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Das rote Jahrzehnt: Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977
 
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Das rote Jahrzehnt: Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977 (Taschenbuch)

von Gerd Koenen (Autor)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 553 Seiten
  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 4., Aufl. (19. September 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596155738
  • ISBN-13: 978-3596155736
  • Größe und/oder Gewicht: 18,9 x 12,4 x 3,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Existenzialismus des Extrems

Gerd Koenen über die «kleine deutsche Kulturrevolution»

Widerstandslos, so dichtete Hans Magnus Enzensberger über die siebziger Jahre, haben sie sich selbst verschluckt. – Doch Jahrzehnte sind Wiederkäuer. Wie schwer dasjenige «nach 68» noch immer sich selbst im Magen liegt, war in Deutschland vor einigen Monaten zu beobachten: Des grünen Aussenministers Vergangenheit als Frankfurter street-fighter kam – nicht zum ersten Mal – ans medial grelle Tageslicht. Die Gelegenheit wurde professionell, also ohne allzu grossen Aufwand an Intelligenz, zur Abrechnung genutzt, zur Anklage und zur Selbstverteidigung, kaum aber – um ein altertümliches Wort zu bemühen – zur Selbstbesinnung. Letztere mag im politischen Handgemenge unmöglich sein; erst recht, wenn die Hauptakteure von heute auch damals schon welche waren (bloss, dass sie ihr Operationsgebiet auf der anderen Seite der Barrikaden hatten, die es nun nicht mehr gibt).

Zeitzeugen sind nicht auch schon gute Historiker, Handelnde nicht immer die besten Interpreten ihres eigenen Tuns. Gleichwohl müssen nicht alle Geschichten, die von Beteiligten und Betroffenen erzählt werden, Mythen sein oder Verklärungen, Lebenslügen oder systematische Geschichtsklitterungen. Gerd Koenen hat einige Übung im Demontieren ideologischer Überbauungen. In bedeutenden Büchern hat er sich die kommunistischen «Führerkulte und Heldenmythen» (1991) und die – wiederum kommunistische – «Utopie der Säuberung» (1998) vorgenommen. Seine Erfahrungen als Historiker kommen ihm nun, da er sich an die Historisierung der eigenen Lebensgeschichte macht, zustatten.

Chimären

Der Autor, Jahrgang 1944, war einst selbst Monteur, Koarchitekt eines kolossalen Gebäudes, dessen Errichtung nicht gelang. «Weltrevolution» hätte es heissen sollen. Der revolutionäre Bautrupp, in dessen vordersten Reihen er während der siebziger Jahre agierte, war einer unter vielen und naturgemäss zunächst mit Abrissarbeiten im real existierenden Kapitalismus beschäftigt. Koenens Exkursionen in das «rote Jahrzehnt» der «kleinen deutschen Kulturrevolution» erschöpfen sich allerdings nicht etwa in einer staubigen Archäologie des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands (so hiess der Trupp). Sie wollen Aufschluss geben über einen «dramatischen Zyklus von Stimmungen, Losungen, Bewegungen und Aktionen», in dem eine ganze politische Generation Gestalt angenommen hat. Sie sollen, jenseits von Denunziation und Apologie, Antworten auf die Frage finden, was «so viele» damals motiviert habe, sich eine Zeitlang als «Akteure einer chimärischen Weltrevolution» zu fühlen.

Für die kurzatmige Debatte um Joschka Fischer, mit deren (vorläufigem) Verebben das Erscheinen des Buches in Konjunktion trat, wäre dessen hermeneutischer Impetus gewiss von Nutzen gewesen. Ihm verdankt sich auch die Rahmenthese, die eine geläufige «Epocheneinteilung» korrigiert: Die siebziger Jahre lassen sich nicht einfach als Zeit doktrinärer Erstarrung und mental-militanter Aufrüstung gegen den kurzen Sommer unreglementierten, verheissungsvollen Aufbruchs – 1967 und 1968 – abheben. Einerseits waren jene Jahre mit ihrer Vielzahl von Parteigründungen am linken Rande des politischen Spektrums und, vor allem, mit der folgenreichen kulturellen wie sozialen Umwälzung des Alltagslebens in verschiedenen Milieus – Stichwort «Säkularisierung der Wohngemeinschaftsidee» – durchaus bewegte Jahre; Koenen spricht von der «Lust» an der Gründung. Andererseits war «68» kein Ringelreihen pazifistisch gesinnter Blumenkinder; die Phantasie, die einem Pariser Graffito gemäss an die Macht strebte, war nicht beiläufig auch eine Gewaltphantasie.

Gewalt markiert das «rote Jahrzehnt», das Koenen in Erinnerung ruft. Die Toten an seinem Beginn und an seinem Ende: der Student Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 durch Schüsse aus einer Polizeiwaffe stirbt; Hanns Martin Schleyer, der Repräsentant der deutschen Unternehmer, der im Oktober 1977 von seinen Entführern durch Genickschuss «hingerichtet» wird, während die in Stammheim inhaftierten RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die hätten freigepresst werden sollen, sich selbst das Leben nehmen.

Gewalt und die Phantasien, die sich mit ihr verknüpfen, führen in das Geheimherz der – deutschen – Revolte: Diesen roten Faden lässt Koenen bei seinen quellennahen, ergiebigen Ausflügen in die linken Milieus, Organisationen und Mentalitäten nie aus der Hand. Und wirklich: Es frappiert die Bereitschaft wenn nicht zur Gewalt, so doch zur Gewaltphantasie, die in den späten sechziger Jahren aus Verlautbarungen «studentenbewegter» Zirkel, Kollektive und Individuen – unter ihnen heute zum Justemilieu gehörende Schriftsteller – hervorleuchtet. (Freilich war auch die Gegenseite, Koenen kommt darauf nur marginal zu sprechen, von solchen Phantasien nicht unberührt.) Der Analytiker sieht da einen sich radikalisierenden Existenzialismus und Dezisionismus am Werk. Entzündet habe er sich an einem Konflikt, durch den die Kriegs- und die Nachkriegsgeneration «verkettet» seien. Die Crux: Die Rebellierenden versuchten sich von der nazistisch «kontaminierten» Elterngeneration abzunabeln; zugleich aber näherten sie sich den Verfemten, indem sie an ihrer Statt und nachholend den «Faschismus» bekämpften. Dass einige sich bei dieser von apokalyptischen Zügen nicht freien Selbstreinigung der eliminatorischen Methoden der «Nazieltern» bedienten, mutet auf verquere Weise folgerichtig an.

Generationen

Koenen wandelt, wenn er dem Gegen- und Ineinander der Generationen nachspürt, zwischen historischer und sozialpsychologischer Deutung auf einem Grat, der nicht schon darum weniger schmal geworden ist, weil ihn vor ihm einige andere gegangen sind (unter ihnen auch Klaus Theweleit, von dem Koenen sich in manchen Aspekten weiter entfernt wähnt, als er tatsächlich wohl ist). Wie viel erklärt oder verstanden ist, wenn man auf eine latent existenzialistische Logik aufmerksam macht, die eine Generation geprägt habe, ist schwer zu sagen. Das Muster der – radikalen – «Selbstentbindung» und Selbstermächtigung immerhin lässt sich unschwer im gesamten Spektrum der kleinen deutschen Kulturrevolution nachzeichnen.

Der Austritt der «Protestgeneration» aus der Gesellschaft entsprach zwar, wie Koenen schreibt, dem Zug der Zeit auch andernorts, in Deutschland aber war ihm eine besondere «Virulenz» eigen. Darum leuchtet es ein, wenn der Autor den Entschluss der angehenden Terroristen, in den Untergrund zu gehen, als nachgerade «paradigmatische Form» aller damaligen Sezessionsbewegungen charakterisiert. – Vom Extrem her offenbart sich die Wahrheit. – Astrid Proll, frühes Mitglied der Roten-Armee-Fraktion, sprach denn auch im Rückblick auf ihren Kampfverband einmal von der «Selbstanmassung einer ganzen Generation». Dass der Gestus, einen scharfen Schnitt zu machen, der diffusen Gemütslage nicht nur eines kleinen Segments der bundesrepublikanischen Gesellschaft korrespondiert haben mag, legt eine Meinungsumfrage aus dem Jahre 1971 nahe. Ermittelt wurde unter anderem, dass jeder vierte Bürger unter dreissig Jahren «gewisse Sympathien» für die RAF hege.

Vor diesem Hintergrund interpretiert Gerd Koenen seine Organisierung in einer neoleninistischen Gruppe allerdings nicht einfach als Ausdruck einer – zugegebenen – «abstrakten Gewaltbereitschaft». Die Installation eines rigiden, parteiförmigen «Über-Ichs» erscheint ihm im Nachhinein, nicht undialektisch, zugleich als ein «instinktiver Akt» der Selbstkontrolle und des Selbstschutzes: des Schutzes vor den eigenen destruktiven Regungen. – Was aus der organisierten Selbst- und Weltrettung wurde? Die «Wiederaufführung einer historischen Tragödie als Farce»; und dies nicht nur im Falle des KBW, der die bizarre revolutionäre Tat vollbrachte, mit den polnischen Dissidenten zu konspirieren und gleichzeitig den Massenmörder Pol Pot zu hofieren.

Was auf der Theaterbühne der Welt eine Farce war, ähnelt in der erzählenden Rückschau in manchen Partien einem Bildungsroman, verfasst mit der «anteilnehmenden Ironie» eines gereiften Charakters. Einige Generationsgenossen (gewiss nicht nur solche, die einst einer konkurrierenden Kaderpartei angehörten) haben dies dem Autor bereits vorgehalten. Wie aber liesse sich eine entwicklungsgeschichtliche Perspektive vermeiden, wo es um das eigene Leben geht? Und darf man es jemandem verübeln, froh zu sein, von keinen «Wahnideen» mehr heimgesucht zu werden? Allerdings fragt sich dennoch, ob es triftig (und psychohygienisch vernünftig) ist, die «weltrevolutionäre» Projektemacherei von ehedem restlos in grössenwahnsinnige, narzisstische Halluzinationen aufzulösen. Bei den Unruhen in den USA, in Polen und anderswo, überall, so gibt Koenen zu verstehen, sei es um etwas gegangen, um «wirkliche» Probleme – nur in Deutschland nicht, wo existenzialistische Bodenlosigkeit in den Realitätsverlust geführt habe. Zumindest der Generationenkonflikt, wird man einwenden dürfen, war aber doch etwas «Wirkliches».

Könnte es sein, dass Gerd Koenen doch noch zu viel zu wissen glaubt vom Weltenlauf? An einer Stelle tritt jedenfalls ein neues historisches Grosssubjekt auf, das nur um einen Buchstaben – das grosse «R» – kleiner ist als das alte. Die «soziale Evolution», so lesen wir, «brauchte», um voranzukommen, «offenbar» die kulturrevolutionären Eruptionen jenes Jahrzehnts als «Anstösse». (Die soziale Evolution hätte demnach mit dem R zugleich die siebziger Jahre verschluckt?) Mit diesem spontanen Rückfall in geschichtsphilosophisches Arkanwissen und mit der einen oder anderen nachträglichen Selbstgewissheit darf man nachsichtig verfahren. «Das rote Jahrzehnt» ist, alles in allem, ein differenziertes und reflektiertes, unsentimental und plastisch geschriebenes Buch. Eine aufschlussreichere soziologische Erkundung der gärenden siebziger Jahre wird man derzeit vergeblich suchen.

Uwe Justus Wenzel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.



Kurzbeschreibung

Das "rote Jahrzehnt" begann in der Bundesrepublik mit den Schüssen in Westberlin am 2. Juni 1967 und endete mit Schüssen in Stammheim und der Ermordung Schleyers im "deutschen Herbst" 1977. Das sind die Eckdaten dieser erstmalig zusammenhängend beschriebenen Generationengeschichte. Jetzt, da die "68er" an der Macht sind, für Jüngere wie für Ältere eine aufschlußreiche Lektüre.

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57 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Blick zurück auf eine siegreiche Kulturrevolution, 7. Februar 2007
Von ludwigwitzani (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REVIEWER)   
Aus dem Gefühl der Sinnlosigkeit, der dem steigenden Wohlstand notwendig entspringt, aus dem demographischen Druck geburtenstarker Jahrgänge und einer explosionsartigen Ausdehnung des Bildungswesens entstanden in den Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts die strukturellen Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich eine ganze Generation neu erfand - neu erfand durch eine Mixtur aus Motiven der Kritischen Theorie (ein wenig Adorno mit sehr viel Marcuse als Geschmacksverstärker), einer idyllisierenden Dritteweltverklärung (Vietnam, Kuba, natürlich Che Guevara), den Ladenhütern des orthodoxen Marxismus (Klassenkampf und Proletariat) und einem moralisierenden Auschwitz-Mythos, der vorzüglich dazu geeignet war, die ältere Generation in Bausch und Bogen zu diskreditieren. Wie der Gerd Koenen in dem vorliegenden Buch Das rote Jahrzehnt" diese komplexen Strömungen mit der Distanz von Jahrzehnten in ihrer Doppelbödigkeit zugleich entlarvt und versteht, ist schlichtweg meisterhaft. Haut der junge Enzensberger gegenüber dem sich vermeintlich machtvoll erhebenden Kryptofaschismus mächtig auf die Auschwitz-Pauke, konstatiert Hannah Arendt trocken, er stecke sich die Gräuel der Vernichtungslager "wie einen Feder an den Hut." (S.99)
Alles begann in Westberlin, der "Frontstadt", in der die weltentrückten Wohlstandkinder der alten Bundesrepublik auf der Flucht vor der Wehrpflicht und mit ihren wirren Ideen weit weg von zuhause auf die ansässigen Westberliner trafen, die ihre Freiheit unter Ängsten und Mühen gerade erst gegen die Attacken des totalitären Kommunismus verteidigt hatten. Während die Springerpresse gegen die APO Stimmung machte, wo sie nur konnte, wurden die abgedrehten Obsessionen, unter denen die die Studenten des SDS und der sich formierenden APO litten, durch Augstein, Nannen und Buccherius, den "Sugar-Daddies" der 68er (S.37), über SPIEGEL, STERN und ZEIT landesweit ins Riesenhafte popularisiert. So galten etwa die Wohngemeinschaften als eine Lebenswelt voller Freiheit und Liebe, als ein Ort der Eintracht und der Selbstbestimmung, in dem Egoismus und familiäre Unterdrückung überwunden würden. Von "vollgeschissenen Klos, leer gefressenen Kühlschränken und zugemüllten Treppenhäusern" wollte damals niemals etwas wissen. Aber sie waren der andere, der irdische Teil der großen Träume, die im roten Jahrzehnt die bundesrepublikanische Gesellschaft tief greifend veränderten. Immer beide Seiten zu zeigen - die grandiosen Utopien und die triste Realität, die Empörung und die Bigotterie, den Idealismus und die Heuchelei - gehört zu den Stärken des vorliegenden Buches von Gerd Koenen über die "deutsche Kulturrevolution" zwischen 1967 bis 1977.
Aber das Buch ist beiliebe nicht nur eine Geistes- und Sozialgeschichte -auch die Abfolge der realen Ereignisse von den Turbulenzen des Schahbesuches über die Osterunruhen werden bis hin zu den konkreten Planungen einer gewaltsamen Machtergreifung der APO in Westberlin ( Achtung: Rudi-Dutschke Straße ) anschaulich und spannend erzählt. Überraschend für die meisten Leser dürfte sein, dass nach der Selbstauflösung des SDS in den frühen Siebziger Jahren in der ganzen Bundesrepublik zu einer machtvollen Renaissance des organisierten Linksradikalismus kam, deren lächerliche Grabenkämpfe eher an "Das Leben des Brian" als an erst zu nehmende Politik erinnern. Relevanter waren da schon die "Spontis", die Unorganisierten, die wie die "Putztruppe" um Joschka Fischer Sonntags auf dem Bolzplatz hackten, sich in der Woche mit der Polizei prügelten, um sich nachts die Bräute vorzuknöpfen. Es war die Wirklichkeit einer großen authentischen Erfahrung zwischen Liebe, Freiheit, Kampf, Gefahr und großen Träumen, die die Spontis in der ganzen Bundesrepublik eine Zeitlang zu leben suchten. Neben der Hunderttausendschaft des Linksradikalismus und der parzellisierten Welt der Spontis, begannen bei den Jusos Figuren wie Benneter, Schröder, Scharping und die ewigrote Heidi W-Z. die Revolution zu predigen und zugleich an der eigenen Karriere zu werkeln. So entfaltete sich in diesem kunterbunten Nebeneinander von Kinderläden, Kommunen, freier Liebe, Betriebsarbeit, Hausbesetzungen, Coming-Outs von Schwulen und Lesben eine von den Medien spannerhaft betrachteten Alternativkultur, deren akademische Exponenten sich, wie das bei Revolutionsgewinnlern so zu sein pflegt, per Sammeldissertationen und Sammelhabilitationen nobilitieren und Grossteil der neuen Professorentstellen unter den Nagel rissen.
Doch nicht alle ließen sich von den Verlockungen einer sich mächtig liberlalisierenden Gesamtgesellschaft integrieren. Viele Sprösslinge guten Elternhäusern, aber noch mehr Entwurzelte, Halbkriminelle und Größenwahnsinnige erklärten dem "Schweine-System" (Meinhoff) den Krieg, wagten den Sprung von der Kritik zur Bombe, vom Wort zum Mord. Die RAF, die Revolutionären Zellen und die "Bewegung 2. Juni" begannen ihre blutige Spur durch das Land zu ziehen, und es dauerte eine erschreckend lange Zeit, bis sich die Masse der Sympathisanten (Achtung: Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum) von diesem Totentanz endlich abwandte. Am Ende erwies sich das gesellschaftliche System aber trotz allem als stark genug, die Jugendproteste und kulturrevolutionären Innovationen, den Klamauk und den Tod, den Idealismus und die Karrieresucht gleichermaßen zu assimilieren. Die 68er machten ihren Frieden mit der Gesellschaft und begannen ihren "langen Marsch durch die Institutionen", wurden Feministen und Ökologen, Journalisten und Dichter, und ganz am Ende, ziemlich genau dreißig Jahren nach den Osterunruhen von 1968, wurde ein ehemaliger Stamokap-Theoretiker Bundeskanzler und ein Spontiklopper sogar Außenminister.
Haben also die 68er sich am Ende durchgesetzt? fragt Koenen im letzten Kapitel seines Buches, ohne diese Frage wirklich zu beantworten. Sieht man sich die Positionen an, in denen sich die ehemaligen Protagonisten der Kulturrevolution heute befinden, bedenkt man, wie vollständig die Alt-68er die öffentliche Diskussion beherrschen und jede Abweichung von der political correctness mit dem Risiko sozialer Vernichtung belegen, wird man diese Frage bejahen müssen. Ob der Sieg dieser Kulturrevolution aber auch ein Gewinn für Deutschland war, wird sich ein jeder im Angesicht des Zusammenbruchs der modernen Ehe, dem Schwund von Disziplin und Leistungsbereitschaft an den Schulen, den abgestürzten Fertilitätsraten sowie der astronomischen Abtreibungs- und Scheidungsraten selbst beantworten müssen.
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13 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Witzig, spannend und etwas schlampig, 15. Oktober 2003
Von Ein Kunde
Gerd Coenen wagt als erster den Versuch, alle wichtigen ideologischen Strömungen der 68er Bewegung in einer Gesamtdarstellung zusammenzufassen - ob APO, KBW, RAF, Trotzkisten oder Stalinisten, hier fehlt keiner. Vor allem gelingt es Coenen, dies alles mit einem für einen Historiker fast schon sagenhaften Humor darzustellen. Der Höhepunkt ist für mich immer noch die KBW-Studienreise nach Albanien. Das ist aber auch mit ein Grund, warum dieses Buch der einen oder anderen Gruppe misfallen wird.

Hardcore-Geschichtswissenschaftlern und Fußnoten-Fanatikern dürfte Coenen etwas zu schlampig arbeiten: zum einen wechselt er häufig die Perspektive und switcht mal von einer allgemeinen Darstellungen zum persönlichen Tatsachenbericht. Zum anderen scheint er seine persönliche KBW-Vergangenheit noch nicht ganz bewältig zu haben. Die Namen einiger alter Mitstreiter werden diskret abgekürzt (z.B. heißt es da Genosse J.S.), und auch seine Kritik am "eigenen Verein" wirkt etwas narzistisch; einen gewissen Stolz auf die Leistungen zu Hochzeiten des KBW kann er m. E. nicht völlig ausblenden. Das stört die Objektivität des ansonsten hervorragenden Buches.

Noch jemand dürfte sich auch am "Roten Jahrzehnt" stören. Coenen macht keinen Hehl daraus, dass er heute mit den Vertretern der rot-grünen Regierung sympathisiert, die den "langen Marsch durch die Institutionen" erfolgreich bewältigt haben wie etwa Joschka Fischer; zum einen betrachtet er die zahlreichen kleinen Gruppen, Parteien etc. insgesamt als erfolglos. Diese Haltung missfällt natürliche extremeren Linken, deren Legitimation sich ja häufig auf den vorausgegangenen "Widerstand" der 68er,der Spontis, RAF oder wasweiß ich gründet.

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9 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen schonungslose selbstkritik, 5. Oktober 2003
als wir, die "nachgeborene generation", uns 1980 zur anti-startbahn-west-demo am frankfurter flughafen versammelten, begrüßten uns begeistert ältere langhaarige mit erhobener faust. zu ihrer enttäuschung schüttelten wir wütend unsere erhobene faust zurück: schon wenige jahre nach der "kulturrevolution" waren die zeichen der 68er nicht mehr lesbar.
diese semantische isolation der studentenbewegung ist nur ein thema gerd koenens, der mit analytischer scharfsicht die folgenreichste bewegung nach '45 strukturalistisch und vor allem psychologisch reflektiert aufarbeitet.
aus der innensicht des mitkombattanten wird dabei nicht nur das spezifische wesen der auf- und umbruchsgeneration nachgezeichnet, sondern auch der historische kontext zur klärung der heute schwierig nachvollziehbaren haltung der 68er deutlich gemacht. Dennoch hätte gerade dieser teil mit mehr nachhaltigkeit verarbeitet werden müssen, damit der uneingeweihte leser eine historisch ausgewogene bewertung der ereignisse erhält.
so aber entpuppt sich die analyse zu sehr als eine scharfe abrechnung und selbstkritik, die zuweilen über das ziel hinausschießt und zur narzisstischen selbstkasteiung gerät.
für kenner der epoche und für träger der studentenbewegung ist koenens werk unentbehrlich, für alle anderen empfiehlt sich eine vorausgehende beschäftigung mit der geschichte der brd nach '45.
den besonderen wert des buches machen aber kapitel aus, die sich mit der deutschen vergangenheitsbewältigung beschäftigen, da sie einen wichtigen beitrag zur psychologischen genese der deutschen nachkriegsgesellschaft liefern.
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