Philosophen müssen sich mit Hirnforscher abgeben, Hirnforscher mit Philosophen. Ob sie das wollen oder nicht. Einerseits war die klassische Philosophie schon immer mit der experimentellen Hirnforschung verbunden, andererseits müssen Neurowissenschaften die naturwissenschaftliche Beschreibungsebene zwingend verlassen, wenn es um Fragen geht, wie Verhalten gesteuert wird. Wer in seinem Fachgebiet nicht nur Elfenbeinturmwissen produzieren will, muss also in fremden Betten schlafen. So viel steht nach der Lektüre von Oesers glänzender Zusammenfassung des gegenwärtigen Diskussionsstandes fest.
Da die wissenschaftliche Buchgesellschaft den Modernisierungsschub im Verlagswesen nur sehr moderat mitmacht, sucht man vergeblich Portraits ihrer Autoren. Also machte ich einen Ausflug ins Internet, sah einen gut aussehenden bald 70jährigen Mann mit gepflegter, fein gestutzter Barttracht und einem Blick, als müsste er das Gewicht der Welt tragen. Ein Philosoph also. Doch die Auflistung seiner Tätigkeiten, Ämter und Publikationen revidierte die Vorstellung eines kauzigen Eremiten. Der Autor steht mitten im Leben, beschäftigt sich mit Katzen und Hunden, Wissenschaftsgeschichte, Juisterei und dem Dasein des Menschen. Und mit Neurologie. Gute Voraussetzungen, um uns Substanzielles über das Zusammenleben von Philosophen und Hirnforschern zu sagen.
Das Buch ist in 14 Kapitel eingeteilt, wobei das letzte den Weg zu einem neuen Menschenbild aussteckt. Und darum geht es letztlich. Schritt für Schritt müssen wir uns von alten Vorstellungen lösen, wenn wir weiterhin an der Arbeit der Wissenschaftler teilhaben wollen. Erhard Oeser geht systematisch vor, um diesen Abschied zu erleichtern. Nachdem er seinen Lesern im ersten Kapitel Ergebnisse und Ausblicke der gegenwärtigen Hirnforschung aufzeigt, bietet er ihnen zwölf Blickwinkel, die man beim Betrachten des Gehirns einnehmen kann. So erfahren wir, auf welchem Hintergrund die Lehren vom körperlosen Geist, geistlosen Gehirn und neuronalen Geist beruhen, was maschinelle Intelligenz bedeutet, wie sich das Gehirn entwickelt und dass der Geist nicht vom Himmel fiel. Wir stellen fest, dass wir nicht allein auf dieser Welt sind und ein Verstehen unserer Haustiere möglich ist. Die linguistische Perspektive liefert Zusammenhänge zwischen Gehirn und Sprache, die ästhetische diejenigen von Gehirn und Kunst. Das Kapitel über den freien Willen bereitet dann den Boden vor, um rechtsphilosophische Aspekte besser zu verstehen. Und bevor Erhard Oeser das Schlussfeuerwerk zündet, teilt er uns mit, dass das Gehirn keine gottverlassene Gegend ist.
Unter den zahlreichen Publikationen, die vom Grenzgebiet Neurologie und Philosophie berichten, möchte ich die von Erhard Oeser besonders empfehlen. Es braucht zwar auch bei ihm ein gewisses Vorwissen, aber er begnügt sich mit dem gängigen Fachvokabular der beiden Disziplinen. Und er ist sich nicht zu schade, dem besseren Verständnis zuliebe, seine Gedanken klar zu strukturieren, in eine Form zu giessen, Ungerades auch mal stehen zu lassen. Schade nur, dass im Buch nicht noch mehr Illustrationen zu finden sind, ist doch die Auswahl ziemlich speziell. Die Literaturangaben sind auf dem neusten Stand, und ein Register erleichtert das Auffinden bestimmter Stellen.
Mein Fazit: Ein zwar relativ teures, aber sehr empfehlenswertes Buch zu Fragestellungen, die uns in den nächsten Jahren noch mehr beschäftigen werden, als sie es heute schon tun. Da der Autor bei seinen Überlegungen verschiedene Perspektiven einnimmt, ergibt sich am Schluss ein bunter Teppich, der zum Betreten einlädt und zu einen Raum führt, in dem wir selber der Mittelpunkt sind.