"Eine Einführung in die Neurobiologie für psychosoziale Berufe" lautet der Untertitel dieses empfehlenswerten Grundlagenwerks. Da ich genauer wissen wollte, welche Zielgruppe der Autor damit anpeilt, suchte ich nach einer Definition. Die gibt es allerdings nicht. Oder besser gesagt, es gibt so viele, dass sich unter psychosozialen Berufen jeder selber etwas vorstellen kann. Die allgemeinste Formulierung, die ich fand, lautete: "Menschen, die ihre Dienstleistung an der Schnittstelle zwischen menschlicher Schwäche und den Reaktionen der Umwelt anbieten." Der Mediziner, Psychiater und Psychotherapeut Thomas Schmitt fasst die Zielgruppe wohl etwas enger, wenn er nach jedem Kapitel immer ein therapeutisches Fazit zieht und ganz konkrete Tipps gibt, wie die neu gewonnenen Erkenntnisse in die eigene Arbeit einfließen können. Aber zumindest der erste Teil des Buches ist für ein Publikum verfasst, das seinen Lebensunterhalt nicht zwingend mit einem therapeutischen Beruf verdienen muss. Und der zweite Teil, überschrieben mit "Psychiatrische Störungsbilder und Erkenntnisse der Hirnforschung" ist so verständlich formuliert, dass für das Verständnis keine besonderen medizinischen Kenntnisse notwendig sind.
Die Stärke des Autors liegt in der Gabe, komplizierte Zusammenhänge anschaulich und einfach zu erklären. Dazu bedient er sich aller didaktischer Mittel, die ein guter Lehrer anwendet. Am meisten überzeugten mich die zahlreichen Illustrationen. Denn sie sind auf die Formulierungen des Autors zugeschnitten, geben nur das zu Erklärende wieder und haben glücklicherweise nichts mit der Ästhetik von ClipArt-Bildchen zu tun. Die alte Streitfrage, ob für psychische Störungen nun die Gene, die Umwelt oder persönliche Erlebnisse verantwortlich seien, beantwortet der Autor souverän, indem er gar nicht explizit auf sie eingeht. Thomas Schmitt zieht es vor, gesichertes Wissen einfach zu vermitteln und nur dort Schlüsse zu ziehen, wo Daten dies zulassen.
Sinnvoll und didaktisch klug finde ich, dass der Autor mit einer historischen Einführung beginnt. Denn so wird dem Leser auch gezeigt, dass Wissen vergänglich ist und selbst der Inhalt dieses Buches irgendwann umgeschrieben werden muss. Zudem lernt man so die wichtigsten Protagonisten der Hirnforschung kennen und schließt erste Bekanntschaft mit Fachbegriffen. Die folgende Einführung in die Genetik mag für viele Leser Repetitionsstoff sein, ist aber auf jeden Fall nützlich, um den Ausführungen über das Gehirn besser folgen zu können. Nach der Darstellung der Gehirnentwicklung werden sein Aufbau und die wichtigsten Funktionen erklärt. Bei der Frage, wie groß die Plastizität des Gehirns ist, nimmt der Autor eine vermittelnde Rolle zwischen den beiden Streitparteien ein, was auch dem gegenwärtigen Erkenntnisstand entspricht. Und wer noch nicht wissen sollte, was die Forschergruppe des Italieners G. Rizzolatti entdeckte, wird nun endlich mit den Spiegelneuronen vertraut gemacht. Das letzte Kapitel des ersten Teils geht dann auf die Zusammenhänge zwischen Gehirn und Umwelt ein.
Im zweiten Teil bespricht der Autor psychiatrische Störungsbilder unter dem Blickwinkel der Hirnforschung. Vorgestellt werden: Schizophrene Psychosen, Angststörungen, depressive und bipolare Störungen, Persönlichkeitsstörungen, ADHS, Sucht und Demenz. Den Abschluss bilden dann persönliche Gedanken des Autors zur Neurobiologie und zur sozialen Arbeit. Gefolgt vom Literaturverzeichnis und einem Register.
Mein Fazit: Eine sehr empfehlenswerte Einführung in das Thema. Aus der richtigen Distanz geschrieben, einfach und verständlich formuliert, mit anschaulichen Illustrationen versehen und auf dem aktuellsten Stand. Der Autor hält sich aus den ideologischen Streitereien heraus, bezieht aber trotzdem persönlich Stellung, wenn sein Standpunkt für das Verständnis seiner Erläuterungen wichtig ist und seine Auffassung von erfolgreicher psychosozialer Arbeit geklärt werden soll.