Seienden und werdenden Führungskräften 99 Tipps für den Umgang mit problematischen Mitarbeitern zu geben, ist an sich keine schlechte Sache. Aber solche Gebrauchsanweisungen brauchen ihrerseits eine Gebrauchsanweisung, um die Anwender vor Enttäuschungen zu bewahren. Und obwohl der Autor gegen den Schluss seiner Einführung darauf hinweist, dass es für die Lösung eines Problems nicht nötig sei, alle Tipps in den sechs Kapiteln zu lesen, kommt der wichtigste Tipp erst am Schluss. Denn der lautet: Beschränken Sie sich zunächst auf etwa zehn Tipps. Dieser Vorschlag ist deshalb so wichtig, weil es gar nicht so einfach ist, seine Verhaltensmuster zu ändern. Es ist denn auch die Reihenfolge der 99 Tipps, die mich daran hindert, diesem Buch die Höchstnote zu verleihen. Der Leser muss bis Seite 155 warten, bis er erfährt, dass sich Mitarbeiter an Vorbildern orientieren und deren Verhalten meist unbewusst übernehmen. Und wer sich mit verschiedenen Führungsmodellen nicht auskennt, wird die unangekündigten Wechsel zwischen systemischer Herangehensweise und klassischen Modellen aus der Managementlehre kaum nachvollziehen können. Das halte ich deshalb für kein Detail, weil so genannt Bewährtes nicht immer mit Systemischem kompatibel ist, wie zum Beispiel die berühmte Maslow-Pyramide oder bekannte Kommunikationsmodelle zeigen.
Ich glaube, dass dieses Buch den Lesern einen großen Gewinn bringt, die dem Ratschlag folgen, sich nach der Lektüre tatsächlich auf zehn Tipps zu beschränken. Und am besten wählt er solche aus, die mit seiner eigenen Lebensbiographie zu tun haben und nicht allzu sehr in Verhaltensmuster eingreifen, deren Veränderung viel Zeit, Mut und Geduld brauchen. Kleine Schritte können auch allein gelingen, wenn man sich bewusst wird, wo man bisher hintrat und welche Schrittfolge die bessere wäre. Bei anderen Tipps fragte ich mich hingegen, ob sie nicht allzu sehr auf einem idealistischen Bild beruhen, das wir zwar betrachten, aber nicht kopieren können. Wenn sich zum Beispiel ein Mitarbeiter konsequent in die Opferrolle flüchtet, wird es selbst für erfahrene Führungskräfte schwierig, dieses Muster aufzulösen. Ohnehin stellte ich mir bei der Lektüre immer wieder die Frage, wie weit die zeitlichen und psychischen Ressourcen eines Chefs ausreichen, um den gestellten Anforderungen gerecht zu werden. Selbst die vom Autor empfohlene Führungsspanne von zwölf Mitarbeitern erlaubt es in der Regel nicht, problematische Verhaltensmuster aufzulösen und zu verändern. Wenn der erste Tipp lautet, als Erstes an sich selbst zu denken, bedeutet dies eben auch, sich abgrenzen und seine eigenen Möglichkeiten realistisch einschätzen zu können.
Was mir an diesem Buch sehr gut gefällt, ist die gelungene Komprimierung von Modellen und Instrumenten, die in anderen Führungsbüchern sehr viel komplizierter dargestellt werden. Dem Autor gelingt es, mit einfachen Formulierungen und anschaulichen Beispielen viele Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte auf den Punkt zu bringen. Zudem vernetzt er die 99 Tipps durch Verweise miteinander und arbeitet gekonnt mit dem formalen Mittel von Randbemerkungen. Mit diesem Konzept liefert er dem Leser eine verständliche und übersichtliche Zusammenfassung möglicher Ansätze, um das eigene Führungsverhalten zu verbessern.
Mein Fazit: Verfällt man nicht dem Irrtum, die 99 Tipps ließen sich einfach befolgen, macht die Lektüre dieses Buches durchaus Sinn. Denn der Autor stellt einen Werkzeugkoffer zusammen, in dem so viele wertvolle Instrumente zu finden sind, dass mich das Durcheinander nicht allzu sehr störte. Bei richtigem Gebrauch sind Verbesserungen des eigenen Führungsverhaltens bestimmt möglich.