Es gibt Bücher, die einen in eine andere Welt entführen, in die man während des Lebens fast vollständig eintaucht und die einen auch noch lange, nachdem man das buch zugeklappt hat, nicht loslässt. "Das lange Lied eines Lebens" ist so ein Buch.
Von einer alten Dame werden wir mitgenommen in das Jamaika zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in die Zeit der Sklaverei. Sie erzählt uns die Geschichte von July, der Tochter einer Sklavin und eines Aufsehers - IHRE Geschichte. Sie wächst in einem Sklavendorf auf und wird eines Tages von der Schwester des Plantagenbesitzers mit in das Herrenhaus genommen, wo sie fortaa als Haussklavin arbeiten sollte.
July, die von ihrer Missus nur "Marguerite" genannt wird, erlebt den Alltag in Sklaverei, aber auch die Sklavenbefreiung und die daraus resultierenden Probleme für die Plantagenbesitzer aber auch für die Sklaven selbst. (Zum Inhalt selbst möchte in an dieser Stelle gar nicht viel mehr sagen, um der Geschichte selbst nicht all zu viel vorwegzunehmen.)
July ist ein liebenswertes Mädchen, wenn auch zuweilen etwas naiv. Ganz im Gegensatz zu der älteren July, der Erzählerin - obwohl es die gleiche Person ist - denn sie reflektiert die Geschehnisse sehr weitsichtig, einfühlsam und klug. Genau das macht auch den Lebenswandel der Person deutlich. Der Kontrast, der dadurch entsteht, wie sich die Art zu Leben auf Sprache, Intelligenz und Selbstvertrauen auswirkt, zeichnet dieser Roman sehr gut ab.
Unterbrochen werden die Erzählungen immer wieder von der alten July, die in dem Roman als Erzählerin auftritt, und ihrem Sohn, einem Verleger, der die Geschichte publizieren möchte. Sie greifen in die Geschichte erklärend ein, stellen Dinge "richtig", die der jeweils andere "falsch" dargestellt hat - beide, so scheint es, verbünden sich mit dem Leser. Diese direkte Ansprache vermittelt dem Leser den Eindruck, als säße man bei der alten Dame und ihrem Sohn am Küchentisch und lausche ihren Ausführungen.
Das Buch bekommt dadurch eine sehr persönliche und intime Note, zudem wirkt die Geschichte dadurch unheimlich lebendig und authentisch.
"Das lange Lied eines Lebens" ist kein Frauenroman, auch keine Liebesgeschichte, es ist ein gesellschaftskritischer Roman, der anhand einer Lebensgeschichte die Umstände aufzeigt, zu denen die Sklaven in der Zeit vor und nach der Sklavenbefreiung auf Jamaika gelebt haben. Der Roman gibt aber auch Einblick in das Leben der Plantagenbesitzer, der europäischen Einwanderer und ihrer Lebensart. Er zeichnet ein sehr umfassendes und realistisches Gesellschaftsbild jener Zeit. Die Autorin selbst sagt, dieser Roman sei ein Tribute an all die Menschen, die in Sklaverei gelebt haben. Und ich finde, mit diesem Roman hat Frau Levy diesen Menschen wirklich ein sehr schönes und einfühlsames Andenken hinterlassen.
Die Geschichte hat mir sehr berührt und auch nicht losgelassen, nachdem ich das Buch schon beendet hatte.