Der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler, Geldsoziologe und Philosoph Aldo Haesler hat ein spannendes Buch geschrieben, dem ein großes Publikum zu gönnen wäre. Das wird allerdings frommer Wunsch bleiben, weil es formal weit weniger überzeugt als inhaltlich. Und es ist Entscheidungsträgern und Meinungsmachern nicht zu verübeln, wenn sie ihre knappe Lesezeit für unterhaltsamere und einfacher zu verstehende Bücher einsetzen.
Wem bereits in der Einleitung Wörter wie diaphan begegnen, muss auf starke Motivatoren zählen können, um die weiteren 200 Seiten in Angriff zu nehmen. Zumal der Autor selber betont, dass man lediglich Fragmente erwarten dürfe und ein methodisches Problem der zu widerlegenden Theorien deren Trivialisierung sei. Doch "das Gute in der Welt" muss nicht zwingend kompliziert dargestellt werden, um wahrgenommen zu werden. Kurz: Ich finde es jammerschade, dass Aldo Haesler dem alten Vorurteil aufgesessen ist, Einfachheit füge einer Botschaft Schaden zu.
Im ersten Kapitel "Immunokratie" wird die These aufgestellt, die Mehrheit der Menschen im Westen wolle einfach in Ruhe gelassen werden und würde daher nach geeigneten Panzerungen suchen. "Die Welt soll doch zugrunde gehen, solange sie mich in Ruhe lässt, ist mir das egal und sogar mehr als egal; denn es ist eine Sehnsucht, der es auch egal ist, paradox, ja widersprüchlich zu sein." Da solche Behauptungen nach Kulturpessimisten duften, brauchte es schon mein langjähriges Interesse am Thema Geld, um Aldo Haesler die verdiente Aufmerksamkeit weiter zu schenken.
Das Geld zu denken, sei eine verteufelt schwierige Sache, sagt der Autor. Aber die meisten Leser würden sich nicht dagegen wehren, wenn nach dieser Aussage keine Sätze folgen würden wie: "Das Geld denken heißt irgendwo das Denken denken - bei all der Vagheit des Irgendwo; doch als Materialisierung des Denkens ist Geld auch anders fassbar. Der performative Widerspruch (gegen Geld anzudenken, mit einem Denken, das geldgeprägt ist) darf sich nicht als Denkverbot ausbreiten."
Besser mit dem Inhalt kam ich zurecht, nachdem ich die Leseanleitung des Autors befolgte. Denn die lautet: "Am besten ist es wohl, dass man eine Kreuzlektüre macht: man nimmt sich gewisse Kapitel vor, ganz nach Laune und Geschmack, und beginnt mit dem einen, mal mit dem anderen. Es kann also vorkommen, dass man ganze Kapitel auslässt, andere mehrmals liest." Zur Auswahl stehen zum Beispiel: In der Angstgesellschaft - Die Befreiung von der Sorge - Über die vier Ursprünge des Geldes und seine Bedeutungen - Globalkrise - Produktion oder Zirkulation? - Die Welt auf 85x54 Millimetern - Das Symbol, das alles Vereinte trennt und alles Getrennte vereint - Globalkrise und Gleichgültigkeit - Geldbefreiung ästhetisch - Geld und Geist - Geld oder Geist, ist das so einfach zu haben? - Der Geldpanzer - Geldbefreiung moralisch - Das moderne Geld - Vom Erzeugen der Seifenblasen - Prometheus und Faust - Geldbefreiung materiell und Geldbefreiung quantitativ.
Mein Fazit: Aldo Haesler zeigt unser Zahlungsmittel tatsächlich von völlig neuen Seiten. Doch wer diese kennenlernen will, sollte die vom Autor empfohlene Lesehaltung übernehmen und dem inhaltlichen Geschehen nach Lust und Laune folgen. Fünf Sterne für den Inhalt, knapp drei für die Form.