15 kurze Geschichten auf 77 Taschenbuchseiten zeigen uns, wie sehr der Zufall in unserem Leben arbeitet, ohne dass wir ihn als solchen wahrnehmen oder ihm Einfluss auf unser Leben einräumen. Aber bei jeder Geschichte von Auster fallen einem aus dem eigenen Leben ähnliche Vorgänge ein, wann auch nicht so zugespitzt und durchdacht wie die von Auster.
Es spielt auch keine Rolle, ob die Geschichten wirklich wahr sind. Wahrscheinlich sind sie es, auch wenn man Austers Fantasien nicht unterschätzen darf.
Zugleich erfährt man unerwartete Details aus seinem Leben: Fast am Verhungern lebt Auster mit der Liebsten in Frankreich auf dem Land und betreut das Haus eines Bekannten, als aus heiterem Himmel ein Freund erscheint und sie zum Essen einlädt. Die Freundin, die er in Irland besucht und aufgrund einer schweren Beschuldigung von außen zu einem Anwaltsbesuch begleitet und mit ihr in der Kanzlei „Streiten & Flunkern" landet, die heute noch existiert. Zwei amerikanisch Frauen, die sich in Taiwan treffen, um chinesisch zu studieren und dort feststellen, dass sie jeweils eine Schwester haben, die im gleichen Haus in New York auf der gleichen Etage leben, sich aber nicht kannten. Oder die Geschichte einer Frau, die ihren (Halb)Bruder heiratet, weil sie beide von einem Mann stammen, der vom Krieg verweht wurde und einfach dort blieb.
Die letzte Geschichte handelt von Zufällen, die ein Haus in New York betreffen, in dem Saint-Exupéry den kleinen Prinzen schrieb.
Meine Tochter las gerade Austers Buch, weil ich es mitnehmen wollte nach Aachen, um meine Mutter zu besuchen, die im Sterben liegt. Ich wollte es ihr mitbringen, denn lesen kann sie noch.
Meine Tochter las gerade die letzte Geschichte und fand gerade sie zu unwahrscheinlich. Plötzlich merkte sie, dass der Radiosprecher gerade von Saint-Exupery und seinem berühmtesten Buch, dem kleinen Prinzen sprach. Ein zufällig eingeschaltetes Radio-Gerät, der gerade eingestellte Sender. Eine Zeit, zu der sie das Buch nicht gelesen hätte, wenn ich es nicht hätte mitnehmen wollen.
Ein erstaunliches Buch.
Und der Titel. In seinem neuesten Roman „die Nacht des Orakels" spielt ein blaues Notizbuch die Hauptrolle, das Schreibhemmungen beseitigt. Wie kann hier die Lösung aussehen? Lassen wir das den Zufall erklären ...