Es war schon bei der ersten Auflage nicht die Absicht des Autors, mit dieser Publikation die Bestsellerlisten anzuführen. Dazu hätte es eine Sprache gebraucht, die sich weniger am Stil einer Dissertation orientiert und für Otto Normalverbraucher auch verständlich ist. Aber bei Jan Schmidt habe ich bei der Gesamtbewertung Stilfragen außer Acht gelassen. Denn ich fände es schade, wenn das jemanden davon abhalten könnte, sich mit dem spannenden Inhalt zu beschäftigen. Zudem kenne ich kein populärwissenschaftliches Buch, das sich so gründlich mit den Merkmalen, Praktiken und Folgen des Web 2.0 auseinandersetzt.
Das Inhaltsverzeichnis und die über 30 Seiten starke Literaturliste lassen vermuten, dass Jan Schmidt die Arbeit nicht allein leisten konnte. Und er dankt denn auch gleich im Vorwort seinem Projektteam für die Unterstützung, der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Förderung des Anliegens und dem Hans-Bredow-Institut in Hamburg für die Möglichkeit der Durchführung. Bei der Überarbeitung entschied sich der Autor für einen Mittelweg. Er aktualisierte Zahlen und Daten, passt URLs an, nahm Rückmeldungen von Rezensenten der ersten Auflage auf und widmete sich nochmals den Druckteufelchen.
Unaufgeregt widmet er sich der Frage, wie die Gesellschaft durch das Web verändert wurde und stemmt sich schon früh gegen den inflationären Gebrauch des Wortes "Revolution". Die beste Inhaltsangabe liefert übrigens der Autor selber, indem er im achten Kapitel "Ausblick: Zur Kritik des neuen Netzes" die Kernthesen seines Buches auf jeweils 140 Zeichen komprimiert und damit twittertauglich macht. Ein solches Highlight gibt natürlich denen Rückenwind, die ohnehin der Meinung sind, man müsse Wissenschaftler nur weniger Platz zur Verfügung stellen, wenn ihre Publikationen verständlich sein sollen.
Nach der Einleitung gibt der Autor einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklungen im neuen Netz, beschreibt die Gattungen und Angebote, präsentiert die aktuellste Datenlage zur Verbreitung und Nutzung des Web 2.0, das er eigentlich lieber Social Web genannt haben möchte. Denn schließlich geht's ihm vor allem um die sozialen Beziehungen und nicht primär um die Technik.
Spannender, da für mich neuer, fand ich Jan Schmidts Analyse von Nutzungspraktiken. Und wer sich noch nie Gedanken zu den Regeln, Relationen und Codes gemacht hat, wird die grafischen Darstellungen schätzen. Die drei zentralen Social-Web-Praktiken stellt der Autor im vierten Kapitel vor. Es sind dies: Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagement. Ohne dass sich diese immer sauber auseinanderhalten lassen. Danach stehen persönliche Öffentlichkeit und Privatsphäre im Zentrum von Schmidts Ausführungen. Die Lektüre des fünften Kapitels empfehle ich daher vor allem denen, die sich undifferenziert und oft sehr emotional zur Frage äußern, wo das Recht auf Anonymität seine Grenzen haben soll. Dass die öffentliche Diskussion über den Schutz der Privatsphäre weiterhin notwendig ist, zeigt eine 2009 durchgeführte Evaluation der Plattformen. Ergebnis: Nur acht Betreiber hatten alle Punkte der Selbstverpflichtung umgesetzt.
Im sechsten Kapitel geht es um die Erweiterung professionell hergestellter Öffentlichkeiten und damit auch um Journalismus, politische Kommunikation und Teilhabe. Tagging, Wikipedia und ganz allgemein der Umgang mit Informationen und Wissen sind dann Gegenstand von Schmidts letzten Untersuchungen, bevor er noch einen Ausblick wagt.
Mein Fazit. Jan Schmidt hat Soziologie studiert und sich früh kommunikationssoziologischen Fragen gewidmet. Dass er psychologischen Aspekten des Web 2.0 weitgehend aus dem Wege geht, finde ich zwar schade, aber richtig. Denn fehlt das wissenschaftliche Instrumentarium für eine solche Betrachtungsweise, sind wilden Spekulationen und persönlichen Glaubensvorstellungen Tür und Tor geöffnet. Empfehlen kann ich Jan Schmidts Buch allen, die sich vertieft mit den Folgen des Web 2.0 auf die Gesellschaft und die menschliche Kommunikation auseinandersetzen wollen. Und die sich an einer wissenschaftlichen Sprach nicht stören.