Aus der Amazon.de-Redaktion
Petra Hammesfahr ist eine Krimi-Autorin, die der erfolgreichen schwedischen Thriller-Liga absolut Paroli bieten kann. Ihre Bücher erreichen Millionenauflagen und der aktuelle 400-Seiten-Roman wird diesen Trend sicher untermauern. Raffiniert ausgeklügelt, immer von Kapitel zu Kapitel von der einen auf die andere Seite des Geschehens springend, bis sich irgendwann, spät, nach unendlich viel Spannung, die Dinge fügen und ein Bild ergeben: endlich aufatmen!
"Er legte keinen Wert auf Stöhnen, Schreien oder Betteln um das Leben... wollte nur totale Macht, absolute Vernichtung, sich durch nichts und niemanden ablenken oder stören lassen, nicht einmal vom Opfer selbst." Das Täterprofil spricht Bände. Aber wer ist es? Und warum gibt es eine Lücke, 1990, in dem Jahr als Karen mit ihrem Wagen einen Fahrradfahrer tödlich verletzt? Andeutungen, Vermutungen. Aber alles kommt anders.
Manchmal macht es einen wahnsinnig: Petra Hammesfahrs Sätze und Gedanken sind nichts für Ungeduldige, viel zu ruhig, zu gleitend, anteilnahmslos, da erstattet jemand Bericht. Keine reißerischen Beschreibungen, keine plakativen Szenarien, keine anheizenden Dialoge. Dafür stetig, beharrlich und logisch konsequent bis ins letzte Detail. Feinarbeit, die sich bezahlt macht. Zwischen den Zeilen droht derweil die Spannung zu platzen und mit zunehmender Seitenzahl wächst die Diskrepanz zwischen äußerem, ruhigem Erzählton und der inneren Neugierde. Bei diesen Ermittlungen dabei zu sein, das ist wie eine Einladung, der man unbedingt Folge leisten sollte. --Barbara Wegmann -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Audiobook-Rezensionen
Das letzte Opfer ist ein Krimi, der nicht zuletzt durch seinen kühlen, sachlich-nüchternen Stil auffällt. Es geht um einen Serienmörder. Er tötet vermutlich alle zwei Jahre, am 14. September, Frauen und lässt die Leichen verschwinden. Drei tote Frauen wurden gefunden, fünf weitere werden vermisst. Soweit der große Rahmen. In ihm spielt Thomas Scheib eine wichtige Rolle. Er ist Fallanalytiker beim BKA und sucht besessen nach diesem Mörder. In einem kleineren Rahmen ist der 14. September 1990, für den es weder eine Tote noch eine Vermisste gibt, auch ein wichtiges Datum. An dem Tag hatte die 18-jährige Karen Stichler einen Mann auf seinem Fahrrad tot gefahren. Karen ist seit diesem Tag psychisch gezeichnet und hat in traumatischer Verdrängung niemals die Erinnerung an diese Stunden wiedergefunden. Der einzige Zeuge des Unfalls, Marco Stichler, heiratet sie kurz darauf und richtet sich mit ihr in sicheren, kleinbürgerlichen Verhältnissen ein.
Was erst klingt, als hätte es nichts miteinander zu tun, entwickelt sich mehr und mehr zu einem Nervenkitzel. Irgendwann ist klar, dass entweder der Bruder Norbert, der immer im September alleine in Urlaub fährt, oder der eigene liebevolle Ehemann und verantwortungsvolle Vater ein Serienmörder ist. Nach und nach kommt Karens Gedächtnis den 14. September betreffend wieder zurück. Aber es tauchen auch Überlegungen und Erinnerungen auf, die sie lieber nicht hätte. Die perfide Gewissheit, dass sie von ihrem Mann bewusst in Unwissenheit über den Tag und vieles mehr gehalten wird, macht sich auch gegen ihren Widerstand immer breiter.
Die Suche nach dem Serienmörder und nach der eigenen Erinnerung liest Ulrich Pleitgen. Der renommierte Theaterschauspieler widmete sich seit 1990 verstärkt Film und Fernsehen. Sachlich und distanziert klingt seine Stimme, wenn er aus den Perspektiven Karens und des Sonderermittlers spricht. Trotzdem oder gerade deswegen hält er die subtile Spannung von Anfang bis zum Ende. Schon der Einstieg jagt einem Schauer den Rücken herunter. Doch es kommt alles noch viel, viel härter: Die Abgründe, die sich hinter der Fassade des Frauenmörders und seines letzten Opfers verbergen, strapazieren die Nerven des Hörers bis aufs Letzte. Lesung, Spieldauer: ca. 285 Minuten, 3 MC. Auch als CD erhältlich. -- culture.text -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Das letzte Opfer von Petra Hammesfahr. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Schauspielerin wollte sie werden, seit sie zum ersten Mal auf einer Bühne gestanden hatte. Da war sie fünf, und es war keine richtige Bühne, nur ein mit Tannengrün geschmücktes Podest, aber ein ziemlich großes. Bei einer Weihnachtsfeier im Kindergarten war sie die Maria. Der Pfarrer saß dabei und fand das Krippenspiel so gelungen, dass er es unbedingt noch einmal aufführen lassen wollte. Die Wiederholung fand vor dem Altar in der Kirche statt und vor vollen Bänken. Die Leute waren zu Tränen gerührt, ihre Eltern ebenso wie alle anderen.
Stolz waren Christa und Karlheinz Dierden beim ersten großen Auftritt ihrer kleinen Tochter. So ein kluges Kind, das sagten alle, begann mit vier Jahren zu lesen. Im Kindergarten bezeichneten sie es als außergewöhnlich, schaute ihrem Bruder ein paar Mal bei den Schulaufgaben zu und merkte sich jedes Wort. Dabei war ihr Bruder zehn Jahre älter als sie und ging zu der Zeit aufs Gymnasium, allerdings nicht mehr lange. Norbert war schon einmal sitzen geblieben. Und als es dann wieder so aussah, dass er die Versetzung nicht schaffen würde, schickte Christa Dierden ihn lieber zurück auf die Hauptschule und setzte ihre gesamte Hoffnung auf die kleine Tochter. Alle prophezeiten Karen eine großartige Zukunft. Und ihre Mutter stellte sich vor, dass dieses Kind all das erreichte, wozu es bei ihr selbst nicht gelangt hatte. Abitur, Studium und ein Doktortitel. Die erste Akademikerin in der Familie: Frau Doktor Karen Dierden.
Christa war gelernte Friseuse, Karlheinz im Baugewerbe tätig. Er war viel auf Montage, einmal sogar für ein halbes Jahr in einem arabischen Emirat. Normalerweise erfuhr er nur übers Telefon, was die Kinder so trieben. Aber zu Weihnachten war er natürlich daheim, konnte sich das Krippenspiel mit eigenen Augen anschauen und feststellen, dass seine Frau nicht übertrieb und Karen wirklich beachtliche Leistungen erbrachte. Eine Menge Text für ein fünfjähriges Mädchen. Sie sprach bei der zweiten Aufführung in der Kirche nicht nur ihre Rolle, auch den Josef, weil der zu schüchtern war und sich vor vollen Bänken nicht traute, den Mund aufzumachen. Sie machte das sehr geschickt, drehte das Gesicht zur Seite und senkte den Kopf tiefer über die Krippe, damit niemand sah, dass sie die Lippen bewegte. Sogar ihre Tonlage veränderte sie ein wenig. Und als der Engel des Herrn, der die Hirten zur Krippe führen sollte, vergaß, was er zu sagen hatte, half sie ihm auch noch aus der Klemme.
Es fiel natürlich trotz aller Mühe auf, die Leute applaudierten minutenlang. Der Pfarrer lobte sie. Ihr Vater sagte auf dem Heimweg mindestens fünfmal: "Das hast du wirklich sehr gut gemacht."
Von da an wollte sie es eben nur noch sehr gut machen. An Norberts Schulaufgaben war sie nicht länger interessiert. Ihre Mutter hatte gehofft, dass sie ihre Aufmerksamkeit auch einmal auf Zahlen richtete und mindestens bis fünfzig zählen könne, wenn sie eingeschult wurde. Das war leider nicht der Fall.
Andere in ihrem Alter tobten auf Spielplätzen oder beschäftigten sich mit Puppen. Sie trug zwei Küchenstühle hinaus auf den Balkon der elterlichen Mietwohnung. Damals lebten sie noch in Köln-Porz, Platz für mehr als zwei Stühle war auf dem Balkon nicht. Auf einen setzte sie ihren Teddy, auf den anderen einen Plüschhasen. Dann zog sie ihre Puppe aus, hüllte sie in ein Handtuch und legte sie in den Blumenkübel, in dem während des Sommers Geranien geblüht hatten. Im Winter war der Kübel leer. Sie legte sich eine Bettdecke um die Schultern und spielte das Stück in allen nur denkbaren Variationen. Glücklicherweise im siebten Stock, sodass kaum jemand Notiz davon nahm. Trotzdem sagte ihre Mutter alle paar Minuten: "Jetzt komm rein, ist doch viel zu kalt draußen." Ihr war die Sache peinlich. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.