Wenn wir der Versuchung unterliegen, uns in alltäglicher Bildungs- oder Vermittlungspraxis zu verlieren oder bequem einrichten, wenn wir Kritikpunkte im außerhalb dieser Praxis suchen, wenn wir keine Zeit haben, den Alltagsverstand zu schärfen und zu durchbrechen, wenn wir geneigt sind, Hierarchien der Vermittlung und Lernkulturen einfach als gegeben anzunehmen oder aber zu glauben, wir müssten daran verzweifeln, dass wir sie nicht außer Kraft setzen können, oder denken wir hätten es bereits getan, weil wir uns im Sesselkreis hinsetzten ' und dadurch emanzipatorische Praxen und politisches Handeln seiner Inhalte entkleiden ' kurz, wenn wir das politische Moment verlieren und vergessen haben, dass genau in der Unmöglichkeit die Möglichkeit liegt, hilft die Lektüre 'Das pädagogische Unverhältnis', um sich an den Qualitäten des Scheiterns auf hohem Niveau für die eigenen Handlungsräume aufzurichten. Ein Stück Gebrauchsliteratur für alle die lehren, lernen, lehrend lernen oder lernend lehren!
Ein unmögliches Verhältnis nennt Nora Sternfeld das pädagogische Verhältnis mit freundlichem Verweis auf Freud: Drei Tätigkeiten bezeichne Siegmund Freud als unmögliche Aufgaben: das Erziehen, das Regieren und das Psychoanalysieren. (Klappentext des Buches). Es ist schon beruhigend zu wissen, dass der hier zitierte Autor dieser Zeilen wenigstens einer dieser Tätigkeiten hauptberuflich nachging ' und tatsächlich geht es hier nicht um eine Kritik von außen an dem was LehrerInnen mit SchülerInnen so mit- und gegeneinander anstellen, wenn der Tag lang ist.
Vielmehr verfolgt die Autorin ein Verständnis von der Tätigkeit des Erziehens, des Lehrens und des Lernens als jenes von Praxisverhältnissen, welche für machttheoretische Überlegungen geöffnet werden: Sternfeld bezieht die Erkenntnis mit ein, dass sich die zu entwickelnde Lernkultur niemals in einer bloßen Binomität des LehrerInnen-SchülerInnen Verhältnis erschöpft. Neben Fragen der Aneignung von Wissenspraktiken und Handhabung von Wissensordnungen wird mit Berthold Brecht die dritte Sache ins Spiel gebracht: Die dritte Sache als Verweis auf das Vermittlungsziel, als Rekurs wofür und was gelernt werden soll. Es geht um Lernen als politische Theorie, ums Erziehen, also. Bereits die Eingangszitate machen den Spannungsbogen sichtbar, dem das Buch folgt: Pädagogische Verhältnisse als Machtverhältnisse zu lesen bedeutet auch darauf zu beharren, dass das unmögliche Verhältnis des Erziehens, im Sinne einer eingeschriebenen Ontologie des Scheiterns, eine Basis der politischen Auseinandersetzung darstellt.
Es ist so offensichtlich wie schätzenswert, dass die Autorin aus eigenen Erfahrungen und den sich daraus generierenden Fragestellungen und Widersprüchen schreibt. Wir haben es hier also mit einem 'Ratgeber', einem Stück pädagogischer Gebrauchsliteratur zu tun, die die Mühen der alltäglichen Ebenen als Abflugrampen für politisches Handeln benutzen. Geht denn das überhaupt? Ja, würde Nora Sternfeld in Bezug auf Derrida sagen, diese Möglichkeit ist gegeben, vorausgesetzt wir sehen sie als eine unmögliche Möglichkeit ' und lassen uns selbst dort, wo wir das eine oder andere umsetzen können, von der tatsächlichen Unmöglichkeit immer wieder heimsuchen. Es geht in 'das pädagogische Unverhältnis' (wie der doppeldeutige Titel schon besagt) nicht darum, die Widersprüche aufzulösen oder zu negieren, sondern schlicht um ein Mut-machen sie auszuhalten, mit ihnen und gegen sie soziale Praxen aufzurichten, um Plan und Methoden bereichert zu werden.
Diese Unmöglichkeit im Verhältnis und Erfolg der Wissensvermittlung nennt Sternfeld die ontologische Verhinderung eines Masterplans, so dass Scheitern ein Lernen in den Erfahrungs- und Wissensräumen der konstitutiven Unmöglichkeit von Pädagogik ist.
Die Widersprüche im Denken tun sich insbesondere dann auf, wenn versucht wird, emanzipatorische Praxen in das Verhältnis hinein zu denken. Für jene, die das wollen, hat Nora Sternfeld diesen unmöglichen Ratgeber geschrieben; für jene, die nichts dagegen haben, wenn Wissensvermittlung und Bildung die tradierte Logik jener (ohnehin nie ungebrochen existierenden) Einbahnstraße verlassen, auf der 'die einen Wissen haben und die Anderen Wissen brauchen' und die sich damit bewusst den Gefahren eines (ohnehin immer existierenden) Gegenverkehrs aussetzen. Pädagogisches Wirken wird ganz bewusst als politisches Wirken gedacht und gewollt ' entwickelt wird eine politische Theorie als Pädagogik, eine pädagogische Politik als Theorie und eine theoretische Pädagogik als Politik.
Für jene, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Verhältnisse zu verändern, gab es immer eine positive Bezugnahme auf Bildung. In der Progression des Wissens läge eine nützliche Voraussetzung für die Durchschaubarkeit und somit Veränderbarkeit der Verhältnisse. Daneben wurden Bildung und Vermittlung selbst, durchzogen von Herrschaftsansprüchen wie sie nun einmal sind, zum nahe liegenden Ort emanzipatorischer Praxen erkoren, zum Epizentrum revolutionärer Energie sozusagen. Und längstens hier, an genau dem Punkt, an dem Nora Sternfeld zu sprechen anfängt, an dem sie das pädagogische Verhältnis als politisches denkt, beginnen auch die Probleme. Wenn das pädagogische Verhältnis immer von Herrschaft durchzogen ist, dann ist es das auch dort, wo Herrschaftsverhältnisse befragt werden sollen. Es könnte sein, dass sich Herrschaftsformen quasi hinter dem Rücken von Akteuren oder Akteurinnen neu und anders implementieren und zwar genau in dem Moment, in dem an ihnen gekratzt wird. Sternfeld spricht hier beispielhaft von der Verschleierung der Autorität, der freiwilligen Selbstkontrolle, der Legitimierung der Verhältnisse bis zur Reproduktion herrschender Subjektvorstellungen. Oftmals geht es dabei, wie Nora Sternfeld pointiert, um die Angst der Lehrenden 'beim Nichtwissen ertappt zu werden', die in das Beziehungsverhältnis eingeschrieben ist, und die durch eine allzu euphorische Begrüßung neuer Praxen der Vermittlung als Befreiung (z.B. in Form demokratischer Schulexperimente) ebenso abgeführt wird, wie in der Idee, revolutionäres Bildungsgut auf klassischem Weg zu vermitteln, ohne das Verhältnis der Vermittlung zu befragen. So wundern wir uns heute nicht mehr über den schalen Beigeschmack, der auch emanzipatorische Bildungsdebatten begleitet: Allzu gut wissen wir, wovon hier die Rede ist oder sein kann, als dass Euphorie aufkäme; viel zu sehr klingen Konzepte von 'Schule Selbstverwaltung' oder 'sein eigenes Curriculum entwickeln' nach dem, was bereits Anfang der 1990er Jahren unter dem Label 'Lebenslanges Lernen' vom 'Roundtable der European Industrials' als gefordertes Persönlichkeitsmerkmal formuliert wurde. Das Pädagogische Verhältnis läuft quer zum einfachen Links-Rechts-Schema, denn zu viele haben Lernerfahrungen mit 'linken LehrerInnen', die unter demokratischem Anspruch ihre eigene Machtposition solange verdecken, bis sie ungebrochen im Akt der Verzweiflung einsetzt, oder mit den 'linken LehrerInnen', die den Akt der Befragung von Herrschaftsverhältnissen im Gestus eines Herrschaftsverhältnisses vermitteln und zu abprüfbarem Wissen machen. In 'Das pädagogische Unverhältnis' geht es genau nicht darum, diese Bemühungen zu verwerfen, zu belächeln oder ihre Kontextgebundenheit zu 'entlarfen', sondern mit und aus den Widersprüchen zu denken und zu handeln ' die LehrerInnenposition in dem Sinn also eher zu stärken als zu schwächen. Sternfeld macht sich daher auf die Suche nach Positionen, die Kritik innerhalb des Verhältnisses entwickeln, ihnen also den Stachel der Unmöglichkeit einpflanzen.
Fündig wird sie bei drei renomierten Männern, Rancière, Gramsci und Foucault, die in diesem Buch ein produktives Ensemble bilden. Die hier verhandelten Probleme kommen aus einer pädagogischen Praxis, die um ihre heimlichen Handlungsspielräume weiß. Mit Rancière kann das pädagogische Verhältnis vom unwissenden Schüler zum unwissenden Lehrmeister radikal umgekehrt gedacht werden: Es eröffnen sich so neue Inspirationen für ein Denken der Gleichheit, das LehrerInnen-SchülerInnenverhältnis wird nun zu einem reziproken ' Wissenshierarchien können so unterwandert und damit eine Verschiebung von der 'Verdummung' hin zur Emanzipation in Kraft gesetzt werden. An der Stelle setzen aber bei Schreiberin wie Leserin Zweifel ein: Zu dyadisch kommt uns das hier beschworene Verhältnis vor, zu sehr hat alleine das Wort 'Lehrmeister' etwas vom großen Meister, der auch durch ein Nichtwissen seine Stellung nicht verliert und lösgelöst von institutionellen Rahmenbedingungen agiert: zu sehr haben wir eine Vorstellung davon, wie fragil die Positionen von LehrerInnen in der Gesellschaft sind, mit wie wenig symbolischen Kapital sie selbst dann ausgestattet sind, wenn sie viel wissen und wie wenig die Struktur der Schule ein anderes Verhältnis denken lässt. Mit Rancière kommen wir hier auch nicht weiter, denn die Institutionalisierung der intellektuellen Emanzipation führe für ihn sofort wieder zur Unterweisung und damit Entmündigung.
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