"Nein, man kann es nicht verstehen. Solange man selbst nicht alt ist, versteht man nur, dass die Zeit den Alten ihren Stempel aufgedrückt hat. Doch wenn das alles ist, was man versteht, fixiert man sie in der Zeit, und das bedeutet, dass man eigentlich überhaupt nichts versteht. Alt zu sein bedeutet für alle, die noch nicht alt sind, dass man -gewesen- ist. Aber wenn sie alt sind, bedeutet es, dass sie trotz Ihrer Gewesenheit, zusätzlich zu ihrer Gewesenheit, über ihre Gewesenheit hinaus noch immer sind. Ihre Gewesenheit ist sehr lebendig."
Vorweg: Jedes Buch von Charakter -sollte- mit einem verständnisvollen Blick bedacht werden. "Was man nicht schätzen kann, sollte man trotzdem versuchen zu achten."
Ich las Philip Roth, weil er zum Kanon der modernen Literatur gehört. Ich machte mir keinen Kopf darum, dass es vielleicht noch etwas zu früh für mich sein könnte, ihn zu lesen; doch während des Lesens wurde mir klar, dass hier eine -andere- Erfahrung zu mir sprach. Jeder Leser nehme daher zur Kenntnis, dass ich zum Zeitpunkt der Rezension noch im Teenageralter bin. Ich möchte ein Buch gerne durch und durch verstehen und vielleicht kann mir das bei Roth in meinem Alter noch nicht gelingen. Deswegen schreibe ich das hier vorne weg.
"Stellen sie sich das Alter so vor: Es ist eine alltägliche Tatsache, dass ihr Leben auf dem Spiel steht. [...] Davon abgesehen ist man unsterblich solange man lebt."
Das sterbende Tier ist trotz seiner Schmalheit ziemlich vielschichtig: Die Grundgeschichte bildet die Obsession eines älteren Mannes für eine jüngere Frau, eine seiner Studentinnen, aber damit allein gibt sich Roth noch nicht als Inhalt zufrieden. Gleichzeitig und währenddessen gibt er uns eine kleine Geschichtsstunde in amerikanischer Sexualethik und erzählt uns von einer damit verwobenen Familientragödie.
Denn der Protagonist sah und sieht die Ehe (uns so schätzt er auch alle anderen Männer ein) als Beraubung der Freiheit, da sie auch zwangsläufig irgendwann den Sex tötet. Und Sex ist für ihn alles, - "denn nur beim Vögeln übt man an allem, was einem verhasst ist und was einen zu Boden drückt, eine reine, wenn auch nur momentane Vergeltung. Nur dann ist man voll und ganz lebendig, voll und ganz man selbst. Die Unsittlichkeit ist nicht im Sex, sondern in allem anderen." Deswegen verlässt er seine Frau und den Sohn frühzeitig.
Doch wie weit geht die Freiheit und wie macht man aus einer sexuellen Freiheit ein System, das funktioniert? Und was ist, wenn man sich plötzlich nach Sicherheit sehnt, weil die eigene Freiheit plötzlich mit der der anderen konfrontiert wird, die ja auch genau so frei sind?
Was mich an Roth beeindruckt hat ist zweierlei: Erstens seine Sprache (übersetzt klar, aber man kann immer noch eine unglaubliche saubere Stilführung und Erzählweise spüren, wie sie mir öfter bei ihm vorgeschwärmt wurde), seine durch und durch klare Prosa und zweitens die unglaubliche Verschleierung der Distanz zwischen Autor und Protagonist. Ich weiß nicht, ob Roth hier durch David Kepesh spricht, ob es seine Ansichten sind, oder ein gerissener Schachzug, um etwas aufzuzeigen. Wahrscheinlich ist es keins von beidem und Roth ist tatsächlich einer dieser Autoren, die einfach Geschichten schreiben. Aber das bleibt jedem Leser selbst überlassen.