Als alter Vanderbeke-Fan bin ich nicht an diesem neuen Buch von ihr vorbeigekommen, als ich es im Buchladen liegen sah. Und - was soll ich sagen: es hat sich auf jeden Fall für mich gelohnt. In bekannter Vanderbeke-Manier wird leise Gesellschaftskritik mit vielen ironischen Seitenhieben in eine kleine, nette Erzählung verpackt. Zeitgeschichtliche Hintergründe bzw. Themen sind dabei 70er/ 80er Jahre, Mauerfall, Golfkrieg und Ausländerfeindlichkeit.
Die Ich-Erzählerin (Tochter aus bildungsbürgerlichem Hause - Vater: Big Boss; Mutter: hat genügend Personal für die Hausarbeit) heiratet einen Handwerker, sehr zum Missfallen der Eltern, die ihr ab diesem Zeitpunkt jegliche moralische und finanzielle Unterstützung versagen. Ihr Ehemann Adam Czupek ist ein Mann der Tat. Er hat ein Händchen für alte Dinge und macht was Neues draus. Warum etwas kaufen, wenn man es doch vom Sperrmüll holen und reparieren kann? Die Ich-Erzählerin ist Linguistin und bekommt zwei Kinder: Anatol und Magali. Als Magali acht Wochen alt ist, kommt die Wohnungskündigung und zunächst weiß die junge Familie nun nicht wohin.
Doch die langjährige Freundin Fritzi erbt ein Haus in Ilmenstett und braucht noch einen Mann für's Grobe. Da passt es doch hervorragend, dass Adam Zeit hat und die junge Familie außerdem ein Dach über dem Kopf findet. Der einzige Haken an der Sache: Ilmenstett ist jottwehdeh.
Dass der Nachbar nebenan - Bauer Holzapfel, dem die Frau vor Jahren weggestorben ist, kurz vor dem wirtschaftlichen Aus steht, ist der zweite Teil der Geschichte. Und wie es dazu kommt, dass eine alte Schmiede, eine Bienenzucht und eine Hühnerschlachtanlage reaktiviert werden, das erzählt Birgit Vanderbeke auf 146 Seiten in diesem schnell zu lesenden Büchlein.
Ich habe mal gehört: die Vanderbeke mag man entweder, oder man mag sie nicht. Ich mag ihren Stil und lese ihre Bücher gerne. Auch dieses hier hat mir sehr gut gefallen, ich war schnell in der Geschichte drin und ich mochte sie: den Traum vom einfachen Leben auf dem Lande ... den Traum einer heile-Welt-Idylle ... Öko-Spinner auf der Streuobstwiese. Auch konnte ich mich schnell in die Figuren hineinfinden und hatte den Eindruck, dass Frau Vanderbeke diese Geschichte selbst ein Stück weit erlebt hat. Nach
Das Muschelessen,
Ich sehe was, was du nicht siehst,
Geld oder Leben,
Abgehängt,
Die sonderbare Karriere der Frau Choi und
Schmeckt's?: Kochen ohne Tabu ist dies das siebente Buch, das ich von der Autorin gelesen habe.
Die Geschichte hatte ich vorgestern begonnen und gestern ausgelesen. Man kann sie aber sicherlich auch in einem Rutsch durchlesen, denn sie liest sich leicht. Die Anzahl der beteiligten Personen bleibt überschaubar. Ich musste über das Geschehen öfters schmunzeln und manche Szenen erfüllten mich mit echter Freude. Ich kann sie allen Vanderbeke-Fans und solchen, die es noch werden wollen, wärmstens empfehlen. Von mir fünf Punkte.