London, September 1919: Der junge Tristan Sadler steigt in einen Zug. Er fährt nach Norwich, um sich dort mit Marian Bancroft, der Schwester seines toten Kameraden Will, zu treffen, mit dem er Seite an Seite im Ersten Weltkrieg gekämpft hat. Als Gepäck trägt Tristan ein Bündel Briefe mit sich – und seine Erinnerung. In Norwich trifft sich Tristan mit Marian in einem Café. Er erzählt ihr von seiner ersten Begegnung mit Will im Ausbildungslager Aldershot; von der Schiffspassage nach Nordfrankreich, vom Leben und Sterben im Grabenkampf, aber auch von der Freundschaft und dem Vertrauen, das sich die beiden jungen Männer schenken. Und er legt Zeugnis darüber ab, wie Will sein Leben einsetzt, um sich unter unmenschlichen Bedingungen einen Rest von Menschlichkeit zu bewahren. Tristans erschütternder Bericht ist ebenso schonungslos wie ungeheuerlich, und doch bleibt er Marian die schrecklichste Wahrheit schuldig – vorerst.
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Das Buch wird aus Tristans Sicht erzählt. Zu Beginn lernen wir ihn kennen, wie er unterwegs ist zu einer Reise nach Norwich, um Briefe seines im Krieg gefallenen Freundes Will an dessen Schwester zurückzugeben. Man merkt gleich, das Tristan schwer gezeichnet ist vom Krieg, trotzdem ist der Beginn voller Nichtigkeiten, die Begegnung mit einer Mitreisenden, ein kleiner Vorfall in seinem Hotel oder eine Unterhaltung im Pub. Einfache Beschreibungen des Alltags, und doch sind sie unterschwellig durchdrungen und dadurch verdorben vom Nachhall des Krieges. Nebenbei erfahren wir auch mehr aus Tristans Vergangenheit und wie es dazu kam, das er sich bereits mit 17 als Soldat meldete und mit seinem Alter etwas schummelte. Als er Will Schwester trifft, gehen wir mit ihm auf die Reise in seine Kriegserlebnisse. Und so wie er Marian erst nach und nach erzählt, was geschah, so erfahren auch wir erst ganz zum Schluß das ganze Ausmaß.
Das Tristan homosexuell ist kann man schon sehr rasch aus den Zeilen herauslesen. Vor 100 Jahren war das noch eine undenkbare Sache, ausleben konnten das nur die wenigstens. Tristan ist ganz Kind seiner Zeit, er denkt selber, das das, was da in seinem Kopf ist, nicht richtig ist. Trotzdem sind die Neigungen da. Letztendlich führen diese ungelebten Gefühle zu seinem tragischen Handeln. Zu einem in gewisser Weise ungelebten Leben.
Während im deutschen Titel schon Tristan als Hauptperson herausgehoben wird, weisst der Originaltitel "The Absolutist" auf eine andere wichtige Person des Buches hin: Will. Während des Krieges lassen ihn die Dinge, die er dort erlebt, zum absoluten Verweigerer werden. Denn neben Tristan tragischem persönlichen Schicksal geht es in diesem Buch auch um den Krieg und wie er die Menschen entmenschlicht. Wie bleibt man menschlich unter diesen Umständen? Der rote Faden der Geschichte ist, ob man die Kraft hat, zu seiner persönlichen Überzeugung, seinem Wesen, mag es auch noch so gegen den Zeitgeschmack sein, steht oder ob man lieber mit dem Strom schwimmt. Ist es Stärke, dagegen zu bestehen oder Schwäche? Ist man mutig, dafür in den Tod zu gehen oder ist man mutiger, damit weiterzuleben?. Die Antwort auf diese Frage ist für jeden eine andere.
Tristan ist so etwas wie ein Antiheld. In den engen moralischen Grenzen seiner Zeit fällt es ihm schwer, sich zu definieren. Seine Sexualität ist seine Triebfeder. Als Soldat funktioniert er recht gut, er stellt sich nicht die gleichen Fragen, die Will sich anfängt zu stellen. Ihn treibt sein innerer Konflikt zu seinem Handeln und er erkennt dabei nicht, das Will ebenfalls an einem inneren Konflikt zerbricht. Bei Tristan herrscht das Gefühl vor der Vernunft und das unterscheidet die beiden so grundlegend, das sie noch nicht einmal fähig sind, auch nur annähernd zu verstehen, was den anderen bewegt.
Dies ist mein erstes Buch von John Boyne. Seine Art zu schreiben hat mir sehr gefallen. Er ist sehr zart in seinen Beschreibungen und dennoch kann man die Wucht seiner Aussagen dahinter erkennen und fühlen. Zugleich gelingt es ihm fast nebenbei, das Gefühl für diese Zeit, als Krieg noch heroisiert wurde und die Definition, was sich für einen Mann gehört und wie er zu sein hat, sehr eng definiert waren. Mich hat "Das späte Geständnis des Tristan Sadler" sehr berührt. Die Tragik von Tristans und Wills Schicksal wird in mir noch eine Weile nachhallen.
Der Roman ist aus der Sicht des Ich-Erzählers Tristan geschrieben, wechselt aber zeitlich gesehen die Perspektiven. Die Abschnitte aus dem Jahr 1919 spielen in Norwich und berichten in der Vergangenheitsform über das Treffen zwischen Tristan und Marian sowie von seinem Besuch in ihrem und Wills Elternhaus. Zwischen diesen Kapiteln finden sich die Abschnitte, die 1916 im Ausbildungslager Aldershot und in Frankreich an der Front angesiedelt sind. Diese Abschnitte sind im Präsens geschrieben und machen so den Leser direkt zum Zeugen der schrecklichen Ereignisse in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Das letzte Kapitel des Romans spielt im Jahr 1979, als es zwischen Tristan, der inzwischen auf ein langes Leben als erfolgreicher Schriftsteller zurückblickt, und Marian zu einem letzten Treffen kommt.
Im Mittelpunkt des Romans stehen die Themen "Freundschaft/Liebe", Mut", bzw. "Feigheit" und "Prinzipientreue". Diese Dinge werden sowohl auf der privaten Ebene in der persönlichen Beziehung zwischen den beiden Soldaten Tristan und Will als auch auf der öffentlichen Ebene in der Beziehung des Soldaten zu seinem Vaterland thematisiert. Tristan und Will entwickeln eine Beziehung, die über Freundschaft hinausgeht. Während Tristan sich seine Homosexualität eingesteht und dafür auch schon mit dem Verlust seines Elternhauses bezahlt hat, ist Will zu diesem Schritt nicht bereit. Nicht einmal vor sich selbst will er seine Neigung zugeben, öffentlich machen darf er sie natürlich ohnehin nicht, schließlich stehen gleichgeschlechtliche Beziehungen Anfang des 20.Jahrhunderts noch unter Strafe.
Doch nicht nur die unterschiedliche Interpretation ihres persönlichen Verhältnisses trübt die Freundschaft der beiden jungen Soldaten, sondern auch ihre unterschiedliche Einstellung zum Krieg. Während Tristan zwar am Krieg keinen Gefallen findet, sondern nur ohne viel nachzudenken seine Pflichten erfüllt, entwickelt sich Will zum Absolutisten (engl.Originaltitel "The absolutist"), der das Menschenverachtende des Krieges immer stärker empfindet und eines Tages nicht mehr bereit ist, in irgendeiner Form - und sei es als Helfer im Lazarett - an diesem Wahnsinn teilzuhaben.
Es gelingt John Boyne ausgezeichnet, die Situation der Soldaten zu verdeutlichen, die jeden Morgen unsicher sind, ob sie den Abend noch erleben werden, die ihre Kameraden reihenweise fallen sehen und den Befehlen von Vorgesetzten folgen müssen, die an ihrem Platz bleiben, obwohl sie ganz offensichtlich den Verstand verlieren.
"Das späte Geständnis des Tristan Sadler" ist jedoch kein Kriegsroman im üblichen Sinne, der einen umfassenden Überblick über die Kampfhandlungen in Frankreich bietet, der Fokus liegt hier ganz klar auf moralischen Fragestellungen.
Ein hervorragender Roman, der mich tief beeindruckt hat!
John Boyne nutzt die Kulisse des Ersten Weltkrieges, um die Liebesgeschichte zweier Homosexueller zu erzählen, in einer Welt, die Homosexualität kriminalisierte, so dass die Betroffenen ihre Neigung nicht leben, manchmal nicht einmal sich selbst eingestehen konnten. Vor diesem Setting entwickelt er seine Themen: Mut und Feigheit. Liebe, Freundschaft, Schuld. Will und Tristan haben sich beide aus Patriotismus freiwillig gemeldet und freunden sich während der Grundausbildung schnell an. Will ist der Nachdenklichere der beiden Freunde, und durch die Begegnung mit einem Kameraden, der als Kriegsdienstverweigerer auf das Urteil des Militärtribunals wartet, stellt er bald das Ideal des mutigen Kriegshelden infrage. Je mehr er sich mit dieser Frage auseinandersetzt, desto mehr kann er dessen Standpunkt abgewinnen, bis ein grausames Fronterlebnis ihn veranlasst, eine extreme Position zu beziehen: die des Absolutisten (Originaltitel). Tristan jedoch, im Wahnsinn des Grabenkrieges nur noch am Überleben interessiert, will nichts hören von Prinzipien. Er würde, wie der Autor ihn sagen lässt, jederzeit für einen Menschen sterben, aber niemals für ein Prinzip. Jetzt, knapp ein Jahr nach den Ereignissen des Krieges, sieht Tristan den toten Freund als Helden, der für seine Überzeugung in den Tod ging. In seinem Heimatort jedoch gilt Will als Schande, so dass man seiner Familie verweigert, seinen Namen auf dem Denkmal für die Gefallenen aufzunehmen. Und so ist Tristans Sichtweise der der Öffentlichkeit diametral entgegen gesetzt - aber ist sie deshalb richtiger? Oder gerecht?
Die Geschichte beginnt gemächlich, springt zwischen den Kriegserlebnissen und Tristans Begegnung mit Marian ständig hin und her und gewinnt zunehmend an Momentum. Der Autor versteht es, die Spannung stetig zu erhöhen, bis zur überraschenden, schockierenden Auflösung, die einen begreifen lässt, warum der Protagonist sich so mit Schuldgefühlen quält, dass sie sein ganzes Leben beherrschen werden.
Ich hatte größtes Mitgefühl mit Tristan Sadler, was nicht jedem so ging, der dieses Buch gelesen hat. Aber gerade dieses Schwarzweißdenken ist es, das John Boynes Geschichte infrage stellen will: Die Sicherheit des Urteils derer, die ganz genau wissen, was sich gehört und was nicht, und die Willkür der geltenden Moral, die zu nichts anderem dient, als den Status quo zu legitimieren.
Ein beeindruckender, dabei sehr lesbarer Roman, der klarmacht, dass es kein Schwarz oder Weiß gibt - und der Autor versteht es, den vielen Grautönen Farbe zu verleihen.
Die Erzählung beginnt mit der Fahrt Tristans nach Norwich, wo er die Schwester seines gefallenen Kriegskameraden Will treffen sollte. Lesen Sie weiter...
Ich hatte schon etwas länger keinen historischen Roman mehr gelesen und fand das eigentlich auch recht schade. Lesen Sie weiter...
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