Schmidt, Arno, Das steinerne Herz. Historischer Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi (1956) (SZ-Bibliothek 2008)
Der Titel spielt an auf literarische Texte mit dem gleichen Titel aus der Romantik - Hauff, E.T.A. Hoffmann. Die Parallelen zu Goethes "Wahlverwandtschaften" liegen ebenfalls nahe. Bei den genannten Romantikern haben jeweils die Menschen ein steinernes Herz, die sich gegen ihre Mitmenschen verhärten, kein Mitgefühl mehr haben. In diesem Roman bezieht sich der Protagonist, Walter Eggers, ausdrücklich auf "das steinerne Herz" und behauptet, nur durch seine Sammlerleidenschaft "hing die Welt noch an mir!" (90). Diese Sammelleidenschaft steht allerdings im Zentrum des Romans, aber zu sagen, dass der Sprecher sich ganz gegen die Mitmenschen verhärtet habe, trifft nicht zu.
Im Gegenteil, er scheint die Wonnen der Gewöhnlichkeit mit einigen unbedarften Zeitgenossen geradezu auszukosten. Auf der Suche nach verschollenen Staatshauptbüchern des Statistikers Jansen aus dem 19.Jahrhundert nistet er sich als Walter Eggers ("Einkäufer") bei einer Enkelin Jansens, Frieda Thumann und ihrem Mann Karl, einem Lastkraftwagenfahrer, im niedersächsischen Ahlden ein. Während Karls Liebe einer Line Hübner in Ostberlin gehört, lieben sich "Wallder" und Frieda alsbald hitzig im Ehebett, was Ehemann Karl bereitwillig akzeptiert. Walter begleitet Karl auf einer Tour nach Ostberlin, dort lernt er auch Line kennen, die kümmerlich mit ihren Katzen in einer Gartenlaube haust, und er tauscht in der Staatsbibliothek heimlich eine statistisches Jahrbuch, von dem er eine Dublette besitzt, gegen eine heiß begehrte dritte Auflage desselben Buches aus. Die Not leidende Line wird dann bald in den Westen geholt, und als sich auch noch ein Goldschatz im Häuschen findet, den die Vorfahren Friedas dort angehäuft haben, kennt das Glück der Vier kaum noch Grenzen, nur Line kränkelt und möchte nach Schlesien zurück: Man plant eine gesicherte und bequeme Zukunft für alle, auch Walter will jetzt gegen seine vorherige Absicht bei seiner drallen Frieda bleiben und sich seiner Sammelleidenschaft hingeben: "Ich die Staatshandbücher. Der Chauffeur (=Karl) Line. Und Frieda moi=mich: Jeder hat sein Steckenpferd." (218)
Schmidt ist bemerkenswert wegen seiner sehr eigenwilligen Interpunktion und Orthographie, wegen seiner wuchernden Metaphorik und Assoziationen, die Spontaneität und Unmittelbarkeit schaffen, sich an allem und jedem entzünden und geradezu an Jean Paul erinnern. Er ist sicher auch bemerkenswert wegen der deftigen Beschreibungen von Sexualität und wegen des rotzig-schnoddrigen Raisonnierens über die politischen Verhältnisse. Im Titel weist er ja ausdrücklich auf den historischen Zeitpunkt hin, und in der Tat erzeugen die vielen realistischen Details das unverwechselbare historische Kolorit der Nachkriegsjahre: die politischen Themen jener Zeit, die Dürftigkeit der Lebensverhältnisse der Davongekommenen. Ebenso charakteristisch für jene Zeit dürfte das Zusammenwohnen der vier Personen sein, wobei sich der größenwahnsinnige, schreib- und sammelbesessene Sprecher erstaunlich zwanglos in das Spießermilieu einzufügen scheint: Einerseits deklamiert er: "'Nicht Ich, Ihr Athener, bin da, von Euch zu lernen: sondern Ihr seid da, von mir zu lernen!'" (139), andererseits wird "Wallder" Friedas besonderer Liebling, indem sie nicht nur seine Qualitäten im Bett schätzen lernt, sondern auch die beim Finden und Verhökern des Schatzes (historische Goldmünzen), wobei nämlich genaueste Sammlerkenntnisse erforderlich sind.
Während es den Romantikern bei ihren Vorlagen um Didaktik und Moral ging, während z.B. später Döblin mit seinem Franz Bieberkopf einen Mann des Volkes schuf, an dem er seine Lebensphilosophie verdeutlichen wollte, scheint sich Arno Schmidt alias "Wallder" mit seinem steinernen Herzen inmitten der Spießergesellschaft mehr und mehr geradezu kannibalisch wohl zu fühlen: "'Das hieß mindestens 10 weitere Jahre gelehrten Müßigganges!'", jubelt er nach dem Geldzählen am Schluss und denkt schon an die Karteischränke, die er bestellen wird.(219). Während die genannten Vorläufer ihre Figuren jeweils aus der Distanz beaobachten, identifiziert sich Schmidt mit seinem Helden (ein Blick in Wikipedia zeigt darüber hinaus, wie deutlich er autobiografisches Material verarbeitete). Zwar bleibt eine gewisse Ironie erhalten, aber der Sammler ist am Ende doch der Held der kleinen Hausgemeinschaft - so souverän wie Old Shatterhand in den Romanen von Karl May, die Schmidt so sehr bewunderte. Was bleibt also? Der avantgardistische Gestus, seine Schreibweise können nach wie vor interessieren, die politischen und sexuellen Provokationen können einen indessen kaum noch irritieren, die Details seiner Sammelleidenschaft können Spezialisten und bekennende Niedersachsen amüsieren, aber das Ganze erscheint mir doch eher peinlich. Was die deutlichen Anspielungen an Goethes Wahlverwandtschaften betrifft: Bei Goethe eine subtile Charakter- und Beziehungsstudie, hier die platte Gemütlichkeit der vier Genossen, von denen vielleicht Line noch am ehesten etwas Tiefe gewinnt. Arno Schmidt? Eher nicht.