Nach dem Roman "Am Rande der Welt", der von dem Sterben der krebskranken Nora und ihrer Hinwendung zum tibetischen Buddhismus erzählt, erreicht uns nun im neuen Jahr die wunderbare, verwirrende und versöhnende Geschichte einer hochbegabten übersensiblen medial veranlagten Jugendlichen, die in der genormten Enge der westlichen Gesellschaft keinen Platz gefunden hat. Die Autorin, eine profunde Kennerin des tibetischen Buddhismus, Dokumentarfilmautorin, Lehrerin des Stillen Qi Gong und Begründerin des Tashi-Delek Vereins, einer Gesellschaft zur Unterstützung der tibetischen Kultur im Exil, wagt es, in der Sprache der No-Future und Null-Bock Generation die Botschaft des Buddha nahe zu bringen. In der Protagonistin Charly, einem weiblichen Wesen ohne Zugang zur eigenen Weiblichkeit, das es in ein Kloster in den Bergen außerhalb von Katmandu verschlagen hat, lebt nicht nur der Westen mit seinen existentialistischen Zuständen der Entfremdung und seiner Sehnsucht nach spiritueller Heimat auf, sondern meldet sich auch durch plötzliche Einblendungen medial empfangener Bilder die schamanische Seite des tibetischen Buddhismus, die in den Ngapkas, den mächtigen Zauberern vertreten ist. Das Buch ist eine meisterhafte Collage verschiedenster Einflüsse, wie sich schon auf dem Cover zeigt. Da ist der Zaubermantel eines Harry Potter, der Himalaya im Postkartenformat, die Gestalt eines Mönchs, der wie ein Refrain auf den Tibetbüchern erscheint und die Ruhe der Meditation in der Abgeschiedenheit veranschaulichen mag und der für die Wendung nach Innen steht. Hier schaut er zurück, als würde er auf Nachzügler warten, oder Abschied nehmen von dem , was er hinter sich lässt; er selbst wird weiter vorgehen. Im Roman ist es die Figur des Lama Yongdu, der die alte Tradition von Weisheit und Mitgefühl neu vermitteln kann, und dies mit stiller Noblesse tut. Ganz nebenbei kann er Charly dadurch lehren, sich selbst anzunehmen und Zärtlichkeit zu erleben, ohne sie sexuell ausleben zu müssen. Es sind neue Formen der spirituellen Einweihung entstanden, neue Gestalten der spirituellen Autorität tauchen von überall auf, so auch ein junger Tulku aus den Niederlanden. Angesichts des nun schon so lange währenden Exils und unter dem kontinuierlichen Einfluss der manifesten Vereinnahmung Tibets durch China ebenso wie der zunehmenden Bedrohung Nepals durch Maoisten entwickelt sich unter der Hand ein neues Selbstverständnis des tibetischen Geistes: er ist nicht mehr an die politische Identifizierung mit der Nation gebunden, er geht weit darüber hinaus. Der Autorin gelingt es, diesen neuen Geist erlebbar zu machen und eröffnet die Perspektive auf ein radikal neues Szenario, das von höchster Aktualität ist und wegweisend auch auf andere über-konfessionelle Geistesbewegungen einwirken könnte. Besonders begeistert hat mich der poetische Zugriff auf nichtalltägliche Bewusstseinszustände, die nicht als ein pathologisches Ausflippen gewertet werden sondern eine Einstimmung in eine verborgene Welt des Geistigen bedeuten. Souverän gemeistert wird die Erfahrung der Anderswelt in den Alltag eingearbeitet, so dass Heilung geschehen kann. Großartig! Nicht nur für Jugendliche und ihre genervten Eltern zu lesen, sondern auch für alle, die an Bewusstseinserweiterung interessiert sind, selbst für Kenner des (tibetischen) Buddhismus hält das Buch einige Überraschungen bereit.