Schade, aber der Text hat nicht das gehalten, was ich mir davon versprochen habe. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Hoeg einfach zuviel gewollt hat - eine Mischung aus Actionkrimi und philosophischem Werk, die am Schluss etwas ratlos zurücklässt.
Dabei vermag der Text stilistisch und sprachlich durchaus in seinen Bann zu ziehen. Die Sprache ist kurz und knapp gehalten, Hoeg formuliert an vielen Stellen gelungene Dialoge. Man muss allerdings präzise lesen, etliche Rückblenden erfordern Aufmerksamkeit.
In einigen Aspekten ist mir der Text aber, ich kann es nicht anders sagen, gehörig auf die Nerven gegangen. Kaspar Krone ist wohl der unsympathischste Protagonist, der mir seit je zwischen zwei Buchdeckeln begegnet ist. Zwar moralisch einwandfrei, aber von der Umberto Eco'schen gelehrigen Geschwätzigkeit befallen. In den völlig unpassendsten Situationen lässt Hoeg den armen Krone völlig groteske Klugscheissereien von sich geben. Beispiel: ein Zweikampf auf Leben und Tod. Krone befreit sich im letzten Augenblick, kurz vor dem Abtreten, mit einem Kopfstoss und drangsaliert nun seinerseits den Angreifer, indem er ihn mit dem Hosenträger würgt. In diesem hochemotionalen Moment lässt Hoeg Krone zur Zeugin des Finales sagen: "Wenn man erdrosselt wird, dann nicht in erster Linie, weil man keine Luft bekommt. Das erste, was passiert, ist, dass die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn unterbrochen wird. Wegen des Drucks auf die grossen Halsschlagadern. Wenn du dir seine Augen anschaust, im Spiegel, kannst du sehen, dass jetzt schon, in der weissen Haut, gleichsam avocadofarbene Blutgerinnsel entstanden sind. Siehst du das?"
Das ist nur noch grotesk. Ich habe nichts dagegen, zwischen zwei Buchdeckeln Wissen aufzunehmen, aber ich mag es nicht, wenn der Autor quasi mit dem Zeigestock neben mir steht und mir das Ganze herunterleiert, als würde er neben der Fiktion stehen.
Minuten später fährt Krone in Begleitung durch Kopenhagen, mit einem Bauchschuss und einem Schädelbruch, und gibt munter weiter Wikipedia-Weisheiten von sich, wie zum Beispiel: "Jede Venenblutung kann gestoppt werden. Durch einen sanften, aber bestimmten Druck, der zehn Minuten dauert." Uaaaah!... Es hat Stellen gegeben, da habe ich tatsächlich gehofft, Hoeg lässt seinen Protagonisten irgendwo in der Mitte abkratzen und entwickelt einen anderen Faden weiter. Es muss Selbstironie sein, wenn Hoeg eine der Mitfiguren zu Krone sagen lässt: "Selbst wenn ein Erzengel vor dir stehen würde, würdest du nicht den Mund halten." Er bringts damit auf den Punkt.
Umgekehrt ist meines Erachtens auch die Umsetzung eines anderen Konzeptes missglückt. Krone besitzt einen ins Fantastische erweiterten Gehörsinn, er vermag die Tonart der Menschen und seiner Umgebung damit fast schon analytisch zu "erhören" und verstehen. Süskind hat vorgemacht, wie man so etwas auch sprachlich umsetzen könnte. Hoeg macht an den allermeisten Stellen nichts anderes, als das Köchelverzeichnis rauf und runter zu zitieren, mich als Leser mit Verweisen auf Werke der klassischen Musik zu drangsalieren im Stile von "klingt wie", "erinnerte mich an". Gerade die Beschreibung dieses "Gehörten" hätte viel Raum gegeben, einen Leser zu überraschen und zu begeistern. Schade, diese Passagen sind - auch wieder durch ihre phantasielos demonstrierte, fast schon heruntergebetete Gelehrsamkeit - für mich farblos geblieben.
Die Thematik, die Story, die Figurenentwicklung: nichts, was die Zeiten überdauern müsste. Mein Fazit: Weder Fisch noch Vogel, überzeugt dank einiger geradezu absurder Szenen schon gar nicht als Kriminal, hat andererseits für ein philosophisch-gesellschaftskritisches Werk eine zu groteske Handlung und zu wenig Tiefgang. Und sprachlich gibts eh Besseres.