Manche Bücher verschlingt man einfach (auch die sogenannte hohe Literatur), manche Bücher brauchen etwas mehr Zeit und viel Konzentration, um sie erfassen zu können und da gibt es noch die Extremfälle. Onettis "Das kurze Leben" gehört für mich in die letztere Kategorie. Der Autor macht es dem Leser von Beginn an nicht leicht. Schon die Geschichte an sich ist verwirrend genug.
Juan Maria Brausen steckt in einer Lebenskrise, er ist 40, das Leben scheint für ihn keine Überraschungen mehr zu beinhalten, er sieht im langweiligen Lebens - und Ehealltag keinen Sinn mehr und sucht mit zunehmender Verzweiflung einen Fluchtweg. Schließlich beginnt er, ein Drehbuch zu schreiben, erfindet einen Doppelgänger, der alles tut, was Brausen selbst nicht wagt und ein Leben voller Prostituierten, Kriminalität und Drogen führt. Brausen selbst wird immer mehr von seiner Figur angezogen, beginnt selbst dessen Leben zu führen und verliert sich langsam zwischen der frustrierenden Realität und seiner faszinierenden Fiktion, bis weder Figur noch Leser mehr zwischen wahr (was in einem Roman auch immer "wahr" sein mag) und falsch unterscheiden können.
Auf den ersten Blick eine spannende Geschichte über das Verschwimmem verschiedener Realitätsebenen, wenn man das Buch zu lesen beginnt, wird man auch sofort in die Welt der fitkiven Stadt Santa Maria hineingezogen und nimmt fasziniert teil am Verwirrspiel des Juan Maria Brausen. Doch Onetti macht es mit zunehmender Dauer seinen Lesern immer schwerer, bombardiert ihm mit Abschweifungen und Metaphern, bis man selbst keinen Anhaltspunkt mehr hat, welche Figur gerade spricht, denkt oder handelt, unweigerlich schweift man als Leser selbst immer wieder ab, um über das gerade Gelesene nachzudenken, um plötzlich wieder mit einer völlig anderen Situation konfrontiert zu werden.
Die zum Teil vernichtenden Kritiken hier kann ich gut verstehen, jedoch nicht ganz nachvollziehen. "Das kurze Leben" ist ein wirklich extrem schwierig zu lesendes Buch, dessen Zauber und Faszination sich nicht beim ersten Mal offenbart und den Leser nach dem Ende in eine ziemliche Ratlosigkeit entläßt.
Das mag frustrierend sein, spornt zumindest mich jedoch an, es ein weiteres Mal mit "Das kurze Leben" zu versuchen und vielleicht nach mehrmaligem Lesen den Geheimnissen dieses Romans auf die Spur zu kommen.
Wie sagt Gustav Seibt auf dem Schutzumschlag: "Ein zu wenig gelesener Autor."
Ich werde ihn wieder lesen.
Irgendwann.
Versprochen.