"Das kooperative Gen" ist also nun als Taschenbuch erschienen. Das Buch ist durch einige Veränderungen (z. B. Details in den Anhang) tatsächlich etwas leichter lesbar geworden. Am drögen Inhalt hat sich dadurch aber nichts geändert. Auch wenn seine Apologeten dies nicht wahrhaben wollen: Bauer hat grundlegende Mechanismen der Evolution einfach nicht verstanden (und das unterscheidet ihn von Autoren wie Jablonka und Lamb). So findet man auch in der Taschenbuchversion immer noch völlig unreflektiert Sätze wie (S.121/122): "Die Annahme, Zufallsmutationen hätten aus einem einzelligen Lebewesen einen vielzelligen, vermehrungsfähigen Organismen entstehen lassen können, gleicht der Erwartung, es bilde sich - nach dem Zufallsprinzip - schliesslich ein Wolkenkratzer, wenn man die dazu notwendigen Komponenten nur oft genug auf einen Haufen schütte". Was soll man denn von einem Menschen erwarten, der nicht einmal verstanden hat, dass so Selektion nicht funktioniert (nebenbei: dies ist das Lieblingsargument der Kreationisten; mag wohl sein, dass Bauer mit diesen nicht gerne in einen Topf geworfen werden möchte; aber dann hätte er einfach seinen "Dawkins" mal etwas genauer lesen sollen). Dies ist kein Einzelbeispiel. Ähnliche Klöpse und Unkorrektheiten finden sich an allen möglichen Stellen des Buches (z. B. vernimmt man auf S.184 mit Erstaunen Bauers seltsame, etwas an eine Märchenwelt erinnernde Definition der Selektion), und ich habe auch in meiner Rezension zur gebundenen Ausgabe bereits auf einige verwiesen. Da kann man eigentlich nur sagen: Evolutionslehre: 6! Setzen!
Auch wenn es bedauerlich ist, dass der Autor von dem Gebiet, über das er schreibt (und das er zu revolutionieren vorgibt), so gar keine Ahnung hat, spricht natürlich nichts dagegen, dass er seine These - die eine biologischen Organismen inhärente Fähigkeit zur kreativen Veränderung ihres Genoms postuliert - zur Diskussion stellt. Wie bei jeder wissenschaftlichen These sollten (im korrekten Falle) die Fakten über "richtig" oder "falsch" entscheiden. Hier hat Bauer allerdings noch einiges an Erklärungsbedarf. Man würde sich beispielsweise - statt diffuser mechanistischer Theorien - über ein paar experimentelle Befunde freuen, z. B. dahingehend, dass die Aktivität von Transposons das Genom - und insbesondere das von Keimzellen - tatsächlich in statistisch vorteilhafter Weise verändert. Auch bleibt der Autor bislang die Antwort auf die Frage schuldig, wie denn diese "inhärente Kreativität des Genoms" einst entstanden sein soll. Hat sie sich durch natürliche Selektion entwickelt (die Bauer ja ablehnt)? Oder ist sie selbst wieder das Resultat eines "kreativen" Prozesses? (Der dann naheliegende Folgegedanke, dass damit der "göttliche Funke" ja auch nicht mehr fern liegt, würde sicherlich den sofortigen Bannstrahl der Bauer-Apologeten nach sich ziehen). Es bleibt hier für Herrn Bauer also noch einiges zu tun. Auf korrekter, d.h. unverfälschter, Grundlage (siehe oben), bin ich jedoch - und das gilt sicherlich für jede an der Materie ehrlich interessierte Person - für eine Diskussion jederzeit offen.
Ärgerlich stimmt einen dann jedoch noch eine weitere Änderung in der Taschenbuch-Ausgabe. In dieser wurde der reisserischen Untertitel der gebundenen Ausgabe, "Abschied vom Darwinismus", durch das weniger reisserische "Evolution als kreativer Prozess" ersetzt. Das wäre zu begrüssen, zeugte es von einer Einsicht des Autors, sich mit der ersteren Aussage vielleicht doch etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt zu haben. Dagegen spricht jedoch die absurde Begründung: Der "böse" Haeckel soll an allem schuld sein (inklusive der Nazis), weil durch ihn der Begriff "Darwinismus" so sehr in Misskredit gebracht worden sei. Ich kann mir nicht helfen: Wenn jemand ständig den angeblichen Dogmatismus anderer betonen muss, wie Bauer dies im Exzess tut, dann riecht das für mich sehr nach Ablenkung von den eigenen Schwächen. In Wirklichkeit hat jede Person, die etwas von der Materie versteht - ob Laie oder Wissenschaftler -, sehr zu Recht den Sinn des ursprünglichen Untertitels als "Abschied von der Selektionstheorie" verstanden. Denn um nichts anderes geht es ja schliesslich in Bauers Buch. Dass dieser nicht den Mut aufbringt, sich dazu zu bekennen, und sich stattdessen hinter dem Feigenblatt "Dogmatismus der anderen" versteckt, finde ich mindestens unaufrichtig.