Kay Scarpetta, oberste Gerichtsmedizinerin des Staats Virginia, ist den Fängen des Serienmörders Chardonne entkommen, leidet an posttraumatischem Stress, der noch schlimmer wird, als sie eines Mordes verdächtigt wird, der bis dahin Chardonne angelastet wurde. Bei der Untersuchung dreier neuer Morde entdeckt Kay Verbindungen zu Chardonne und zu Menschen in ihrem Umfeld. Bald weiss sie nicht mehr, wer Freund und wer Feind ist, und gerät immer weiter in den Strudel der alten und neuen Morde.
Ich habe schon mehrere Scarpetta-Romane gelesen, stürzte mich auf dieses Buch - und war völlig verwirrt. Erst nach den ersten 50 Seiten kam ich dahinter, dass dies eine Fortsetzungsgeschichte war, von der ich den ersten Band offenbar übersehen hatte, und den ich mir nun zusammenreimen durfte.
Dass Kay den Angriff Chardonnes nicht unbeschadet übersteht, ist klar. Aber dass seitenweise allein ihr Gefühlsleben im Vordergund steht, und dabei auch verdrängte Erinnerungen und Gefühle hervorgeholt werden, die sich auf wie viele Romane zuvor beziehen, entspricht nicht den Erwartungen, die ich an Gerichtsmediziner-Krimis habe. Die Obduktionen an drei Leichen, die die vom Beruf zurückgetretene Kay z.T. nicht einmal selbst durchführt, bringen zwar den Fall zur Lösung, aber sie stehen nicht im Zentrum der Ermittlungen. Der/die Fälle selbst erscheinen auch sehr konstruiert und irritierend; zuviele Leute mischen mit, die ein bißchen oder ein bißchen mehr oder viel mehr mit dem Fall zu tun haben. Auch bleiben einige lose Enden übrig.
Ohne zuviel verraten zu wollen, führt doch dieses Buch das vorangegangene ad absurdum, weil sich die dort gezeigte Ermittlung und Lösung als unvollständig, wenn nicht zum Teil falsch erweisen, und das ist dem andern Buch gegenüber nicht fair.
Dieses Buch als ersten Kay-Scarpetta-Roman zu lesen, davon ist abzuraten. Um hier wirklich mitzukommen, braucht man das Wissen, wer z.B. Benton ist, warum sich Marino so flegenhaft benehmen darf und was Lucy in der Vergangenheit alles getrieben hat. Die Autorin tut sich selbst keinen Gefallen, wenn sie bei einem Roman (auch wenn es eine Romanserie ist) voraussetzt, dass ein Leser auch die vorangegangenen Bücher kennt; sie könnte potenzielle Fans abschrecken. Es ist wohl jedem schon passiert, dass er durch das zufällige Lesen eines Romans begierig auf andere Bücher des Autors wurde. Bei diesem Roman ist das eher zweifelhaft.