Zwei Jahre nach Erscheinen der Originalausgabe dieses Buches ("The Blank slate") wurde der Sprach- und Kognitionsforscher Steven Pinker vom Time Magazine in die Gilde der gegenwärtig "100 einflussreichsten Menschen der Welt" gewählt (Time Magazine, April 26, 2004). Zuvor wurde er bereits von den renommierten Wissenschafts-Institutionen "National Academy of Sciences" und der "Royal Institution of Great Britain" ausgezeichnet. Er ist also kein Leichtgewicht.
Als der frühere Präsident der Harvard Universität, Larry Summers, im Januar 2005 "angeborene Unterschiede zwischen den Geschlechtern" als Ursache dafür ausmachte, dass Frauen unter den Professoren der Natur- und Ingenieurswissenschaften weit unterrepräsentiert sind, fegte ein Sturm der Entrüstung über den Campus (und letztlich den Präsidenten hinweg). Der Harvard Professor Steven Pinker wurde zu einer öffentlichen Debatte mit der Harvard Professorin Elizabeth S. Spelke zum Thema "Frauen in der Wissenschaft" eingeladen. Wie kaum zuvor wirbelten die geballten wissenschaftlichen Argumente durch den Saal. Im "Das unbeschriebene Blatt" hatte Steven Pinker seine kühnen Analysen zu diesem Thema bereits leidenschaftlich präsentiert.
Auch zu weiteren aktuellen Themen, wie die Nutzung von Stammzellen und die Frage, ob der Mensch wirklich einen freien Willen besitze, hat Steven Pinker in diesem Buch wissenschaftlich Stellung bezogen. Seither sind Details dazugekommen, aber nichts wesentlich Neues.
Das Buch.
Im vergangenen Jahrhundert, so Steven Pinker, wurden sittliche Grundsätze auf Fundamenten erstellt, wie
- "Das Unbeschriebene Blatt" (alle Menschen kommen gleichermaßen "unbeschrieben" auf die Welt; der menschliche Charakter und seine Individualität gründen auf unterschiedlicher Erfahrung, Erziehung und Kultur). Stimmt nicht, alle grundlegenden Begabungen und Temperamente werden zu einem nicht unerheblichen Anteil vererbt.
- "Der edle Wilde" (der Mensch sei von Natur aus friedliebend und selbstlos) - ein Mythos.
- Körper und Seele seien strikt getrennte Einheiten. Aber: Unsere Gedanken und Gefühle sind ein Ergebnis der Tätigkeit unserer Hirnzellen und untrennbar mit ihnen verbunden. Und, Hirnschäden können unsere Persönlichkeit und unser moralisches Verhalten verändern (Frage: was passiert dann mit unserer Seele?).
Den überwältigend vielen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz, wird die menschliche Natur immer noch verleugnet. Die Gründe liegen vorwiegend in folgenden Ängsten:
- wenn die Menschen von Geburt an verschieden wären, ließe sich Unterdrückung rechtfertigen;
- wenn die Menschen von Natur aus amoralisch wären, hätten wir keine Hoffnung, die menschliche Existenz verbessern zu können;
- wenn menschliches Verhalten biologische Ursachen hätte, hätten wir keinen freien Willen und könnten nicht für unser Verhalten verantwortlich gemacht werden;
- Wenn wir lediglich ein Produkt der Biologie wären, hätte das Leben keinen höheren Sinn und Zweck mehr.
Diese Ängste, so Steven Pinker, sind nicht gerechtfertigt. Im Gegenteil, er weist nach, dass gerade die Verleugnung der menschlichen Natur brandgefährlich ist und genau dazu führen kann, wovor sich die Menschen ängstigen. Das Buch macht darauf aufmerksam, woher die Tabuisierung der menschlichen Natur kommt und ist voll Zuversicht, dass die Werte, die wir achten, an der Weiterentwicklung der Erkenntnisse nicht zerbrechen werden.
Faszinierend.
"Das unbeschriebene Blatt" ist ein Meilenstein. Steven Pinker weist auf die erblichen Anteile unserer Persönlichkeiten hin, ohne deterministisch zu sein, und berücksichtigt gleichzeitig Einflüsse der Umwelt. Er zeigt, wieso sich Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften mit einer gemeinsamen Würdigung der menschlichen Natur so schwer tun.
Das Buch hat auch nach fünf Jahren nichts von seiner Faszination verloren. Es verdient sechs von fünf Sternen!