Die Lyrikerin und Prosaistin Sarah Kirsch, 1935 am Harzrand geboren, verließ 1977 das "Ländchen" DDR, in dem sie "geknebelt und schikaniert" wurde. Sie lebt in Schleswig-Holstein, ist ein "Landei" geworden, hineingewachsen in ein Moorland, das geprägt ist von der Weite, vom Spiel der oft schweren Wolken und vom Wind, den nur begreifen kann, wer "an der Grenze zwischen Wasser und Land angestammt" ist.
Sarah Kirsch hat zahlreiche Prosaminiaturen zu einem Tagesjournal "Das simple Leben" arrangiert, mit denen der Leser in das Jahr 1991 zurückversetzt wird. Golfkrieg und Raketen, die auf Israel zielen, Moskauer Putsch, Stasi-Akten - und Schriftstellerspitzel Christa Wolf? "Verglich sich mit Anna Achmatowa, die auch viel Unbill hinnehmen mußte. Gerade fiel mein Schuh neben den Fernseher noch". Zorn, oft auch Ironie: "Im Fußball gewinnt Hallo gegen Torpedo Moskau, so weit isses gekommen".
Anmerkungen aus der ungebrochenen Provinz? Gewiß nicht. Die Autorin empfindet sich als eine gerae noch Davongekommene, die genau weiß, daß ein Entkommen nicht möglich ist. Gelungen scheint der Rückzug in ein ländliches Refugium, in dem sie die Kraft findet, die Anmutungen der Vergangenheit und des Tages auszuhalten. Wenn Kirsch berichtet, daß der Schafbock Jonathan gestorben ist oder daß sie ihre Clivien geteilt und neu eingetopft hat; wenn sie von einer langen Wattwanderung erzählt oder von der unbewohnten Eiderinsel, auf die sie ihre Schafe rudert, dann stilisiert sie nicht ihr Leben zur Idylle in der Abgeschiedenheit Schleswig-Holsteins. Glücksmomente können auch hier nur im Widerpruch zu den täglichen Horrornachrichten aus aller Welt gelingen.
Sarah Kirsch hat für ihre Verschränkungen von privaten Details und äußeren Ereignissen einen bewußt antiquierenden Sprachstil gefunden. Mit ihrem hingetupften, ironischen, oft spielerischen, aber auch schnodderigen Ton baut sie Distanz zu einer Welt auf, die geeignet ist, einen in Melancholie zu versetzen.
Was leicht in eine Ansammlung von Belanglosigkeiten hätte abstürzen können, ist durch die große Sprachkunst der Autorin zum Lektüre-Erlebnis geworden.