistischen Lesern mag dieses Verhalten noch verständlich sein, bei abgeklärteren Geistern wäre etwas mehr Gelassenheit am Platz. Klar, nimmt es Pinker mit den Begriffen der Geisteswissenschaften nicht allzu genau und richtet damit einen ungeniessbaren Salat an. Aber solange seine Kritiker so kompliziert schreiben, wie sie es in der Schule oder bei Hegel gelernt haben, kaufen wissbegierige Menschen eben Pinker'sche Bücher. Und das ist gut so. Denn so erfahren sie auf unterhaltsame Art und Weise, was Neurologen und Biologen in den letzten zwanzig Jahren entdeckten, was sie denken, fürchten und wollen. Und weil diese Erkenntnisse unser Weltbild ziemlich auch den Kopf stellen, lohnt sich die Lektüre auf jeden Fall.
0Kommentar64 von 70 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 19. April 2005
Steven Pinker wird von manchen Leuten, vor allem in Deutschland, als "Schreiberling" oder "Popularisator" abqualifiziert. Dieses Urteil ist sehr, sehr deutsch und es wird ihm überhaupt nicht gerecht. Pinker ist nämlich ein kluger Mann, der viel weiß und viel kann: Er kann lesen, er kann denken, er kann schreiben. Die Harvard University wird schon gewusst haben, warum sie ihn (wahrscheinlích nicht nur mit Geld!) vom MIT abgeworben hat.
Das vorliegende Buch habe ich in der englischsprachigen Originalfassung gelesen, manche Kapitel zwei oder gar drei mal. Es räumt sehr gründlich, aber ohne Fanatismus mit einer Ideologie auf, die schon sehr viel Schaden angerichtet hat, nämlich mit der Ideologie, dass der Mensch eine tabula rasa ist, die beliebig beschrieben werden kann.
Wenn der Mensch eine solche tabula rasa wäre, könnte es kein Unrecht sein, auf ihr nach Belieben herumzukratzen. Dementsprechend haben Diktatoren und Massenmörder wie Lenin, Stalin, Mao und Pol Pot keinerlei Skrupel gehabt, Menschen terroristisch umzuerziehen und sie bei Erziehungsresistenz verhungern zu lassen oder sie direkt abzuschlachten. Die Ideologie der tabula rasa, des unbeschriebenen Blattes, lädt geradezu dazu ein. Kommt der Mensch dagegen als kleines Buch auf die Welt, mit seiner eigenen Würde, seiner eigenen Story, seiner eigenen Epik, wäre es ein Sakrileg, zumindest aber eine grobe Fälschung, den Text umzuschreiben.
Das ist eine der wichtigen moralischen und ideologiekritischen Botschaften dieses Buches.
Dieses Buch ist aber nicht nur ein moralischer Appell, sondern auch eine sehr umfassende und gründliche Darstellung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Wenn man es durchgearbeitet hat, weiß man über Weltanschauungen, Sozialwissenschaften, Biologie, Psychologie, Verhaltensgenetik, Geschichte, Ethik und Ästhetik mehr als vorher. Und das Kapitel 19, das von Kindern handelt, ist eine Meisterleistung der Wissenschaftspublizistik.
Die Belesenheit des Verfassers ist geradezu überwältigend. Und einfach macht er es sich an keiner Stelle, weder in seinen Thesen noch in seinen Argumenten. Die Rede von »billiger Biologie« ist nicht nur töricht, sondern grenzt eindeutig an Debilität.
Ich kann es jedem Menschen empfehlen, der den Mut hat, sich von herrschenden Heilsgewissheiten abzuwenden.
0Kommentar85 von 95 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 14. August 2003
Ein Buch ohne eine einzige Tabelle, ohne jede mathematische oder chemische Formel, mit nur einer Graphik und einigen Cartoons - was kann ein solches Buch einem wissenschaftlich Interessierten heutzutage noch bringen? Erstaunlich viel, denn ein treffsicherer Stil, der jeden Gedanken mit geistreichen Beispielen belegt, macht das Lesen des Buches zu einem fesselnden Erlebnis. Tiefgründig werden die Wurzeln einer geistigen und gesellschaftlichen Bewegung ausgeleuchtet, die davon ausgeht, daß die menschlichen Natur das Produkt ihrer Umwelt ist und sonst weiter nichts. Etwa seit 1970 haben die Vertreter dieser Auffassung in der gesamten westlichen Welt die Meinungsführerschaft in Psychologie, Soziologie, Pädagogik und Geschichte übernommen und gehen gegen abweichende Meinungen mit Praktiken vor, durch die die Freiheit der Wissenschaft bedroht und eingeschränkt wird. Nachdem die Vertreter dieser - wie sie sich selbst bezeichnen - „Radikalen Wissenschaft" (Radical Science) sich anfangs gern auf Karl Marx berufen hatten, ist es ihnen seit 1990 eher peinlich, durch Pinker an ihre früheren Zitierungen ihres Vordenkers erinnert zu werden.
Pinker plädiert dafür, bei den Fragen Umwelt oder Vererbung den gesunden Menschenverstand sprechen zu lassen. Er kann sich dabei auf Genetik und Humangenetik berufen, daß der Mensch nicht als unbeschriebenes Blatt geboren wird, sondern mit Genen und deren Evolutionsgeschichte. Die Belesenheit des Verfassers belegt ein umfangreiches Literaturverzeichnis der US-amerikanischen Sekundärliteratur zu diesen Fragen. Ob die Übersetzung des Titels im deutschen Sprachraum auch die Wirkung erzielen wird wie das Original im englischen, ist deshalb fraglich. Da jedoch z.B. auch in den deutschsprachigen Analysen der PISA-Studie und in Michael Hartmanns „Der Mythos von den Leistungseliten" der Mensch als unbeschriebenes Blatt ohne Gene gesehen wird, wäre zu wünschen, daß das Buch auch hier lebhaft diskutiert wird. Wer die Tabellen und Graphiken zur eigenen Urteilsbildung vermißt, der wird sie in den Büchern von Hans-Jürgen Eysenck („Die Ungleichheit des Menschen"), der „Bell Curve" und der „IQ-Falle" finden, an geistreichem Witz ist Pinker jedoch derzeit unübertroffen.
0Kommentar62 von 72 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 7. November 2014
Steven Pinkers Ansatz ist sicherlich nicht politisch, aber was er schreibt erklärt das, was man in der politischen Welt als schleichende Einflussnahme linker Ideologie beschreiben könnte.

„Wenn [...] Täuschung eine fundamentale Eigenschaft der Tierkommunikation ist, muss die Entdeckung von Täuschung stark selektiert werden, und das wiederum sollte zur Selbsttäuschung führen, die einige Tatsachen und Motive dem Bewusstsein vorenthält, damit es die beabsichtigte Täuschung nicht durch die unmerklichen Anzeichen der Selbsterkenntnis verrät. Folglich ist die Ansicht, die natürliche Selektion begünstige Nervensysteme, die immer genauere Vorstellungen von der Welt liefern, als eine höchst naive Auffassung der menschlichen Evolution anzusehen.“ (Steven Pinker. „Das unbeschriebene Blatt – die moderne Leugnung der menschlichen Natur“)

Ich habe mit dieser Rezension nicht die Absicht, den Buchinhalt objektiv zu beschreiben (zumal es einige Jahre her ist, dass ich das Buch gelesen habe). Für mich ist das Buch eines der wichtigsten, das ich je gelesen habe, denn es erklärt das, was viele heute befremdet als Tendenz in der politische Landschaft und Meinungsbildung weiter Bevölkerungsschichten wahrnehmen: die zunehmende links-ideologische Beeinflussung. Empirische Erkenntnisse werden geleugnet, weil es ein Interesse gibt, Menschen als grundlegend "gleich" einzustufen, weil das die Grundlage dafür schaft, Subvention der vermeintlich benachteiligten Bevölkerungsgruppen zu rechtfertigen. Die Motivation für die Ablehnung eines realistischen Menschenbildes ist genauso erklärbar: Wenn man Menschen als grundlegend ungleich einstuft, dann könnte man damit bspw. auch Genozid, Unterdrückung von Frauen und Versklavung rechtfertigen. Häufig ist es aber so, dass die Wahrheit in der Mitte liegt und wer die Dinge falsch benennt, der vergrößert das Unheil dieser Welt.

Mein Fazit: Man muss die Dinge beim Namen nennen dürfen, so wie es Pinker macht, aber gleichzeitig muss es Respekt (specere = sehen) für die Schwächeren der Gesellschaft geben. Eine Tabuisierung der Wahrheit wird niemals zu richtigen Entscheidungen führen.

5 Sterne, weil es heutzutage wohltuend ist, wenn die Dinge beim Namen benannt werden. Eine brillante Analyse und Zusammenfassung des derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstandes.
0Kommentar2 von 2 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 27. Dezember 2011
Diese Monographie ist eine metatheoretische Analyse der Annahme, der menschliche Geist besitze keine inhärente Struktur und lasse sich nach Belieben von der Gesellschaft oder uns selbst beschreiben. Angewendet werden sowohl wahrnehmungs-, kognitions-, entwicklungs- und evolutionspsychologische als auch neurophysiologische, paläoanthropologische, ethnologische, sozialwissenschaftliche, philosophiegeschichtliche und kulturanthropologische Methoden.

Dem 'Sozialwissenschaftlichen Standardmodell' (SSM) des 'Unbeschriebenen Blattes' zufolge hat eine wachsende Anzahl von vormals natürlichen Elementen des menschlichen Denkens (Emotionen, Verwandtschaft, Geschlechter, Krankheit, Natur, die Welt) heute als 'erfunden' oder als 'soziale Konstruktion' zu gelten. Alle Unterschiede erwachsen aus unterschiedlichen Erfahrungen. Diese sind beliebig veränderbar und damit auch der Mensch. Vorausgesetzt wird das Wunder eines aus dem Nichts entspringenden Geistes.

Pinker verfolgt zunächst die Wurzeln dieser Ideologie: Hobbes, Rosseau, Descartes, Empirismus ('Unbeschriebenes Blatt'), Romantik ('Edler Wilder'), Dualismus ('Gespenst in der Maschine'), Assoziationismus, Beaviorismus, Franz Boas, Emilé Durkheim. An die Stelle von Überzeugungen und Wünschen traten Reize und Reaktionen (Psychologie) oder Kulturen und Gesellschaften (Sozialwissenschaften). Anschließend stellt er die Forschungserträge der Gegenbewegungen zum SSM vor: 'Kognitive Revolution', Neurowissenschaft, Verhaltensgenetik, Evolutionspsychologie.

Der Autor bekennt sich zum 'hierarchischen Reduktionismus', entlarvt die letzten Brückenköpfe des SSM (das angeblich 'magere Genom', den Konnektionismus und die neuronale Plastizität) und ergründet die Motive seiner Anhänger: ein ideologisches Bekenntnis zum Marxismus und die Unfähigkeit (Unwilligkeit?), genetisch bedingte Wahrscheinlichkeiten wahrzunehmen. Er setzt sich vor allem mit Gould, Lewontin, Rose und Kamin auseinander, schließt aber auch die Gegenseite der 'Kreationisten' ein, welche durch die neuen Wissenschaften vor allem die 'moralische Verantwortlichkeit' gefährdet sehen.

Pinker führt zahllose Argumente ins Feld, welche die Furcht vor 'angeborener Ungleichheit', Determinismus und Nihilismus als unbegründet erweisen. Besonders betont er die Gefahr des 'naturalistischen Fehlschlusses' (Das 'Natürliche' ist nicht moralisch gut!), die Kontraproduktivität vollkommener Willensfreiheit (die Unbeeinflußbarkeit und fehlende Schuldgefühle zur Folge hätte) und die ärgerliche Nichtunterscheidung von Erklärung und Rechtfertigung. In weiteren Abschnitten verfolgt er die Entstehung der fundamentalen Denkkategorien, die Theorie des multimodularen Geistes, die Rolle der Emotionen, den Konflikt zwischen Genegoismus und (naturalistischer) Moral, die fragwürdige Genese von Moral aus Empfindungen für Gerechtigkeit, Status und 'Reinheit' und die Bedeutung von Täuschung, Selbsttäuschung und kognitiver Dissonanzreduktion. Er scheut nicht zurück vor aporetischen Fragestellungen (Abtreibung, Sterbehilfe, Tierschutz) oder unpopulären Einsichten (die Abwesenheit von Leiden wäre nicht Glückseligkeit, sondern Bewußtlosigkeit) und plädiert für Pragmatismus und Utilitarismus.

In umfangreichen Kapiteln zu Politik, Gewalt, Geschlecht, Kindern und Kunst problematisiert Pinker den folgenreichen Konflikt zwischen den diametral entgegengesetzten Menschenbildern des utopischen Meliorismus und des tragischen Konservativismus. Ob es um die Aggressionsdebatte, den Geschlechterkrieg, pädagogische Orientierungslosigkeit oder die ästhetischen Traumatisierungserfahrungen in Moderne und Postmoderne geht, sie alle lassen sich auf eine militante Verleugnung der menschlichen Natur zurückführen.

Das Werk stellt eine Weltanschauungsanalyse von ungeheurer argumentativer Gewalt dar. Allen Menschen, die ein Interesse an der ideologiekritischen Entlarvung der in unserer Kultur dreist für 'unverhandelbar' erklärten Wirklichkeitsdeutung 'Unbeschriebenes Blatt' haben, lege ich dieses großartige, vielschichtige, ausgezeichnet verständliche und (wie stets bei Pinker) reichhaltig um veranschaulichende Beispiele und unterhaltsame Anekdoten angereicherte Buch dringend ans Herz! Weiterführend: TOPITSCH, Ernst: "Erkenntnis und Illusion: Grundstrukturen unserer Weltauffassung" (1988²) und Karl EIBL: "Animal Poeta - Bausteine der biologischen Kultur- und Literaturtheorie" (2004)
0Kommentar10 von 12 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 23. Oktober 2015
„Die Verleugnung der menschlichen Natur ist über die Grenzen der wissenschaftlichen Welt hinausgedrungen und hat zu einer Trennung von Geistesleben und gesundem Menschenverstand geführt“, diagnostiziert Pinker im Vorwort (S. 11), und dieser Satz ist heute, etliche Jahre später, leider noch immer aktuell. Auch wenn in den Naturwissenschaften kaum noch jemand an das „unbeschriebene Blatt“, den völlig formbaren Menschen glaubt, finden sich Anhänger dieser Ideologie noch zuhauf, nicht zuletzt in der Politik.

Es ist erschütternd zu lesen, wieviele Wissenschaftler jahrzehntelang die offensichtlichen Anzeichen der „conditio humana“, der in jedem Menschen angelegten Triebe und Neigungen, ignoriert und diese Wahrheit mit ganz unwissenschaftlichen Methoden bekämpft haben, um – meist sozialistische – Ideologien durchzusetzen, und wie seriöse Wissenschaftler diffamiert und in ihrer Arbeit behindert wurden. Dabei war durch Zwillingsstudien schon lange erkennbar, dass Persönlichkeit, Charakter und Intelligenz zu etwa 50 Prozent vererbt werden.

Zu den Irrtümern, die auf der Prämisse des „unbeschriebenen Blattes“ beruhen, gehört auch die Gender-Ideologie, wonach alle nicht äußerlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau anerzogen seien (Kapitel 18, „Geschlecht“). In Kapitel 19 („Kinder“) beruft sich Pinker auf die Erkenntnisse von Judith Rich Harris, wonach die elterliche Erziehung einen nur sehr geringen Einfluss hat, verglichen mit dem Einfluss der Gene, die freilich ebenfalls von den Eltern stammen, und der „Peer-Group“, den (ungefähr) Gleichaltrigen.

Man kann von einer „tragischen“ und einer „utopischen Vision von der Natur des Menschen“ sprechen (S. 401). Inzwischen liegen viele Erkenntnisse vor, welche die utopische Version falsifizieren, oder wie der Autor mit Untertreibung schreibt, sie „unwahrscheinlich erscheinen lassen“ (S. 410). Zahlreiche allen menschlichen Kulturen gemeinsame Universalismen weisen darauf hin: Primat der Familienbindungen – begrenzte Reichweite des Teilens – Herrschaft und Gewalt – Ethnozentrismus – partielle Erblichkeit von Intelligenz und Persönlichkeitseigenschaften – Abwehrmechanismen, Selbsttäuschung und kognitive Dissonanzreduktion – Verzerrungen des sittlichen Empfindens (stark verkürzt nach S. 410). Eine ausführliche Liste im Anhang umfasst mehr als sieben Seiten.

Der Autor räumt mit der Mär vom „edlen Wilden“ auf, indem er darlegt, dass die Gewalt- und Mord­raten in primitiven Gesellschaften diejenigen zivilisierter Gesellschaften bei weitem übertreffen. Gegenteilige Berichte entlarvt er als manipuliert oder sogar frei erfunden. Was die umweltbedingten Ursachen der Gewalt (also jenseits der genetischen Grundlage) betrifft, zeigt sich Pinker zunächst ratlos: „Wilde Schwankungen in den Verbrechensraten – aufwärts in den 1960er und Ende der 1980er, abwärts Ende der 1990er Jahre – führen alle einfachen Erklärungsversuche ad absurdum“ (S. 430). Weiter hinten (S. 443) nennt er die demographische Entwicklung mitverantwortlich für den Anstieg in den 1960er Jahren, doch in seinem späteren Buch „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“ hat er dann ganz richtig festgestellt, dass dies nur einen sehr kleinen Teil des enormen Anstiegs erklären kann, und dass der durch die massenmedial verbreitete Populärkultur hervorgerufene Werteverfall als Hauptverursacher angesehen werden muss. Den neuerlichen Schub Ende der 1980er Jahre erklärt er mit dem „Auftauchen von Crack“ (S. 456); dabei ist interessant, dass Ahmir Thompson von der Rapgruppe „The Roots“ Crack mit HipHop in Verbindung gebracht hat, und dass in Europa speziell die jugendliche Gewaltkriminalität mit dem Eindringen dieser Jugendkultur ebenfalls angestiegen ist.
Der spätere Rückgang der Kriminalität (der in nennenswerter Weise nur auf die USA, nicht auf Europa zutrifft) war entsprechenden polizeilichen und juristischen Maßnahmen zu verdanken: „Die Verallgemeinerung, dass Anarchie im Sinne von Mangel an Staatsgewalt zur Anarchie im Sinne von gewalttätigem Chaos führt, mag banal erscheinen, wird aber in dem immer noch romantischen Klima unserer Tage häufig übersehen“ (S. 459).

Auch Literatur, Bildende Kunst und Musik müssen sich an der menschlichen Natur orientieren, wenn sie Erfolg haben und etwas bewirken wollen: „Die herrschenden Theorien der elitären Kunst und Kritik im 20. Jahrhundert entwickelten sich aus einer militanten Verleugnung der menschlichen Natur. Eine ihrer Hinterlassenschaften ist eine hässliche, verstörende, beleidigende Kunst. Die andere eine prätentiöse und unverständliche geisteswissenschaftliche Strömung. Und da sind sie noch überrascht, dass ihnen die Menschen in hellen Scharen davon laufen?“ (S. 574).

Als grundlegende Erkenntnis des Buches kann man zusammenfassen, dass keine Ideologie, keine Politik, keine Pädagogik, keine Wissenschaft und keine Kunst funktionieren kann, wenn sie die menschliche Natur ignoriert. Vielmehr kann es katastrophale Folgen zeitigen, wie die mörderischen politischen Ideologien des 20. Jahrhunderts bewiesen haben. Doch bis heute ist die zumindest teilweise Verleugnung der menschlichen Natur in allen gesellschaftlichen Bereichen en vogue.
Zwar haben wir uns in den westlichen Gesellschaften weitgehend von den Fesseln der Religion befreit, aber andere Glaubenssysteme sind an ihre Stelle getreten. Wir brauchen eine neue Aufklärung!
0Kommentar1 von 1 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 26. Januar 2010
Steven Pinker (Harvard) ist einer der bekanntesten Sprach- und Kognitionswissenschaftler der Gegenwart und sicher der einflussreichste Erneuerer und Fortführer der aprioristischen Chomsky-Schule. Pinkers Buch stellt dieses aprioristische resp. innatistische Programm in den Horizont der Entwicklungspsychologie und Soziobiologie.

Das Prinzip "Unbeschriebenes Blatt" (im Orig. "blank slate") soll nun die naturwissenschaftliche "secular religion of modern intellectual life" beschreiben (engl. Orig., S. 3): Es gibt kein feststehendes Wesen des Menschen, keine menschliche Natur - Alle sind von Natur aus gleich - Unterschiede sind immer ein Produkt der Sozialisation, Erfahrung und Kultur. Dieser Kulturrelativismus genießt einen "sacred status" und definiert politische Korrektheit.

Anderslautende Auffassungen werden als rassistische, sexistische und chauvinistische Vorurteile tabuisiert, als Sozialdarwinismus und Imperialismus. Dieser Kulturrelativismus ist nun aber - so Pinker - eine problematische Überspannung progressiver Ideale: "Many intellectuals have denied the existence of human nature by embracing three linked dogmas: The Blank Slate (the mind has no innate traits), The Noble Savage (people are born good and corrupted by society), and The Ghost in the Machine (each of us has a soul that makes choices free from biology)". Pinkers Absicht ist, "to inject calm and rationality into these debates by showing that equality, progress, responsibility, and purpose have nothing to fear from discoveries about rich human nature" (Selbstdarstellung).

Eigene Basis von Pinkers vorzustellender Kritik an diesem säkularen Dogma ist das atheistisch verstandene naturwissenschaftliche Paradigma. In der Sache ist, so Pinker, dieses evolutive Verständnis der Genese von Geist und menschlicher Natur jedoch auch mit einem differenzierten Deismus verträglich und, entsprechend dem namentlich in Europa starken Konzept der theistischen Evolution, mit dem Theismus.

Nun zu Pinkers Argument: Logische Voraussetzung des Kulturrelativismus ist die radikale Trennung von Materie, Biologie, Natur, Naturwissenschaften einerseits (nature) und Geist, Kultur, Gesellschaft, Geisteswissenschaften andererseits (nurture). Diese radikale Trennung steht jedoch, so Pinker, im Widerspruch zu den Fakten mehrerer Wissenschaften: (1) Das symbolisch-informationsverarbeitende Paradigma der Kognitionswissenschaft identifiziert Sprache und Denken als ein komplexes angeborenes Programm; (2) die Neurowissenschaft belegt die angeborene physikalisch-biologische Implementierung des Programms; (3) die Verhaltensgenetik zeigt in der Zwillingsforschung die Durchschlagskraft identischer genetischer Ausstattung, während andererseits schon minimale genetische Unterschiede gegensätzliches Verhalten verursachen können (z. B. Schimpansen - Bonobos); (4) die Evolutionspsychologie und Soziobiologie zeigen, dass angeborene Art- und Gattungsprogrammierungen individuelle Entscheidungen dominieren.
Also müssen beide, nature und nurture anerkannt werden, und zwar in Verbundenheit: "Good[hierarchical] reduction ... consists not of replacing one field of knowledge with annother, but of connecting or unifying them" (engl. Orig. S. 70).

Die angeborene Organisation der menschlichen Natur betrachtet der Kulturrelativismus als letzte Verteidigungstellung (the last stand) seiner Gegner. Seine Argumente gegen eine angeborene Organisation sind (I) die konnektionistische Theorie mentaler Repräsentation und Komputation (durch neuronale Netzwerke) mit der Voraussetzung einer lediglich allgemein-unbestimmten Struktur neuronaler Netze, (II) die neuronale Plastizität bzw. eine behauptete grenzenlose Formbarkeit des Neuronenuniversums, und (III) die relativ geringe Anzahl von genetisch festgelegter Information (im Megabyte-Bereich, erhärtet durch das Human Genome Project) im Vergleich zur Informationsdichte des Gehirns (im Terabyte-Bereich).

Pinker hält dagegen, dass das zwar nur 750 MB umfassende Genom des Menschen dennoch eine vollständige "toolbox of mechanisms to construct the brain" ist, wobei insbesondere subkortikale Strukturen wie Hippokampus (Gedächtnis und mentale Karten), Amygdala (Emotionen) und Hypothalamus (Triebe) nicht sehr plastisch, sondern von Natur festgelegt sind. Die Basisstrukturen des Gehirns schließlich sind, so Pinker, genetisch angelegte visuelle, auditorische und haptische topographische Karten, deren Spezifizierung ebenfalls angeborenen Bahnen folgt. Epigenetische neuronale Plastizität ist also keine "magical protean power", sondern spielt nur und genau in diesen vorgegebenen apriorischen Rahmen und Mechanismen. Dazu kommen die angeborenen Sensoren (Sinnesorgane) und motorischen Programme (Gehen, Greifen, Sprache etc.), welche ebenfalls kein formloses Rohmaterial sind, sondern exorbitante Ingenieursleistungen darstellen. Pinker behandelt ferner u.a. angeborene Geschlechtsunterschiede und apriorische Normen von Ästhetik und Kunst.

Pinker führt die Tabuisierung der menschlichen Natur erstrangig auf das biologische Menschenbild des Nationalsozialismus zurück. Überhaupt liege der Angst vor Ungleichheit aufgrund angeborener Unterschiede die Angst vor Folgen wie Vorurteilen und Diskriminierungen zu Grunde inkl. der Angst vor Rassismus, Sozialdarwinismus und Eugenik, Determinismus und Nihilismus.

Der Analyse dieser Angst und ihrer Widerlegung als eines denkerischen Kurzschlusses widmet Pinker große Teile des Buches: Man müsse sich der Tatsache stellen, dass etwa der Fortschrittsglaube und die revolutionäre Vision des Kommunismus - so Pinker - genau die kulturrelativistische Tabula Rasa-Ideologie verkörperten, in der die political correctness heute das Heil sucht, also: Es gibt keine dauerhaften Eigenschaften der menschlichen Natur; diese kann völlig vorurteilslos umgeschaffen werden zu einem neuen Menschen; die Gleichheit aller Menschen ist das Ziel. Im Namen genau dieser Ideologie der Gleichheit wurden nun aber - so Pinker - im Ostblock 25 Millionen Menschen (im Minimum) ermordet und im maoistischen China 65 Millionen.

Sehr informativ ist ein Anhang, der ca. 500 beobachtbare und unmittelbare menschliche Universalien auflistet.
11 Kommentar12 von 15 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 7. Mai 2012
Steven Pinker war früher Professor am MIT, vor einigen Jahren wechselte er an die Harvard-Universität. In den USA ist er ein Popstar der Wissenschaft, in Deutschland ist er nie recht angekommen. Ich weiß nicht genau, woran das liegt, es wäre aber schade, wenn es Pinkers Niveau ist. Das nämlich ist hoch. In diesem Buch, das mich von all seinen Werken am meisten überzeugt, legt Pinker dar, wie sehr wir nach wie vor unsere biologische Natur leugnen. Ob unsere Intelligenz, unser Verhalten, Charaktereigenschaften: sobald die Psyche ins Spiel kommt, tun wir uns schwer mit der Tatsache, dass die Gene auch hier einen entscheidenden Einfluss entfalten. Pinker legt die Wurzeln dieser Angst dar, zeigt, was die Forschung über das Thema weiß, ist dabei oft auch polemisch, manchmal schweift er etwas zu sehr ins Detail, insgesamt aber liefert er mit seinem "Unbeschriebenen Blatt" ein Standardwerk zum Thema. Empfehlenswert!
0Kommentar5 von 6 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 8. Dezember 2010
Steven Pinker ist einer der seltenen hochkarätigen Wissenschaftler die spannend, unterhaltsam und verständlich schreiben können. Er ist firm auf vielen Gebieten der Geistes- und Naturwissenschaften, was ebenfalls sehr selten ist. Seine Thesen sind spannend und provokant und werden durch viel Faktenwissen sehr gut fundiert.
Es macht Spaß dieses Buch zu lesen und man erfährt viel über den aktuellen Stand verschienener Wissenschaften. Themen, die er anspricht werden immer noch in den wissenschaftlichen Zeitschriften diskutiert.
Er wiederspricht der lange propagierten Annahme, dass ein Mensch so wird, wie die Umwelt und die Erziehung ihn formen, sondern sieht große Anteile für die Eigenschaften und das Verhalten der Menschen in der Vererbung. Die erheblichen Konsequenzen daraus werden diskutiert.
0Kommentar5 von 6 Personen haben dies hilfreich gefunden.. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden