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Rebellion und Wahn - Mein '68. Eine autobiographische Erzählung von Peter Schneider |
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Gerd Koenen über die «kleine deutsche Kulturrevolution»
Widerstandslos, so dichtete Hans Magnus Enzensberger über die siebziger Jahre, haben sie sich selbst verschluckt. Doch Jahrzehnte sind Wiederkäuer. Wie schwer dasjenige «nach 68» noch immer sich selbst im Magen liegt, war in Deutschland vor einigen Monaten zu beobachten: Des grünen Aussenministers Vergangenheit als Frankfurter street-fighter kam nicht zum ersten Mal ans medial grelle Tageslicht. Die Gelegenheit wurde professionell, also ohne allzu grossen Aufwand an Intelligenz, zur Abrechnung genutzt, zur Anklage und zur Selbstverteidigung, kaum aber um ein altertümliches Wort zu bemühen zur Selbstbesinnung. Letztere mag im politischen Handgemenge unmöglich sein; erst recht, wenn die Hauptakteure von heute auch damals schon welche waren (bloss, dass sie ihr Operationsgebiet auf der anderen Seite der Barrikaden hatten, die es nun nicht mehr gibt).
Zeitzeugen sind nicht auch schon gute Historiker, Handelnde nicht immer die besten Interpreten ihres eigenen Tuns. Gleichwohl müssen nicht alle Geschichten, die von Beteiligten und Betroffenen erzählt werden, Mythen sein oder Verklärungen, Lebenslügen oder systematische Geschichtsklitterungen. Gerd Koenen hat einige Übung im Demontieren ideologischer Überbauungen. In bedeutenden Büchern hat er sich die kommunistischen «Führerkulte und Heldenmythen» (1991) und die wiederum kommunistische «Utopie der Säuberung» (1998) vorgenommen. Seine Erfahrungen als Historiker kommen ihm nun, da er sich an die Historisierung der eigenen Lebensgeschichte macht, zustatten.
Chimären
Der Autor, Jahrgang 1944, war einst selbst Monteur, Koarchitekt eines kolossalen Gebäudes, dessen Errichtung nicht gelang. «Weltrevolution» hätte es heissen sollen. Der revolutionäre Bautrupp, in dessen vordersten Reihen er während der siebziger Jahre agierte, war einer unter vielen und naturgemäss zunächst mit Abrissarbeiten im real existierenden Kapitalismus beschäftigt. Koenens Exkursionen in das «rote Jahrzehnt» der «kleinen deutschen Kulturrevolution» erschöpfen sich allerdings nicht etwa in einer staubigen Archäologie des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands (so hiess der Trupp). Sie wollen Aufschluss geben über einen «dramatischen Zyklus von Stimmungen, Losungen, Bewegungen und Aktionen», in dem eine ganze politische Generation Gestalt angenommen hat. Sie sollen, jenseits von Denunziation und Apologie, Antworten auf die Frage finden, was «so viele» damals motiviert habe, sich eine Zeitlang als «Akteure einer chimärischen Weltrevolution» zu fühlen.
Für die kurzatmige Debatte um Joschka Fischer, mit deren (vorläufigem) Verebben das Erscheinen des Buches in Konjunktion trat, wäre dessen hermeneutischer Impetus gewiss von Nutzen gewesen. Ihm verdankt sich auch die Rahmenthese, die eine geläufige «Epocheneinteilung» korrigiert: Die siebziger Jahre lassen sich nicht einfach als Zeit doktrinärer Erstarrung und mental-militanter Aufrüstung gegen den kurzen Sommer unreglementierten, verheissungsvollen Aufbruchs 1967 und 1968 abheben. Einerseits waren jene Jahre mit ihrer Vielzahl von Parteigründungen am linken Rande des politischen Spektrums und, vor allem, mit der folgenreichen kulturellen wie sozialen Umwälzung des Alltagslebens in verschiedenen Milieus Stichwort «Säkularisierung der Wohngemeinschaftsidee» durchaus bewegte Jahre; Koenen spricht von der «Lust» an der Gründung. Andererseits war «68» kein Ringelreihen pazifistisch gesinnter Blumenkinder; die Phantasie, die einem Pariser Graffito gemäss an die Macht strebte, war nicht beiläufig auch eine Gewaltphantasie.
Gewalt markiert das «rote Jahrzehnt», das Koenen in Erinnerung ruft. Die Toten an seinem Beginn und an seinem Ende: der Student Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 durch Schüsse aus einer Polizeiwaffe stirbt; Hanns Martin Schleyer, der Repräsentant der deutschen Unternehmer, der im Oktober 1977 von seinen Entführern durch Genickschuss «hingerichtet» wird, während die in Stammheim inhaftierten RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die hätten freigepresst werden sollen, sich selbst das Leben nehmen.
Gewalt und die Phantasien, die sich mit ihr verknüpfen, führen in das Geheimherz der deutschen Revolte: Diesen roten Faden lässt Koenen bei seinen quellennahen, ergiebigen Ausflügen in die linken Milieus, Organisationen und Mentalitäten nie aus der Hand. Und wirklich: Es frappiert die Bereitschaft wenn nicht zur Gewalt, so doch zur Gewaltphantasie, die in den späten sechziger Jahren aus Verlautbarungen «studentenbewegter» Zirkel, Kollektive und Individuen unter ihnen heute zum Justemilieu gehörende Schriftsteller hervorleuchtet. (Freilich war auch die Gegenseite, Koenen kommt darauf nur marginal zu sprechen, von solchen Phantasien nicht unberührt.) Der Analytiker sieht da einen sich radikalisierenden Existenzialismus und Dezisionismus am Werk. Entzündet habe er sich an einem Konflikt, durch den die Kriegs- und die Nachkriegsgeneration «verkettet» seien. Die Crux: Die Rebellierenden versuchten sich von der nazistisch «kontaminierten» Elterngeneration abzunabeln; zugleich aber näherten sie sich den Verfemten, indem sie an ihrer Statt und nachholend den «Faschismus» bekämpften. Dass einige sich bei dieser von apokalyptischen Zügen nicht freien Selbstreinigung der eliminatorischen Methoden der «Nazieltern» bedienten, mutet auf verquere Weise folgerichtig an.
Generationen
Koenen wandelt, wenn er dem Gegen- und Ineinander der Generationen nachspürt, zwischen historischer und sozialpsychologischer Deutung auf einem Grat, der nicht schon darum weniger schmal geworden ist, weil ihn vor ihm einige andere gegangen sind (unter ihnen auch Klaus Theweleit, von dem Koenen sich in manchen Aspekten weiter entfernt wähnt, als er tatsächlich wohl ist). Wie viel erklärt oder verstanden ist, wenn man auf eine latent existenzialistische Logik aufmerksam macht, die eine Generation geprägt habe, ist schwer zu sagen. Das Muster der radikalen «Selbstentbindung» und Selbstermächtigung immerhin lässt sich unschwer im gesamten Spektrum der kleinen deutschen Kulturrevolution nachzeichnen.
Der Austritt der «Protestgeneration» aus der Gesellschaft entsprach zwar, wie Koenen schreibt, dem Zug der Zeit auch andernorts, in Deutschland aber war ihm eine besondere «Virulenz» eigen. Darum leuchtet es ein, wenn der Autor den Entschluss der angehenden Terroristen, in den Untergrund zu gehen, als nachgerade «paradigmatische Form» aller damaligen Sezessionsbewegungen charakterisiert. Vom Extrem her offenbart sich die Wahrheit. Astrid Proll, frühes Mitglied der Roten-Armee-Fraktion, sprach denn auch im Rückblick auf ihren Kampfverband einmal von der «Selbstanmassung einer ganzen Generation». Dass der Gestus, einen scharfen Schnitt zu machen, der diffusen Gemütslage nicht nur eines kleinen Segments der bundesrepublikanischen Gesellschaft korrespondiert haben mag, legt eine Meinungsumfrage aus dem Jahre 1971 nahe. Ermittelt wurde unter anderem, dass jeder vierte Bürger unter dreissig Jahren «gewisse Sympathien» für die RAF hege.
Vor diesem Hintergrund interpretiert Gerd Koenen seine Organisierung in einer neoleninistischen Gruppe allerdings nicht einfach als Ausdruck einer zugegebenen «abstrakten Gewaltbereitschaft». Die Installation eines rigiden, parteiförmigen «Über-Ichs» erscheint ihm im Nachhinein, nicht undialektisch, zugleich als ein «instinktiver Akt» der Selbstkontrolle und des Selbstschutzes: des Schutzes vor den eigenen destruktiven Regungen. Was aus der organisierten Selbst- und Weltrettung wurde? Die «Wiederaufführung einer historischen Tragödie als Farce»; und dies nicht nur im Falle des KBW, der die bizarre revolutionäre Tat vollbrachte, mit den polnischen Dissidenten zu konspirieren und gleichzeitig den Massenmörder Pol Pot zu hofieren.
Was auf der Theaterbühne der Welt eine Farce war, ähnelt in der erzählenden Rückschau in manchen Partien einem Bildungsroman, verfasst mit der «anteilnehmenden Ironie» eines gereiften Charakters. Einige Generationsgenossen (gewiss nicht nur solche, die einst einer konkurrierenden Kaderpartei angehörten) haben dies dem Autor bereits vorgehalten. Wie aber liesse sich eine entwicklungsgeschichtliche Perspektive vermeiden, wo es um das eigene Leben geht? Und darf man es jemandem verübeln, froh zu sein, von keinen «Wahnideen» mehr heimgesucht zu werden? Allerdings fragt sich dennoch, ob es triftig (und psychohygienisch vernünftig) ist, die «weltrevolutionäre» Projektemacherei von ehedem restlos in grössenwahnsinnige, narzisstische Halluzinationen aufzulösen. Bei den Unruhen in den USA, in Polen und anderswo, überall, so gibt Koenen zu verstehen, sei es um etwas gegangen, um «wirkliche» Probleme nur in Deutschland nicht, wo existenzialistische Bodenlosigkeit in den Realitätsverlust geführt habe. Zumindest der Generationenkonflikt, wird man einwenden dürfen, war aber doch etwas «Wirkliches».
Könnte es sein, dass Gerd Koenen doch noch zu viel zu wissen glaubt vom Weltenlauf? An einer Stelle tritt jedenfalls ein neues historisches Grosssubjekt auf, das nur um einen Buchstaben das grosse «R» kleiner ist als das alte. Die «soziale Evolution», so lesen wir, «brauchte», um voranzukommen, «offenbar» die kulturrevolutionären Eruptionen jenes Jahrzehnts als «Anstösse». (Die soziale Evolution hätte demnach mit dem R zugleich die siebziger Jahre verschluckt?) Mit diesem spontanen Rückfall in geschichtsphilosophisches Arkanwissen und mit der einen oder anderen nachträglichen Selbstgewissheit darf man nachsichtig verfahren. «Das rote Jahrzehnt» ist, alles in allem, ein differenziertes und reflektiertes, unsentimental und plastisch geschriebenes Buch. Eine aufschlussreichere soziologische Erkundung der gärenden siebziger Jahre wird man derzeit vergeblich suchen.
Uwe Justus Wenzel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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