Was hatte ich mich gefreut, als ich diese für mich unerwartete Neuerscheinung im Münchner Buchhandel entdeckte: ein neuer Fall für Commissario Montalbano, der hier mit Lucarelli's Figur, Grazia Negro, gemeinsam einen neuen Fall lösen soll - wie großartig, wenn zwei so verschiedene Altmeister der italienischen Kriminal-Literatur das erste mal aufeinander treffen. Doch die erste Ernüchterung folgte umgehend, als ich das Büchlein in die Hand nahm, so dünn, so zart fühlte es sich gerade in Relation zum durchaus gehobeneren Kaufpreis an und versprach damit bereits nur kurzen Lesegenuss. Doch der Klappentext macht neugierig und trägt man das noch verschweisste 'Libretto' voller Vorfreude auf einen spannenden Kriminalfall, auf den trockenen Humor und auf ein Wiedersehen mit Camilleri's kauzig-skurrilen Figuren rund um Montalbano nach Hause.
Man macht es sich also gemütlich, öffnet und zerrt und zieht an der Folie, schlägt das Büchlein auf, genießt einen großen Schluck Rotwein in Vorfreude auf die Skizzierung sizilianischer Köstlichkeiten und wird schlagartig nüchtern: statt eines klassischen Romans handelt es sich um einen Briefroman. Fanden sich dazu Hinweise oder zumindest Indizien des Verlags auf dem Umschlag? Nein, nur das hier veröffentlichte Video beinhaltet ein Hinweis, den ich zum Zeitpunkt des Kaufs nicht kannte. Liebster Verlag, Briefromane sind nicht unbedingt jedermanns Sache - wer etwa beim Kauf der letzten Veröffentlichungen von Fred Vargas über den Comic überrascht war, kann meine Verblüffung nachvollziehen. Was soll's, ein Briefroman als Duell der beiden Autoren macht Sinn und vielleicht kommt auch in dieser literarischen Form die Spannung nicht zu kurz?
Selbst nach immer größeren, gierigen Schlücken aus dem Rotweinglas bleibt die Ernüchterung, denn das Duell der beiden Autoren will auf den weniger als nur 100 Seiten einfach keine Fahrt aufnehmen, denn Camilleri kopiert konsequent seine Stereotypen und Schemata bisheriger Romane: hier und dort ein Ausflug in die sizilianische Küche, die Slapstick-Einlagen seines Kollegen 'Catarella' bis hin zu den altbekannten Eifersuchtsszenen seiner Lebensgefährtin. Das alles kennt man bereits, wenn man ein oder zwei oder auch drei der bisherigen Krimis gelesen hat. Im Duell der Autoren kann sich so Lucarelli gar nicht erst entfalten, der eigentlich für seine dichten, düsteren, nüchternen Krimis zu Recht ausgezeichnete Rezensionen erhielt und hier auf die stereotypischen Handlungseinfälle etwas ungeschickt reagiert und kontert. Dass der Kern des Romans, ein eigentlich skurriler Mordfall, nicht einmal vollständig gelöst wird und der Leser unbefriedigt mit noch zu vielen, offenen Fragen zurück bleibt, lässt sich selbst nach Genuss einer ganzen Flasche Wein kaum noch verschmerzen.
Wer lieber liest als glotzt und seiner Fantasie freien Lauf lässt, wird im Verlauf der Lektüre ein weiteres mal enttäuscht, denn dieser Roman beinhaltet zudem vornehmlich irrelevante Fotos: wer sich also bislang erfolgreich um die Fernseh-Serie um Montalbano drücken konnte, dem wird spätestens mit diesem Büchlein seine Vorstellung um Montalbano genommen, denn einfallslos wurde einfach der Schauspieler 'Luca Zingaretti' abgedruckt. Na prima - also, so hatte ich mit den Herrn nicht vorgestellt - Sie auch nicht? Na also.
Und weil aber noch ein letzter Tropfen Wein in der Flasche war, ich den Roman ein zweites mal gelesen hatte und die Aufklärung des Mordfalls irgendwie noch immer unschlüssig war, machte ich mir die Mühe, zu sehen, wie viel 'Text' diese weniger als 100 Seiten wirklich beinhalten, denn neben den Fotos wurde auch jeder Brief mit der Signatur des Verfassers unterzeichnet. Hübsch anzusehen, aber 'netto' kaum mehr also als 60 Seiten 'Fließtext', von der verwirrend variierenden Schriftsetzung will ich gar nicht mehr sprechen.
Oh, wie groß die Reue, ohne einen Blick in das Buch der süßen Verführung des Kaufs erlegen zu sein, nur, weil der hübsche Umschlag des kleinen Büchleins zwei nahmhafte Autoren nennt und der vom Verlag spitzbübisch spannend dargestellte Klappentext auf großes Krimi-Vergnügen schloß. Auf den Schock, verzeihen Sie, muss ich nun doch die zweite Flasche Wein öffnen - aber dieses mal garantiert keine italienische Sorte mehr, denn dieser ist mir bei Lektüre dieses Büchleins doch viel zu sauer aufgestossen.