"Jede Wirklichkeit hat ihr gegenwärtiges Leben und ihren unmittelbaren Übergang ins Neue."
(Alfred N. Whitehead in: Prozeß und Realität)
Am 18. Brumaire des Revolutionkalenders erklärte Napoleon die Revolution für beendet. Wir schreiben den 9.11.1799 und mit diesen Datum den Beginn des Empire. Honoré de Balzac wurde im Juni dieses Jahres geboren. Das folgende Jahrhundert kennt nicht mehr den kleinen General. Napoleon ist Kaiser von Frankreich und im Laufe der Jungendjahre Balzacs umfassen des Kaisers Hände halb Europa. Balzacs Jugendjahre werden so zum Erlebnis und vielleicht zur Bestimmung einer nahezu grenzenlosen Eroberung, ausgehend vom Garten Frankreichs: Paris, die Welt! Die Helden Balzacs sind Typen der Zeit, sie sind stark Begehrende, sie streben nach dem Ganzen, sie streben nach dem Genuss, sie streben nach Vollkommenheit. Balzac liebte nicht das, was ihm begegnete, eher das, was er erschuf. Jede Wirklichkeit wurde mit Illusionen gefüttert, bis sie daran zerbrach. Und genau hier finden wir das Thema des "Unbekannten Meisterwerks". Der Schriftsteller Balzac starb 1850.
"Das unbekannte Meisterwerk" gehört zu den großen Künstlererzählungen der Weltliteratur. (Kindler) Im Paris des frühen 17. Jahrhundert treffen der junge Maler Nicolas Poussin, Porbus und der bereits bekannte Maler Frenhofer zusammen. Allen dreien liegt die Kunst, die Malerei am Herzen; alle drei empfinden ein aufstrebendes Paris in der Modernen, alle drei kennen die Bedeutung von Wahn und Wahnsinn zumindest aus den romantischen Schriften eines E.T.A. Hoffmann. Sie wissen um die Fragen der Realität, sie wissen von den Illusionen der Fiktion und den Vorstellungen und von Helden der Hoffmannschen Erzählungen, die mal in dieser erlebbaren, mal in jener metaphysischen Welt sind. Nirgendwo existiert eine Schwelle, es ist ein Hinüberrauschen in eine subjektive Welt.
Poussin, mit Gillette befreundet, ist ein eher emotional geprägter Maler, Porbus verkörpert die rationale Sicht der Dinge, aber beiden gelingt es, diese Welt zu ihrer eigenen zu machen. Frenhofer jedoch, arriviert und in den Künsten zu Hause, befriedigt mit Balzacs Führung des Schreibers Wunsch nach Vollkommenheit. Seit zehn Jahren arbeitet er an einem Gemälde, ein Frauenportrait mit dem Namen "Catherine Lescault", eine bekannte Kurtisane. Dieses Meisterstück verweigert er der Öffentlichkeit, dieses Werk ist für ihn der Inbegriff des Schönen, sein Leben gilt nur diesem und auch genügt ihm die Gesellschaft mit diesem Bild.
Eines Tages, fast wie ein Tausch, darf er die im realen Schöne (Gillette) sehen und seinen beiden Kollegen präsentiert er voller Stolz seine Madame Lescault. Voller Leidenschaft beschreibt er das Bild, voller Inbrunst gesteht er die Liebe, voller Nähe hört er sie atmen. Doch die beiden Künstler sehen nichts als Striche, sie sehen Nichts bis auf einen herrlich gemalten marmornen Frauenfuß. Der große Meister wird durch das gemeinsame Betrachten zurückgeholt in die Realität. Auch er erkennt nun nur ein Wirrwarr von Linien; sein Liebe, seine Leidenschaft stirbt in diesem Moment. Dies ist der Augenblick des Todes, dem er auch durch das Verbrennen all seiner Kunstwerke zum Opfer fällt. Die Erfahrung der Realität als eine überwältigende paart sich mit der der Art und Weise, wie die Verborgenheit der Zukunft in das Überwältigungsgeschehen hineinspielt und Whitehead bringt es auf den Punkt: "Jede Wirklichkeit hat ihr gegenwärtiges Leben und ihren unmittelbaren Übergang ins Neue." So wie Catherine Lescault zerfällt in ihren Linien der Kunst, so zerfällt Gillette in den Grenzen der realen Liebe, die sie nun im Zeitpunkt der Zustimmung zum Bild als nur bildhaft illusionär begreift. Balzac schafft mit dieser Gegenüberstellung eine subtile Liebesgeschichte, die Liebe zeigt, wo reine Wahrheit ist und nicht nur Imagination.
Balzac entwirft hier ein vielschichtiges Bild. Seine brillante Gegenüberstellung von Realität und Illusion schärft den Blick auf die Zeit. Wie ein Gewölbe drückt die Zeit auf den Menschen. Kunst und Natur stehen im Wettstreit. "Der Auftrag der Kunst besteht nicht darin, die Natur nachzuahmen, sondern sie auszudrücken!" Der Künstler ist Poet, nicht Kopist, so Balzac aus dem Munde Frenhofers und damit liegt sein Auftrag darin, die innerste Form zu beachten und dieser mit Liebe nachzugehen. "Inneres Universum" ist jener Begriff Novalis', der die Romantik prägte. Und in diesem eine Schönheit zu entdecken erfordert Mut und Ausdauer und letztendlich ein Nichts, was Alles ist, einen letzten Pinselstrich, der dem ganzen Leben gibt.
Frenhofers Hinwendung zu seiner Kunst als eine lebendige, eine atmende ist eine Kopie Ovids Metamorphosen. Wir erleben die wunderbare Marmorgestalt des Pygmalions auf Papier und besingen mit den Künstlern die Schöpfung zum Leben deren Objekte. Wir erleben die Zeit, in der das Bildnis als Metapher des Schöpfers geboren ist oder später bei Oscar Wilde zum Modus des zugewiesenen Alternativlebens wird.
Zum Lesen angeregt durch Peter von Matts
Luftgeister war diese Erzählung eine Freude und daher empfiehlt der Rezensent das Meisterwerk des großen Honoré de Balzac.
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