Das perfekte Verbrechen
Jean Baudrillard klärt es nicht auf
Baudrillard zu lesen ist eine zwiespältige Erfahrung ein unaufhörliches Schwanken zwischen Interesse und Langeweile, Aufmerksamkeit und Verdruss, Einsicht und Banalität. Ein Wechselbad bereitet Baudrillards neue Schrift schon stilistisch, im harten Aufeinanderprallen von treffenden Ausdrücken und Platitüden (die Baudrillard am liebsten in Wortspielen zum Ausdruck bringt, die sich an der dürftigsten Ähnlichkeit etwa der lautlichen von «Transparenz» und «Transpiration» entlanghangeln).
Erfahrung und Theorie
Der Grund des zwiespältigen Eindrucks, den Baudrillards Text vermittelt, liegt aber nicht allein in den stilistischen Unsicherheiten seines Autors, die die deutsche Übersetzung ungemildert und getreu wiedergibt. Das Buch ist deshalb aufschlussreich, weil sich in seinem stilistischen Schwanken ein grundsätzliches Problem spiegelt, in das sich die Versuche einer radikalen Moderne- und Kulturkritik derzeit verstricken. Gemeint ist die ungelöste Spannung zwischen Erfahrung und Theorie: Baudrillard geht es um eine radikale Kritik der Moderne auf Grund von Verlust- und Leidenserfahrungen, die in ihrer Authentizität unanzweifelbar sind. Zu ihrer Artikulation stehen ihm jedoch ausschliesslich theoretische Modelle vor allem solche der Kulturkritik der Zwischenkriegszeit zur Verfügung, deren Ungenügen in den philosophischen Diskussionen der letzten zwanzig, dreissig Jahre offensichtlich geworden ist. So wird die Theorie für seine Erfahrungen zur Falle: Die gänzlich unbefriedigende theoretische Modellierung zehrt die Erfahrungen, sie zehrt die wie Baudrillard schreibt «Leidenschaften» auf, denen sie doch zu stringentem Ausdruck verhelfen soll.
Das zeigt sich in aller Schärfe an den Überlegungen, die wohl einmal den Keim dieses thematisch weit ausgreifenden Buches gebildet haben: Baudrillards nachhaltige Kritik die gleichwohl eine «Kritik» nicht mehr sein will an den «Phantasmen», die sich mit künstlicher Intelligenz und neuen Medien verbinden Phantasmen von ungetrübter Immaterialität, aufschubloser Echtzeit und unbegrenzter Kommunikation. Anders als eine (selbst wieder vor allem medial) verbreitete Kritik an diesen Phantasmen sieht Baudrillard in ihnen jedoch keine «Auflösung der Wirklichkeit in Schein», sondern im Gegenteil: eine Steigerung der Realität zur «Hyperrealität».
Die medialen Phantasmen zerstören nicht, sondern bringen das gewöhnliche Wirklichkeitsverhältnis und den uns prägenden Wirklichkeitsbegriff zur Vollendung. Denn das Wirkliche, so Baudrillard, wird in der Moderne verstanden als das uns Vorstellbare und Verfügbare. Nichts anderes aber sagt auch das Prinzip der medialen Phantasmen, das Prinzip unbegrenzter Verfügbarkeit. Der Gehalt der medialen Phantasmen ist nicht eine Welt des Scheins, sondern die Vollendung, die «Perfektion» der Wirklichkeit.
Mit dieser Beschreibung der medialen Phantasmen entzieht Baudrillard zugleich auch ihrer geläufigen Kritik den Boden. Diese Kritik verfährt in naiver Weise konservativ. Sie versteht künstliche Intelligenz und neue Medien als Auflösung und Zersetzung, um dagegen die Bestände an kommunikativem Gemeinsinn und erfolgreichem Wirklichkeitssinn aufzubieten. Wenn die medialen Phantasmen jedoch gar nicht Auflösung, sondern Perfektion betreiben, dann muss an die Stelle eines solchen Rückgriffs auf Bestände eine Spurensuche der «imperfekten» Reste treten.
Das «Verbrechen», das nach Baudrillard in der Perfektionierung der Wirklichkeit besteht, ist selbst nicht perfekt; es hinterlässt Spuren. Und allein deshalb, weil es Spuren hinterlässt, ist es noch als ein Verbrechen erkennbar. Das sind Spuren des Nicht-Perfekten, Spuren dessen, worin und woran die Perfektion scheitert. Was diesen Spuren gemeinsam ist, nennt Baudrillard «Alterität»: das Andere oder Fremde, an dem die Perfektion der Wirklichkeit je wieder scheitert.
In Überlegungen wie diesen umreisst Baudrillard eine so könnte man etwas klischeehaft sagen «französische» Alternative zur verbreiteten «amerikanischen», empiristisch-pragmatischen Kritik an künstlicher Intelligenz und neuen Medien. Denn Baudrillards Kritik operiert nicht im Namen gelingender Kommunikation und realitätstüchtiger Nüchternheit, sondern im Namen dessen, was diesen immer schon und vor allem immer mehr entgeht: Schweigen und Fremdheit, Dauer und Plötzlichkeit, Entzug und Nähe. Freilich, von jetzt an ist diese Perspektive erst einmal formuliert hängt alles weitere von allem einzelnen ab: davon nämlich, die Mechanismen der Perfektion tatsächlich zu rekonstruieren, die Spuren des Nicht-Perfekten im Detail zu lesen.
Überall aber, wo es darauf ankäme, findet sich bei Baudrillard nichts, nämlich zuviel: zu viele Wörter, Sätze, Abschnitte, die in völliger Absehbarkeit das Immergleiche repetieren. Das ist der Ort, an dem einige wenige vorgefertigte und unbefragt übernommene theoretische Modelle ihn um seine Erfahrungen und die Möglichkeit ihrer Diagnose bringen. Dass «Wirklichkeit» in der Moderne nichts als Verfügbarkeit fürs Subjekt heisst und auf deren Perfektion abzielt diese Behauptung erläutert und erörtert Baudrillard nicht. Er wiederholt das von Heidegger Abgelauschte bloss in ermüdender Unaufhörlichkeit und Schlichtheit.
Dass dieses Bild der Moderne (wie vor allem Blumenberg gezeigt hat) jedoch ideengeschichtlich höchst zweifelhaft ist und (wie etwa Habermas und Henrich gezeigt haben) überdies auf der höchst problematischen begrifflichen Konstruktion eines Subjekt-Objekt-Verhältnisses beruht um all diese nicht nur differenzierten, sondern für seine Sache wichtigen Diskussionen schert sich Baudrillard keinen Deut. Die für eine radikale Kritik der Moderne schlechthin entscheidende Frage, ob und, vor allem, wie sich die Diagnose der Wirklichkeitsverfügung unabhängig von solchen problematischen theoretischen Voraussetzungen formulieren lässt, findet bei Baudrillard daher keine Antwort, ja, sie wird nicht einmal gestellt.
Beschwörungen und Buchhaltung
Für sein eigenes Unternehmen verheerender noch aber ist wohl, dass auch seine Spurenlese des Imperfekten so dürftig ausfällt. Eigentlich sind es nur zwei kurze Abschnitte, in denen Baudrillard es zu zeigen unternimmt, wie gerade der Versuch der medialen, technischen Perfektion zum Ausdruck seiner eigenen Imperfektheit wird; ein Abschnitt über Warhol und ein noch kürzerer über Photographie.
Der Rest sind Beschwörungen und Buchhaltung: Verzeichnisse, in denen all das aufgezählt wird, was immer aufgezählt wird, wenn man sich so überlegt, was durch Technik und Wissenschaft verlorengegangen sein könnte: der Andere, der Feind, der Räuber, die Negativität, der Tod, die Alterität, die Verführung, die Illusion, das Geheimnis, das Schicksal. Statt dessen haben wir bedauerlicherweise: Kommunikation, Verhandlung, friedliches Zusammenleben, absolute Positivität, Unsterblichkeit des Klons, Identität und Differenz, sexuelle Indifferenz, Hyperrealität, Transparenz.
Fehlt noch was? Ja und nein: Es fehlt nichts, ausser das, worauf es eigentlich ankommt: die genaue Beschreibung der Elemente, des Rechts und der Logik dieser Entgegensetzungen. Wie heisst es so treffend bei Baudrillard: «Ideen hat jeder, und mehr als genug. Was zählt ist die poetische Einzigartigkeit der Analyse.»
Christoph Menke