Seit Lektüre dieses Buchs ist mir klar, wie der Namen der Band "Lassie Singers" zustande gekommen ist. Und das ist nur einer der zahlreichen erhellenden Momente gewesen. Das autobiografische Buch der Texterin und Sängerin der Band (die es seit einigen Jahren nicht mehr gibt, in denen die Autorin mit neuen Kollegen unter dem Namen "Britta" Platten herausgab), transportiert ein klares Anliegen, das am Ende in ein paar knappen Sätzen noch einmal ausdrücklich vorgetragen wird und das ich hier nicht vorwegnehmen möchte.
Die 1961 geborene Autorin wird groß auf einem Spargelbauernhof im Badischen. Nach abgebrochener Buchhändlerlehre und Geburt ihres Kindes denkt sie, dass das doch noch nicht alles gewesen sein kann: Provinzdiskos und Kuchenessen mit Verwandten. Der Besuch eines Konzerts von "Ton Steine Scherben" fegt die letzten Zweifel beiseite: Sie bricht auf nach Berlin. Im Kreuzberg und Schöneberg der 80er verkehrt sie rege in Kneipen und trifft endlich, nach langem Suchen auf Leute, mit denen sie ihre Band gründet: Die Lassie Singers. Die nächsten zwanzig Jahre widmet sie dem Leben mit ihrer Band und dem Besuch von Kneipen und Parties.
Sich Gedanken über das eigene Leben zu machen und darüber, welchen Gesetzmäßigkeiten es unterliegt, führt immer zu soziologischen Beobachtungen. Vielleicht sind sie die Hilfe, mit der sich verständlich machen lässt, warum sich bestimmte Umstände immer wieder ähnlich abspielen. Schon der Klappentext weist zutreffend auf den soziologischen Gehalt des Buchs hin. Dabei geht es nicht um Themen, die vielleicht für die Politik interessant sein könnten, sondern um solche, die das Verständnis des eigenen Lebens erleichtern: Wo gibt es noch Handlungsspielräume? Wo sitze ich üblichen Mustern auf? Lasse ich das zu? Will ich aus der Reihe tanzen? Personen der Literatur, z.B. Madame Bovary und Oblomov, leisten der Autorin dabei auch unentbehrliche Hilfestellung.
Konkret geht es z.B. um die geteilten Schwierigkeiten von "Kindern, Tieren, Müttern", sich auf dem Land durchzusetzen, um die Bedeutung des Schlafens und Liegens für kreative Prozesse, um die Empfindlichkeit des Publikums in jeder anderen Stadt als Berlin gegenüber einer vermeintlich überheblichen Band aus Berlin, um die Unmöglichkeit, Geburtstage sinnvoll zu verbringen; immer wieder geht es um die Anziehung und das Abstoßende von Berlin einerseits und dem exzessiven Ausgehen andererseits. Es geht um die Auswirkungen langer Autofahrten auf Bands und um die unterschiedlichen Provokationsschwellen von Pfarrern auf dem badischen Land und im Kreuzberger Wrangel-Kiez.
Die Sprache der Autorin ist von einem sehr trockenen, poetischen Humor. Sie macht auch Banalitäten zu interessanten Beobachtungen. Diese Sprache und die Beobachtungen des Alltags hatten auch schon den Liedern der Lassie Singers (und von Britta) entscheidend zum Erfolg verholfen. Lieder mit deutschen Texten sind nicht jedermanns Sache. Das Buch ist daher vielleicht auch für ein größeres oder zumindest ein anderes Publikum geeignet.