Deutschland zwischen Machtergreifung und Kriegsausbruch. Die Nazis haben es bereits geschafft, die Gesellschaft ihren Vorstellungen gemäß umzukrempeln: die demokratische Opposition ist ausgeschaltet, die Instrumente der Macht befinden sich in ihren Händen, die öffentliche Ordnung gehorcht ihren Spielregeln.
Innerhalb dieses geschichtlichen Rahmens entwickelt Anna Seghers ihren Roman "Das siebte Kreuz". Aus dem KZ Westhofen fliehen sieben Häftlinge, unter ihnen Georg Heisler, dessen einziges Vergehen es ist, (politische) Überzeugungen zu tragen, die in der neuen Ordnung nicht geteilt werden dürfen. Durch die Flucht tauschen die Häftlinge den sicheren Tod durch allmähliches Zugrunde-gerichtet-werden gegen ein Fünkchen Hoffnung, durch ein letztes Aufbäumen ihres Überlebenstriebes dem schier Unabwendbaren doch noch zu entrinnen.
Erschüttert verfolgt der Leser mit, in welche Gesellschaft die Flüchtlinge hinein fliehen. Dabei konzentriert sich die Handlung vornehmlich auf jene Geschehnisse, die mit Georg Heisler in Verbindung stehen, da er der einzige sein wird, der am Ende in den Hafen der Sicherheit einlaufen wird. Dass Georg nur durch fremde Hilfe überleben kann, und er somit Kontakt zu Menschen suchen muss, die über die Mittel und die Absicht verfügen, ihm zu helfen, ist Georg klar. Unklarer ist, wen er als verlässlich einstufen kann. Menschen, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat, müssen plötzlich aus dem Stegreif entscheiden, ob ihnen ihre persönliche Sicherheit wichtiger ist, als das Wagnis, einer einstigen, möglicherweise flüchtigen Bekanntschaft Hilfe zu leisten.
Es ist vor allem die im Roman immer wiederkehrende Frage, wem man trauen kann, wenn es einmal wirklich hart auf hart kommt, die das zentrale Anliegen des Romans dem Leser schonungslos vor Augen führt: Aufzuzeigen, wie der damalige totalitäre Machtapparat natürliche menschliche Verhaltensweisen und Bindungen (z.B. Ehe, Familie) ausgehebelt hat und Unbehelligtheit nur noch denen bietet, die sich den Ansichten einer bestimmten herrschenden Klasse unterwirft.
Meisterlich konstruiert Anna Seghers eine Handlung, die den Leser von der ersten Seite an in den Bann zieht, und die durch faszinierende Wirklichkeitsnähe besticht. Bekanntlich schreiben Autoren dann besonders gut, wenn sie über einen Gegenstand berichten, der ihnen auch persönlich nahe steht. Die Autorin, die vor den Nazis nach Frankreich und von dort aus nach Nordamerika geflohen ist, bestätigt diese Regel eindrucksvoll.