Latinos in Amerika bilden den Plot zu dieser mit ungeheurer Wucht erzählten Familiengeschichte.
Mit vehementer Sprachgewalt überschlägt sich die Erzählung teilweise selbst. Einsprengsel des Spanischen,--die man im Anhang nachlesen kann,--- im Wechsel mit größeren Fußnoten bringen das Leben der Protagonisten in feurigen und fantastischen Sequenzen zum Glühen.
Worum geht es?
Nerd Oscar ist der Held, aus dessen Lebenserfahrungen, Sehnsüchten und enttäuschten Hoffnungen die Geschichte zu Beginn zusammengefügt wird. Ihn und seine Schwester Lola, beide farbige Latinos, treibt das Leben um. Sie suchen von Zeit zu Zeit in ihrer ursprünglichen Heimat, da, wo sie ihre Wurzeln haben, in der Dominikanischen Republik, Zuflucht. Dorthin folgen wir der Mutter der beiden auf einer Reise in die Vergangenheit. Hypatia Belicia Cabral, kurz Beli genannt, überlebte im Gegensatz zu Eltern und Schwestern die turbulenten Zeiten Trujillos, des Diktators und korrupten Herrschers über die Insel. In einen Wirbel aus Schicksalsschlägen, Temperament, Abenteuerlust, Schikane und sinnlichen Freuden hat sich Beli verfangen, als sie schließlich nach New York fliehen muss. Dort findet sie ihren Taugenichts von Ehemann und bringt ihre beiden Kinder Lola und Oscar zur Welt.
Die beiden gehen zur Schule, haben Freunde und bereiten sich aufs College vor. Lola, die ältere Schwester, ist die fürsorgliche Betreuerin Oscars, der auf eine tölpelhafte Weise nie so recht Fuß fassen kann im richtigen Leben. Sein Innenleben ist prall voll mit Gedanken über sich und die Welt. Er erlebt seine Freunde und die Schwester mit ersten und immer neuen Liebeserlebnissen,--ihm aber bleiben sie versagt! Alle Versuche, sich durch Sport vom überflüssigen Körperfett zu befreien, scheitern an seinem mangelnden Durchhaltevermögen. Dann trifft er Ana! Und er ist selig, beglückt und träumt von ihr,---- bis er bemerkt, dass er nur ein Kumpel für sie ist, ein Seelentröster und Freund. Sie erzählt ihm alles, auch ihre unglückliche Liebe zu Manny, der sie quält! Er jedoch bleibt mit seiner Liebe zu ihr alleine, unglücklich, selbstironisch und verzweifelt.
Wie ein roter Faden zieht sich sein Liebesverlangen durch die Erzählung.
Der Autor erzählt in einem unglaublichen Tempo, und er befleißigt sich durchgängig eines witzig- ironischen Tonfalls.
Von Farbigen und ihrem Schicksal als Außenseiter handelt die Geschichte, die aus unterschiedlichen Perspektiven belichtet wird. Darüber hinaus gerät die Atmosphäre der Benachteiligten in den Fokus, und man versteht, wie es um die Entrechteten in einer Gesellschaft bestellt ist. Nur wenigen gelingt der Aufstieg aus dem Ghetto ins College zu höherer Bildung und zu gehobenem Lebensstatus. Oscar aber, der sensible, liebesbedürftige und schüchterne Held bleibt im Mittelpunkt des Interesses. Er ist ein ganz ungewöhnlicher Kerl. Seine Feinfühligkeit hat Klasse, und mit seinem Sinn für das Absurde schärft er den Blick auf sein Umfeld. Er beobachtet genau, ist selbstmitleidig und manchmal wütend, ---und er kann schreiben!
Sein Wohlergehen und seine Misserfolge bieten die Rahmenhandlung, innerhalb derer es um heiße Liebe, Collegeleben, Schicksale einzelner und ein buntes Panorama amerikanischen und dominikanischen Gesellschaftslebens geht. Die Geschichte ist geistreich, zeugt von tiefgründiger Menschenkenntnis und steuert zielsicher auf ein zugleich tragisches wie glückliches Ende zu.
Das Buch ist so spannend geschrieben, dass man sich keine Minute von der Lektüre trennen möchte.
Junot Diaz, der selbst aus der Dominikanischen Republik stammt, erhielt 2008 den Pulitzerpreis für diesen Roman.