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Das sexuelle Leben der Catherine M.
 
 
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Das sexuelle Leben der Catherine M. [Taschenbuch]

Catherine Millet , Gaby Wurster
2.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (130 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Diese Frau ist ein Skandal. Das hätte wohl kaum jemand gedacht, der sie im Frühjahr 2001 zum ersten Mal in Bernard Pivots Bouillon de Culture im französischen Fernsehen sah: freundlich und zurückhaltend, fast schüchtern wirkte sie da. Und trotzdem hatte Catherine Millet, 52-jährige Chefredakteurin der Avantgarde-Zeitschrift artpress, Spezialistin für Yves Klein und einstige Kommissarin ihrer Heimat bei der Biennale in Venedig, ein Buch geschrieben, dass ganz Frankreich in Wallung brachte. Die Rede ist natürlich nicht von ihrem Band über Zeitgenössische Kunst, der nahezu unbeachtet blieb. Gemeint ist vielmehr die schonungslose Bestandaufnahme ihres unersättlichen Sexuallebens, die erotische Autorinnen, wie Catherine Breillat und Virginie Despentes, wie Betschwestern aussehen lässt.

In Frankreich gingen täglich bis zu 5.000 Exemplare von Das sexuelle Leben der Catherine M. über den Ladentisch, die erste Auflage war bald schon ausverkauft. Nun hat der Goldmann Verlag für 650.000 Mark die Rechte gekauft und das schamlose Buch auf Deutsch herausgebracht. Viel Geld für geschriebenen Sex, denn darum handelt es sich bei Millets Roman: Ausschließlich ums Vögeln, Ficken, Lecken geht es in dem Buch. Von nichts anderem erzählt Millet auf 285 Seiten als von ihrem Wunsch, sich (nach der Defloration mit 18 Jahren) auf schmuddeligen Parkplätzen, in Swinger-Clubs, Bahnhofshallen oder im Gebüsch des Bois de Bologne mit möglichst vielen Männern zu vereinigen -- teilnahmslos und ohne Leidenschaft. Hier macht sich eine Kunstexpertin selbst zum Kunstprodukt, zum Objekt der Begierde einer lüsternen Männerwelt -- und eines beinahe ebenso lüsternen Literaturbetriebs. Und trotzdem ist die teilnahmslose, abtörnende Art, in der Millet über Gruppensex und Mösen und Schwänze schreibt, so gar nicht geeignet für den Vorwurf skandalöser Pornografie.

Parallel zu Millets erotischer Beichte hat ihr Ehemann, der Schriftsteller Jacques Henric, einen Band mit biederen Nacktfotos seiner Frau herausgebracht,(Die Legenden der Catherine M.), der pünktlich zur Buchmesse auf Deutsch erscheint. Und auch die Vergleiche mit de Sade oder Georges Bataille, die nach Erscheinen ihres Bestsellers auf die Autorin niederprasselten, hat sie nicht verdient. Und das ist keineswegs negativ gemeint. Zwar keinen "Klassiker der französischen erotischen Literatur" (Bernard Pivot) hat Millet geschrieben, wohl aber eine überzeugend kaltblütige, gut geschriebene Bestandsaufnahme ihrer entfesselten, sich immer wieder auch prostituierenden Sexualität. --Thomas Köster -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Audiobook-Rezensionen

Das Thema französische Skandalautoren nimmt im öffentlichen Diskurs mittlerweile einen festen Platz ein. Catherine Millet und ihr Buch "Das sexuelle Leben der Catherine M." sorgten dabei immer wieder für Zündstoff. Jetzt gibt es das sexuelle Protokoll auf Hörbuch!

Kühl, nüchtern und sachlich erinnert sich die Ich-Erzählerin an die Zeit ihrer sexuellen Obsession, in er sie nur eines wollte: ficken, blasen und lecken. Nach ihrer Initiierung in Lyon tat sie es überall: auf Parkplätzen, im Bois de Boulogne, in Swinger-Clubs, selbst auf einem Transporter der Pariser Stadtreinigung. Wo war ihr egal, mit wem war ihr egal - sie akzeptierte manchmal auch Frauen -, Hauptsache es geschah oft. Niemals passierte etwas Gefährliches, niemals kochten Leidenschaften über! Das Klima, in dem alles sich abspielte, sie selbst eingeschlossen, war seltsam lasch, teilnahmslos, kein bisschen wild. Was hier zählte war nicht Leidenschaft, Rausch oder Ekstase, was hier zählte war "die Mechanik der Körper". Erotik im Sinne von Verführung und Hingabe spielte keine Rolle.

Catherine Millet, die diese Orgien erlebt hat, ist seit Jahren Chefredakteurin der Zeitschrift "Artpress", dem wichtigsten französischen Medium für zeitgenössische Kunst. Die anerkannte Kunstkritikerin gilt als Spezialistin für Yves Klein. Der Bericht über ihr sexuelles Leben scheint Millet sehr leicht gefallen zu sein. Jedenfalls klingt das Ganze weder nach Geständnis noch nach Provokation. Es ist vielmehr eine nüchterne Bestandsaufnahme ihrer sexuell experimentierenden Periode, ergänzt durch analytische Überlegungen über ihre Kindheit, die Bedeutung der Zahl oder des Raums.

Marion von Stengel liest die sexuelle Autobiografie. Die Synchronsprecherin spricht u.a. Pamela Anderson. Der teilnahmslose Rückblick mit seiner eigenwillig distanzierten Aneinanderreihung von Bildern und Szenen wird durch ihre Stimme passend, in der richtigen Form präsentiert. Nicht einmal der Hauch von Erotik schwingt dabei mit. Indem die Protagonistin sich zum Objekt der Begierde erklärt, könnte man sich zumindest eine Frage stellen: Was hat das alles mit Freiheit und vor allem mit der Freiheit der Frau zu tun? Dennoch schonungslos offen, analytisch geschult und sprachlich treffend wird in diesem Bericht auf eine neue Art das Experiment Sex beschrieben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Lesung, Spieldauer: ca. 210 Minuten, 3 MC. Auch als CD erhältlich. Lesung, Spieldauer: ca. 210 Minuten, 3 CD. Auch als MC erhältlich.

-- culture.text -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Kurzbeschreibung



Die sexuelle Autobiografie Catherine Millets war eines der spektakulärsten Bücher der letzten Jahre. Ob sie von Abenteuern im Bois de Boulogne, in Peepshows oder in den Appartements der arrivierten Pariser Kunstszene berichtet, stets verblüfft die international angesehene Kunstexpertin durch die gelassene Selbstverständlichkeit ihres Stils. Fest steht: So hat noch nie eine Frau über ihre Sexualität geschrieben!

Klappentext

"Die Radikalität dieses lakonisch und minutiös geschriebenen Berichts besteht in seiner unerhörten Gelassenheit. Catherine Millet könnte einem Roman von Houellebecq entsprungen sein!"
Der Spiegel

"Ein intelligentes, schonungsloses und ungewöhnlich freimütiges Buch!"
Mario Vargas Llosa

"Dieses Buch wird ein Klassiker der französischen erotischen Literatur!"
Bernard Pivot -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Umschlagtext

"Dieses Buch wird ein Klassiker der französischen erotischen Literatur." (Bernard Pivot): das Buch, über das ganz Frankreich spricht! Mit ihrer sexuellen Autobiografie provozierte Catherine Millet einen Literaturskandal, und schon jetzt steht fest: "Das sexuelle Leben der Catherine M." ist eines der spektakulärsten Bücher des Jahres 2001 - schonungslos offen und von analytischer Brillanz zugleich. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Über den Autor

Catherine Millet, geboren 1948, ist Chefredakteurin der Zeitschrift „art press“. Sie war Kuratorin des französischen Pavillons bei der Biennale 1995 in Venedig und bei der Biennale 1989 in Sao Paulo. Millet hat etliche Bücher und Essays über zeitgenössische Kunst geschrieben. Ihre sexuelle Autobiografie wurde von der internationalen Presse hoch gelobt, die Rechte in über 20 Ländern verkauft. Catherine Millet lebt mit ihrem Mann in Paris.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Das Wie und das Warum

Der Gedanke kam mir eines Morgens. Ich glaube, mich zu erinnern, wie ich auf dem Quadratmeter zwischen dem Bettrand, einer Schrankseite und der Tür unseres kleinen Schlafzimmers stand und mir diese Idee kam, die sich lustigerweise auch gleich als Titel meines Buchs, Das sexuelle Leben der Catherine M., in meinem Kopf festschrieb. Dieses Bild steht mir immer wieder vor Augen, wenn man mir die so häufige Frage stellt: "Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?" Dann muss ich aus dem Rahmen dieses Bildes treten, muss mich aus dieser Momentaufnahme herausziehen, um zufrieden stellende Antworten zu finden, plausible, unterschiedliche (aber nicht allzu unterschiedliche) Antworten. Ich darf mich nicht darauf beschränken, einen Raum - eine Art virtueller Unterstand - oder diesen so kurzen Moment zu schildern, denn mein Gegenüber würde mit Ungläubigkeit reagieren. Seeleute haben Glück; um ihre "Position" anzuzeigen, geben sie lediglich Längen- und Breitengrad an. Ich würde am liebsten nur sagen: "Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich plötzlich auf einer Schwelle, im Dämmerlicht, über dieses sehr sinnfällige Gefüge aus fünf Wörtern plus einem Buchstaben innerlich lachen musste." Eines Tages ist mir dieser schlichte, einleuchtende Titel einfach eingefallen. Welchen anderen Grund hätte ich, mehr als jede andere Person, Mann oder Frau, einen Bericht über mein sexuelles Leben zu schreiben?
Doch zugegeben, in Wirklichkeit liegen die Dinge, und auch der Titel als solcher, nicht ganz so einfach. Wenn der Steuermann sich über die ruhige See beugt, sieht er sich in umgekehrtem Verhältnis zu den Sternen. Ich sagte: Ich glaube, mich zu erinnern, denn man muss alle Erinnerungen mehr oder weniger korrigieren. Nun, da ich länger darüber nachgedacht habe, scheint mir eher, dass ich diese Idee gehabt hatte, als ich mit offenen Augen auf dem Bett lag und ebendiese bereits geschilderte Ecke im Raum betrachtete, und dass diese Idee mir nur kommen konnte, indem sie sich über dieses projizierte Bild meiner Selbst einführte: Ich stehe aufrecht und wende mich meinem ausgestreckten Körper zu. Mich erstaunen jene Menschen, die über die "Distanz" staunen, mit der ich meinen Bericht geschrieben habe. Kann ein denkender Mensch mit sich selbst eine andere Beziehung haben, als sich im Spiegel zu sehen? Da es sich um Sex dreht, hätte man eher erwartet, dass sich mein Bewusstsein ausschaltet wie in der Ekstase? Aber würde man nicht die Empathie des Lesers heraufbeschwören, indem man zugesteht, dass man unter solchen Umständen schreiben kann? Im Übrigen ging es bei diesem Projekt nur darum, eine singuläre Sexualität darzustellen, die Sexualität der Catherine M.
Nun betrachte ich die Autorin der Catherine M. so, wie diese ihr Thema betrachten konnte, und identifiziere mich vollständig weder mit der einen noch mit dem anderen. Ich höre die Fragen aufmerksam an, die man mir stellt, ich achte darauf, wer sie mir stellt, ich lese Kommentare in der Presse, und ich verfolge die Dokumentation über meine eigene wandelbare Person und ihre Begegnungen. Auf die besorgte Frage, ob mir die Angriffe auf das Buch oder auf meine Person etwas ausmachen, antworte ich eher zögerlich, denn ich habe durchaus den Eindruck, dass die Gegner ihre Nadeln in einen Fetisch bohren, den sie selber gebastelt haben. Oder wenn man mich beispielsweise bei Radio- oder Fernsehsendungen zu meiner Ungezwungenheit beglückwünscht, erkläre ich, dies sei möglicherweise der Tatsache zu verdanken, dass ich mich nicht verpflichtet fühle, "meine Rolle zu spielen", ganz im Gegensatz zu den Verpflichtungen, die ich mir auferlege, wenn ich als Kunstkritikerin in der Öffentlichkeit auftrete. Wenn ich mich selbst höre oder sehe, finde ich mich gar nicht so "natürlich", ich finde mich eher gehemmt. Ich bin in den 50er Jahren aufgewachsen, während das Fernsehgerät seinen Platz im Familienleben eroberte. Das "Spektakel" fing an, unseren Alltag zu durchdringen. Ein Schriftsteller war für mich einer, der Bücher schrieb, aber auch einer, der auf die Fragen von Pierre Dumayet antwortete [bekannter TV-Literaturkritiker, Anm. d. Übers.]. Ich schrieb damals schon Geschichten. Wenn ich das Geschriebene wieder las und es schlecht fand, setzte ich mich vor den großen Spiegel an der Schranktür und antwortete auf die Fragen eines imaginären Interviewers, um meine Gedanken zu ordnen. Das war alles lange, bevor ich auf die Idee kam, mich vor denselben Spiegel zu setzen und die Falten zu entdecken, die zwischen meinen Schenkeln verborgen waren.
Warum habe ich dieses Buch geschrieben? Weil ich schreiben wollte. Und weil es Dinge gibt, über die ich nicht spreche. Der Wunsch zu schreiben, ist ein Drang, der sich manifestiert, bevor man sein Thema gefunden hat, und den man daraufhin so gut es geht befriedigt. Diesen Drang verband ich mit einer guten Beobachtungsgabe und einer ziemlich entwickelten Anschauungsgabe, und so wurde ich Kunstkritikerin.
Dennoch empfand ich den Wunsch zu schreiben immer als ausreichend dringlich, um ein für allemal, in einer einzigen Handlung, befriedigt zu werden - egal, wie; Hauptsache, diese Handlung ist als solche und für sich endgültig, was natürlich viel zu idealistisch, ja fast größenwahnsinnig ist, aber dennoch dem Anspruch genügt, ökonomisch zu handeln. Ich bewundere Ad Reinhardt und sein ,,Ultimative Painting", ich weiß allerdings sehr gut, dass Reinhardt kein versponnener Avantgardist ist und dass er an den "Ultimative Paintings" zehn Jahre lang arbeitete... Um meine Beobachtungsgabe so intensiv wie nur möglich zu gebrauchen, habe ich das Gebiet gewählt, das mir am leichtesten zugänglich war, und um mich zu motivieren, habe ich mich auf das blendendste Thema konzentriert, den Sex. Als Kunstkritikerin habe ich viel über die monochrome Malerei geschrieben - eine andere Art von "blendendem" Gegenstand. Also habe ich mein "Ultimate Book" veröffentlicht. Wie es weitergeht, wird man sehen. Bei einer Podiumsdiskussion fragte mich jemand, für wen ich mein Buch geschrieben hätte. Zum Glück schreibt man, ohne sich die Adressaten vorzustellen, oder man schiebt einen nach dem anderen schnell weg, kaum dass er aufgetaucht ist wie Gendarmen im Kasperltheater. Doch nachdem die Arbeit nun getan war, habe ich spontan geantwortet: "Für die Frauen." Das schoss mir so durch den Kopf - all die "Frauengespräche", die ich nicht hatte und die ich gerne gehabt hätte.

Auszug aus Das sexuelle Leben der Catherine M. von Catherine Millet, Gaby Wurster. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1 Die Zahl
Zahlen und Mengen haben mich als Kind sehr beschäftigt. Deutlich erinnert man doch nur das aus den ersten Lebensjahren, was man selbst gedacht oder gemacht hat. Dabei kommt das eigene Bewusstsein zum ersten Mal zum Vorschein. Erlebnissen dagegen, die wir mit anderen teilen, haftet eine gewisse Unsicherheit hinsichtlich der Gefühle (Bewunderung, Angst, Liebe oder Abscheu) an, die andere Menschen in uns wecken und die wir als Kind noch weniger einordnen oder gar verstehen können als im Erwachsenenalter. Ich erinnere mich besonders gut an die Überlegungen, die ich jeden Abend vor dem Einschlafen beim gewissenhaften Zählen anstellte. Kurz nach der Geburt meines Bruders, ich war damals dreieinhalb, zogen wir um. In den ersten Jahren stand mein Bett im größten Zimmer der neuen Wohnung gegenüber der Tür. Ich konnte nicht einschlafen, solange ich mir nicht nacheinander bestimmte Fragen gestellt hatte; dabei sah ich ins Licht aus der Küche gegenüber, wo meine Mutter und meine Großmutter noch zugange waren. Eine Frage drehte sich darum, mehrere Ehemänner zu haben; nicht, ob es möglich sei - denn das war es wohl -, sondern unter welchen Bedingungen. Konnte eine Frau mehrere Männer gleichzeitig haben oder immer nur einen nach dem anderen? Und wenn das Zweite zutraf: Wie lange musste sie mit einem verheiratet sein, bevor sie wechseln konnte? Und wie viele Männer waren »angemessen«? Ein paar, fünf oder sechs? Oder sehr viel mehr, unzählige gar? Wie würde ich damit umgehen, wenn ich groß wäre?
Mit den Jahren ersetzte die Frage nach der Kinderzahl die Frage nach der Anzahl der Männer. Ich glaube, nachdem ich mir vorstellen konnte, von einem konkreten Mann verführt zu werden, und meine Schwärmerei auf ihn konzentrierte (erst waren es Kinostars, dann ein Cousin aus Deutschland), war ich der Ungewissheit weniger ausgeliefert. Ich konnte mir mein Leben als verheiratete Frau und folglich auch als Mutter sehr viel besser vorstellen. Es ergaben sich also wieder die gleichen Fragen: Waren sechs Kinder »angemessen« oder konnte man mehr haben? Wie groß sollte der Altersunterschied zwischen ihnen sein? Wie viele Mädchen und wie viele Jungen sollte man haben?
In meiner Erinnerung sind diese Überlegungen mit anderen obsessiven Gedanken verknüpft, die ich mir gleichzeitig machte. Ich fühlte mich Gott gegenüber verpflichtet, jeden Abend für sein leibliches Wohl zu sorgen; die Anzahl der Speisen und der Gläser mit Wasser, die ich ihm in Gedanken zukommen ließ - ich war mir unsicher, ob die Menge und die Häufigkeit der Gaben richtig war -, wechselten daher mit der Frage nach der Anzahl der Männer und Kinder in meinem künftigen Leben ab. Ich war sehr fromm, und es ist nicht ausgeschlossen, dass meine Verwirrtheit über das wahre Wesen Gottes und seines Sohns meinen Hang zum Zählen verstärkte. Gott war die dröhnende Stimme, die die Menschen zur Ordnung rief, sein Gesicht zeigte er nicht. Doch man hatte mir beigebracht, dass Gott auch das rosa Porzellanpüppchen war, das ich jedes Jahr in die Krippe legte, der Unglückliche am Kreuz, vor dem man betet - aber er war auch Gottes Sohn. Und ein Phantom, das man Heiligen Geist nennt. Sicher wusste ich nur, dass Josef Marias Mann war und Jesus, Gott und Gottessohn zugleich, ihn »Vater« nannte. Maria war zwar Jesu Mutter, manchmal aber auch seine Tochter.
Im Katechismusunterricht bat ich den Priester um ein Gespräch und legte ihm folgendes Problem dar: Ich wollte Nonne werden, mich mit »Gott vermählen« und in Afrika missionieren, wo es von armen Volksstämmen nur so wimmelte, ich wollte aber auch Männer und Kinder haben. Der Priester meinte lakonisch, solche Gedanken seien etwas verfrüht, und beendete zügig das Gespräch.
Bis die Idee zu diesem Buch entstand, dachte ich über meine Sexualität nie groß nach. Mir war gleichwohl bewusst, dass ich viele flüchtige Beziehungen gehabt hatte, was bei jungen Frauen, besonders meiner Herkunft, eher ungewöhnlich ist. Im Alter von 18 Jahren verlor ich meine Jungfräulichkeit - was nicht gerade früh ist -, und schon wenige Wochen danach hatte ich zum ersten Mal Gruppensex. Dieses eine Mal ergriff nicht ich die Initiative, aber dann stürzte ich mich hinein - was mir bis heute völlig unerklärlich ist. Ich dachte immer, es habe sich eben so ergeben, dass mein Lebensweg mit Männern gesäumt war, die Gruppensex mochten oder gerne dabei zusahen, wie ihre Partnerinnen mit anderen Männern schliefen. Da ich gegenüber Neuem eine natürliche Offenheit besaß und keine moralischen Probleme damit hatte, passte ich mich den Wünschen und Praktiken dieser Männer gerne an; das war der einzige Gedanke, den ich mir zu diesem Thema je gemacht hatte, doch eine Theorie leitete ich daraus nie ab und verteidigte folglich auch meine Lebensweise nach außen hin in keinster Weise.

Wir waren drei Jungen und zwei Mädchen. In einem Garten auf einem Hügel über Lyon hatten wir zu Abend gegessen. In Lyon wollte ich einen jungen Mann besuchen, den ich kurz zuvor in London kennen gelernt hatte, und André - er war der Freund meiner Freundin und auch aus Lyon - hatte mich mit dem Auto von Paris aus mitgenommen. Unterwegs hatte ich André gebeten, zum Pinkeln kurz anzuhalten. Er war auch ausgestiegen, hatte mir zugesehen und mich gestreichelt, während ich da hockte. Es war mir nicht unangenehm gewesen, trotzdem hatte ich mich ein bisschen geschämt. Vielleicht lernte ich in jenem Augenblick, mich aus der Verlegenheit zu ziehen, indem ich meinen Kopf zwischen seine Beine schob und seinen Schwanz in den Mund nahm. In Lyon blieb ich mit André zusammen, wir wohnten bei seinen Freunden, einem Jungen namens Ringo und einer älteren Frau, der das Haus gehörte. Sie war jedoch nicht da, und die Jungs nutzten die Gelegenheit zu einem kleinen Fest. Es kam noch ein anderer Junge mit einem großen Mädchen, das sehr kurzes, dichtes Haar hatte und ein wenig männlich aussah.
Es war Juni oder Juli, es war heiß, und jemand hatte die Idee, wir sollten uns doch alle ausziehen und ins große Becken springen. Ich hörte - ein bisschen gedämpft, weil ich mir tatsächlich schon das T-Shirt über den Kopf zog -, wie André rief, ich würde mich bestimmt nicht als Letzte hineinstürzen. Ich habe vergessen, wann und warum ich aufhörte, Unterwäsche zu tragen (meine Mutter hingegen hatte mich angehalten, schon im Alter von dreizehn oder vierzehn Bügel-BHs und Miederhöschen zu tragen, denn eine Frau müsse »ordentlich angezogen« sein). Ich war immer schnell beim Ausziehen. Auch das andere Mädchen zog sich aus, doch ins Wasser ging niemand. Der Garten war gut einzusehen, sicherlich erinnere ich mich deshalb an das Zimmer - ich in der Kuhle eines hohen, schmiedeeisernen Betts, über die Stäbe hinweg sah ich nur die hell erleuchteten Wände und ahnte, dass das andere Mädchen irgendwo auf einem Sofa lag. André bumste mich als Erster, lange und ruhig, wie es seine Art war. Dann hörte er plötzlich auf, und mich beschlich eine unsägliche Unruhe, als ich sah, wie er sich von mir entfernte, langsam und gebeugt zu dem anderen Mädchen ging. Dafür legte sich Ringo auf mich, und der dritte Junge, er war stiller und zurückhaltender als die anderen, stützte sich neben uns auf den Ellbogen und strich mit der freien Hand über meinen Oberkörper. Ringos Körper war ganz anders als Andrés, er gefiel mir besser, war größer, sehniger. Ringo gehörte zu denen, die das Becken getrennt vom übrigen Körper bewegen; auf die Arme gestützt bumsen sie, ohne sich auf die Frau zu legen. Doch auf mich wirkte André reifer (älter, genauer gesagt; er war in Algerien gewesen), sein Fleisch war nicht mehr ganz so fest und sein Haar nicht mehr ganz so dicht. Ich schlief gerne neben ihm, den Hintern an seinen Bauch gedrückt, und ich mochte es, wenn er mir sagte, ich hätte dafür genau die richtige Figur. Als Ringo aufhörte, übernahm der Junge, der uns zugeschaut und mich dabei gestreichelt hatte, doch mich drückte schon länger die Blase und ich musste dringend pinkeln. Der schüchterne Junge war enttäuscht. Als ich zurückkam, schlief er mit dem anderen Mädchen. Ich weiß nicht, wer von beiden, Ringo oder André, so nett gewesen war, mir zu sagen, er hätte bei ihr nur »abgespritzt«.
Ich blieb etwa zwei Wochen in Lyon. Tagsüber arbeiteten meine Freunde, die Nachmittage verbrachte ich mit dem Studenten, den ich in London kennen gelernt hatte. Wenn seine Eltern nicht da waren, legte ich mich auf sein Schrankbett, er legte sich auf mich, und ich musste aufpassen, dass ich nicht mit dem Kopf ans Regal stieß. Ich hatte damals noch nicht viel Erfahrung, aber weil er sein noch etwas weiches und feuchtes Glied so verstohlen in meine Scheide gleiten ließ und das Gesicht gleich an meinem Hals vergrub, fand ich ihn noch unerfahrener als mich. Was eine Frau empfand oder empfinden sollte, schien ihn ziemlich zu beschäftigen, denn er fragte mich ganz im Ernst, ob das Sperma, das an die Scheidenwand spritzt, ihr nicht besondere Lust bereite. Ich war verdutzt. Ich spürte ja kaum, wenn er in mir war - wie sollte ich also merken, wann sich eine kleine Lache in meinem Schoß ausbreitete? »Komisch! Wirklich nicht das kleinste besondere Gefühl?« - »Nein, nichts.« Das machte ihm mehr Sorge als mir.

Abends wartete die Clique am Kai am Ende der Straße auf mich. Sie waren immer ausgelassen, und als der Vater des Studenten sie eines Tages sah, sagte er, allerdings in herzlichem Ton, ich müsse es ja faustdick hinter den Ohren haben, dass mir all diese Jungs zu Füßen lägen. Offen gestanden, mit dem Zählen hatte ich aufgehört. Meine kindlichen Fragen nach der angemessenen Zahl der Ehemänner hatte ich völlig vergessen. Ich war keine »Sammlerin«. Mädchen wie Jungs, die bei Partys mit möglichst vielen flirteten - tatschten und sich betatschen ließen und knutschten, bis sie fast keine Luft mehr bekamen, nur um am nächsten Morgen in der Schule damit anzugeben -, sie waren mir ein Gräuel. Ich begnügte mich mit der Entdeckung, dass diese Lust, die ich empfand, wenn ich in der unaussprechlichen Zartheit der Berührung fremder Lippen schwach wurde, oder wenn sich eine Hand auf meine Scham legte -, dass diese Lust sich unendlich oft wiederholen konnte, weil die Welt ja voller Männer war, die darauf auch Lust hatten. Der Rest war mir egal. Ein ziemlich gut aussehender Junge hätte mich fast entjungfert. Er hatte weiche Gesichtszüge, volle Lippen und kohlschwarze Haare. Ich war unter dem hoch geschobenen Pullover eingezwängt, und er zog so heftig am Gummi meiner Unterhose, dass es in meine Leiste schnitt; wahrscheinlich hatte noch nie eine Hand so viel von meiner Haut berührt. So sah das erste Mal aus, als mich die Lust überwältigte. Der Junge fragte mich, ob ich »nicht mehr wolle«? Ich hatte keine Ahnung, was dieses Wollen bedeutete, aber ich sagte nein, weil ich nicht wusste, was ich »mehr« bekommen könnte. Im Übrigen hatte ich diesen Flirt daraufhin beendet und wollte nichts mehr mit dem Jungen zu tun haben, auch wenn wir uns in den Ferien immer wieder trafen. Ich hatte nicht einmal mehr Lust, mit jemandem »zu gehen«, auch nicht mit mehreren. Zweimal verliebte ich mich, immer in Männer, mit denen von Anfang an keine körperliche Beziehung möglich war - der Erste war frisch verheiratet und zeigte keinerlei Interesse für mich, der Zweite lebte weit entfernt. Mit meinen Freunden wollte ich keine feste Bindung eingehen. Der Student war mir zu langweilig, André war quasi mit meiner Freundin verlobt, und Ringo lebte mit einer Frau zusammen. Und in Paris hatte ich diesen Freund, mit dem ich das erste Mal geschlafen hatte; Claude aber war in ein Mädchen aus besten Kreisen verliebt, das ihm so poetische Sätze sagen konnte wie: »Berühre meine Brust, sie ist zart heute Abend.« Weiter durfte er aber nicht gehen. Dieses Beispiel hatte mir irgendwie begreiflich gemacht, dass ich nicht zu den Verführerinnen gehörte und dass mein Platz in der Welt folglich nicht bei den Frauen, sondern an der Seite der Männer war. Nichts hinderte mich also daran, wieder und wieder eine Spucke zu kosten, die immer anders schmeckt, und, ohne es anzusehen, ein Ding zu drücken, das mir immer ganz unverhofft in die Hände kam. Claude hatte einen schönen Schwanz, groß, gerade, und unsere ersten Treffen hinterließen bei mir die Erinnerung an eine Art Starre, als hätte mich dieser Schwanz gestreckt und gestopft. Als André vor meinen Augen die Hose aufknöpfte, war ich erstaunt, dass sein Ding kleiner war und beweglicher, weil er im Gegensatz zu Claude nicht beschnitten war. Ein von vornherein nackter Kopf erregt durch seine einheitliche Glätte, doch wenn ich eine Vorhaut vor und zurück schiebe und dabei die Eichel enthülle, die wie eine große Blase im Schaumbad schwimmt, entsteht eine subtilere Lust, die sich in weichen Wellen bis in die Öffnung des anderen Körpers fortpflanzt. Ringos Schwanz war eher wie Claudes Teil, der Schwanz des schüchternen Jungen ähnlich wie Andrés, der des Studenten gehörte einer Sorte an, die ich später richtig kennen lernte: Ohne besonders dick zu sein, fühlt er sich in der Hand unmittelbar sehr massiv an, vielleicht weil die Haut, die ihn umgibt, fester ist. Ich machte die Erfahrung, dass jeder Schwanz anders auf mich wirkte und ich unterschiedlich damit umging. Und so, wie ich mich jedes Mal auf eine andere Haut, ein anderes Karnat, eine andere Behaarung und Muskulatur einstellen musste, so schien das eigene Wesen eines jeden Körpers eigene Stellungen zu verlangen. (Es ist klar, dass man einen Körper, der glatt ist wie ein Stein, nicht nur anders an sich drückt als einen Oberkörper mit muskulöser Brust oder dichter Behaarung, auch der Anblick wirkt sich in der Vorstellung ganz unterschiedlich aus. Rückblickend scheint mir, ich hatte die Tendenz, bei kräftigen oder ein wenig knochigen Körpern gefügiger zu sein - als hätte ich sie als wirklich männlich empfunden -, während ich dickere Körper, egal, wie groß sie waren, weiblicher fand und selbst mehr Initiative zeigte.) Ich erinnere mich voller Wohlgefallen an einen sehr sehnigen Körper, dessen spitz zulaufender Ständer wunderbar in den Arsch passte, den ich ihm entgegenstreckte; andere Stellen meines Körpers berührte er nicht, wenn man davon absieht, dass er mich an den Hüften hielt. Bei dicken Männern hingegen, die mich auch anmachten, fühlte ich mich unwohl, wenn sie sich zu schwer auf mich legten und abknutschten und absabberten, wozu sie ihrer Korpulenz entsprechend neigten; trotzdem habe ich mich ihnen nie entzogen. Kurz, wie damals als Kind in die Geisterbahn stürzte ich mich blind ins Sexleben der Erwachsenen - um der Lust willen, wahllos gepackt und gebumst zu werden, oder besser: um mich wie ein Frosch von der Schlange verschlingen zu lassen.
Ein paar Tage nach meiner Rückkehr schrieb mir André sehr feinfühlig nach Paris, dass wir uns alle den Tripper geholt hätten. Meine Mutter hatte den Brief geöffnet, sie schickte mich zum Arzt und gab mir Hausarrest. Doch nachdem sich meine Eltern nun vorstellen konnten, was ich im Bett trieb, ertrug ich aus einer Scham heraus, die extrem hartnäckig geworden war, das Zusammenleben mit ihnen nicht mehr. Ich bin abgehauen, sie haben mich wieder eingefangen. Irgendwann ging ich dann endgültig von zu Hause fort und zog zu Claude. Der Tripper war meine Taufe; danach lebte ich jahrelang in Angst vor diesem Brennen, das mir jedoch nie mehr zu sein schien als ein Erkennungszeichen, das gemeinsame Schicksal all jener, die eben viel vögeln.
»Wie einen Kern aus seiner Schale« -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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