Ich habe sowohl das Buch als auch die Rezension von Choyin Dorje mit Interesse gelesen und diese Kritik betrifft daher beide Texte.
"Den" Yoga gibt es leider nicht und es besteht Grund zur Annahme, dass es auch verschiedene tibetische Yogaformen gibt (Lu Jong ist eine davon und ähnlich wie die antike Säftelehre vom Ansatz her hoffnungslos veraltet). In diesem Sektor werden - ähnlich wie im Qigong und Tai Chi - immer gerne Traditionslinien als "verlässliche" Distinktionskriterien hochgehalten. Das ist wissenschaftlich korrekt, doch in der Praxis hat man eher mit der Folgefrage zu tun, wo man den Fokus setzt - auf den Rezipienten oder auf eine möglichst "reine" Tradition.
Persönlich finde ich den Ansatz dieses schmalen Büchleins für westliche Menschen didaktisch sehr gelungen. Es werden nur wenige, tatsächlich dem Hatha-Yoga verwandte, einfache Übungen vorgestellt. Auch wenn mir das vorgeschlagene 30-Minuten-Tagesprogramm nicht entspricht, regt die Ausführlichkeit der Beschreibungen (z.B. welche Geisteshaltung beim Yogaüben wirklich trägt und wie der Atem in der Yogatradition des tibetischen Buddhismus geführt wird), sehr zur Vertiefung der eigenen Praxis an.
Darüber hinaus muss ein westlicher Mensch sich dazu entscheiden, seinen Standpunkt gegenüber Praktiken, die zur Ausbildung von Mönchen/Nonnen dienen, immer wieder auf ihre Alltagstauglichkeit und ihren Anwendungsbereich hin zu reflektieren. Das Herz zu schulen und zu öffnen gehört mit Sicherheit zum Kern jedes inneren Entwicklungs-Weges. Generalisierungen sind dabei jedoch nicht angebracht und führen schnell in esoterisches Pseudo-"Bewusstsein", unter Umgehung der eigenen Schattenaspekte und Kraftressourcen. Einem eventuell traumatisierten oder in Suchtstrukturen verwickelten westlichen Menschen, Tonglen in der im Buch beschriebenen Form als "spirituelle Grundübung" zu empfehlen, ist m. E. kontraindiziert und gefährlich. In diesem Punkt sind Pema Chödrön und Linda Jones sehr viel klarer.
Fazit: Das didaktische Anliegen dieses Buches verdient 5 Sterne, aber die ungelöste Grundspannung liegt m. E. auf einer anderen Textebene. Das vorgestellte, kleine Yogaprogramm richtet sich klar an Anfänger, ist andererseits aber nur mit reichlich Vorwissen vorbehaltlos für westlichen Menschen zu empfehlen. Doch eine wichtige Bereicherung ist diese "gedruckte Yogastunde" allemal...