In der industrialisierten Gesellschaft ließ sich in den vergangenen 200 Jahren eine periodische Konjunkturbewegung nachweisen, die ca. alle 50 Jahre einen Höhepunkt erlebt. Jeder dieser sogenannten Kondratieffzyklen fußt auf einer Basisinnovation, die mit einem gesellschaftlichen Wandel einhergeht. Der erste Zyklus basierte auf der Erfindung der Dampfmaschine, danach kamen Stahl und Eisenbahn, Elektrizität, Petrochemie und Automobil, und seit Ende der 80'er Jahre befinden wir uns im 5. Kondratieffzyklus, dessen Basisinnovation die Kommunikationstechnik ist.
Jeder Kondratieffzyklus brachte spezifische, flächendeckende Logistiknetze mit sich: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand das Eisenbahnnetz, zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Elektrizitätsnetz, danach das Straßennetz und seit einigen Jahren das flächendeckende Kommunikationsnetz. Kommunikationsnetze lassen sich spezifizieren in Telekommunkationsnetze (Standard), lokale und verteilte Computernetzwerke (weitgehend erstellt), das Internet (aktuell in der Entwicklung) und über den technischen Aspekt hinaus gehende Wissensnetze (neu).
Die aktuelle Herausforderung liegt also in der Beherrschung von Wissenslogistik, und das ist das zentrale Thema des Buchs von Roland Bickmann und Jürgen Wilder. Innerhalb des aktuellen Konjunkturzyklus liegt die vorherrschende Innovationsform in der Kombination von Kompetenzen. Das Ziel eines zukunftsorientierten Unternehmens muss nach Bickmann/Wilder darin liegen, eine Fähigkeit zu entwickeln, innovative Lösungen für kundenspezifische Probleme zu finden. Was hier so scheinbar banal klingt, birgt jedoch zwei Elemente, die eine genauere Betrachtung verdienen: Erstens betonen Bickmann/Wilder die Herausbildung einer (dynamsichen) Fähigkeit im Gegensatz zu einem (statischen) Zustand, beispielsweise „Marktführerschaft", zweitens liegt die wertschöpfende Leistung in der nachfrageorientierten Beantwortung kundenindividueller Fragen statt in der Perfektionierung angebotsorientierter Produkte.
Den Schlüssel zum Erfolg sehen Bickmann/Wilder im „Matchmaking": komplexe Bedarfsanforderungen durch Kombination von Kompetenzen und Know-How zu hochwertigen Wertschöpfungsnetzwerken erfüllen. Der Erfolgsfaktor zur Bildung von Wissens- und Wertschöpfungsnetzen ist ein beherrschter Kommunikationsprozess, der im Wesentlichen aus den Komponenten „Kooperation" und „Koordination" besteht.
Die Voraussetzungen für die Beherrschung von Kooperation und Koordination liegen nach Bickmann/Wilder vorrangig in der zentralen Rolle des Menschen als Wissensträger und kreativen Denkers, in der unternehmenskulturellen Identität und in technologischer Unterstützung. Über weite Strecken des Buchs werden Abhängigkeiten zwischen diesen Kernelementen und den angestrebten Erfolgsfaktoren beschrieben: Kooperation basiert auf dem Vertrauen, das eigene Wissen mit dem Wissen der Partner zu kombinieren - Dieses Vertrauen erfordert Klarheit über das eigene Wissen und das Wissen der Partner - Wissen wird stark durch die Unternehmensidentität geprägt - Die Außenwirkung der Unternehmenskultur beeinflusst, wie man von Partnern in Wertschöpfungsnetzwerke eingebunden wird.
Die zentrale Frage des Wissensmanagements als prägendes Element der Unternehmensidentität wird weitgehend humanzentriert beantwortet: Nur der Mensch ist in der Lage, Wissensrohstoffe durch Einordnung in einen sinngebenden Kontext, durch Verknüpfung mit Erfahrung und durch methodische Selektion zu nutzenbringendem Wissen zu „veredeln". Kooperation basiert vor allem auf dem vertrauensvollen Umgang von Menschen miteinander.
Unbeantwortet bleibt hingegen die Frage, wie Wissen übertragen werden kann. Potentielle technologische Ansätze, die in der Praxis gerne an vorderster Front unter dem Label „Wissensmanagement" verkauft werden, werden von Bickmann/Wilder kaum auf Chancen untersucht, sondern mit der Warnung vor dem Anlegen von Datenfriedhöfen in die Schranken gewiesen. Sie gehen sogar so weit, das Trauma der Informationsflut - Information Fatigue Syndrome - zu zitieren; einen Begriff, der unter dem Verdacht steht, ähnlich wie ein Hoax-Virus gar keinen fundierten Inhalt zu haben, sondern nur als Worthülse in der Berichterstattung zu kursieren.
Die eingeschränkte Sicht auf technologische Aspekte des Wissensmanagements ist bedauerlich, denn erst durch den Brückenschlag der Wissensübertragung würde aus dem von Bickmann/Wilder entworfenen Bild, Wissen in Kooperationen einzubringen, ein konsistenter Handlungsleitfaden.
Es ist dem Buch deutlich anzumerken, dass die komplexe Thematik in erster Linie unter dem Aspekt der Herausbildung von Unternehmensidentität zu greifen versucht wird - offenbar Herrn Bickmanns Steckenpferd, dem er ja schon einen eigenen Titel gewidmet hat (Chance Identität: Impulse für das Management von Komplexität). Das ist bis zu einem gewissen Punkt ja auch plausibel: Nur ein Unternehmen, das sich über seine Identität völlig im Klaren ist, kann den eigenen Mitarbeitern den Kontext und das Identifikationsportal für die Herausbildung von unternehmensspezifischem Wissen liefern und den externen Partnern die Schnittstellen für die Einbindung in Wertschöpfungsnetzwerke aufzeigen. Für die klare Herausarbeitung dieses Gedankens ist das Buch lesenswert.
Allerdings bleibt festzuhalten, dass sich das Buch auf die ausführliche Darstellung der menschlichen und unternehmenskulkturellen Voraussetzungen für angewandte Wissenslogistik beschränkt. Was die Methodik der Wissensübertragung angeht - insbesondere die Chancen und konkreten Verwendungsmöglichkeiten technologischer Instrumente - sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen ;-)