Die neuen Knigges sind wieder heiss begehrt. Wenn's hart wird, passt man sich eben an. Und weil wir vergessen, verdrängt oder verflucht haben, wie der gute Ton klingt, ist Nachsitzen angesagt. Wer nicht mehr zur Schule will und sich ein Buch als Privatlehrer anschaffen möchte, fährt mit Eva Ruppert Werk nicht schlecht. Allerdings hat mich die Zahl der Lektionen überrascht. Die Autorin geht davon aus, dass die Details entscheidend sind und ihre Leser zu Spezialisten für Tuchqualitäten, Knopfkunde, Kragenformen und Ärmellängen werden sollten. Diesen Abschnitt brachte ich schnell hinter mich, da mein Kleiderladen über dieses Knowhow verfügt. Ob Trauerfeierlichkeiten unbedingt schwarze Kleidung bedingen, ist Ansichtssache. Beim Begräbnis meiner Tochter fand ich es jedenfalls schön, in der dunklen Menge kleine Farbtupfer zu sehen. Eva Ruppert geht vom Konventionellen aus. Wer ausloten möchte, wie gross der Spielraum wirklich ist, muss dieses Wagnis ohne Schützenhilfe von Frau Ruppert eingehen. In ihren Seminarien wäre die bestimmt möglich. Wer vom Kapitel "Stilkunde" profitieren möchte, muss zuerst mit einem Test seinen Typ herausfinden, um vom Folgenden profitieren zu können. Nach dem Stil folgt das Körperbewusstsein. Haben wir unser persönliches Farbkonzept erstellt, steht uns Frau Ruppert auch bei der Auswahl der Schuhe, der Strümpfe, Lederwaren, Accessoires, Brille, Frisur, Make-up und Parfüm zur Seite. Dreht man das Buch um, findet auch der Mann seine Meisterin. Für mich der spannendere Teil. Denn was frau für einen Mann das Richtige findet, ist alleweil ein Erlebnis. Das Buch kann ich allen empfehlen, die sich wenigstens äusserlich der sozialen Umgebung anpassen möchten, keinen tollen Kleiderverkäufer kennen und kein Seminar besuchen möchten.