Harald Welzer bündelt in diesem Buch die neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung, speziell zum Thema Gedächtnis - und die sind hochinteressant! Sehr viele herkömmlichen Vorstellungen dazu, wie wir etwas erinnern, werden in dem Buch hinterfragt oder sogar widerlegt. Es ist ein Buch, welches allerdings sprachlich und von den Inhalten her einiges vom Leser verlangt, insofern muss man diejenigen warnen, die einfach ein interessantes populärwisschaftliches Buch zum Thema erwartet haben, welches man nebenbei am Strand lesen kann (was absolut nicht negativ gemeint sein soll!). Hätte man eine noch breitere Leserschaft ansprechen wollen, so hätten die letzten Kapitel, die z.B. durch ausführliche Beispiele wesentlich anschaulicher gestaltet sind als der erste Teil des Buches, der den theoretischen Hintergrund bietet, noch ausgebaut werden müssen. Das ist der einzige "Vorwurf", den ich dem Autor mache: Anschaulichkeit muss immer möglich sein, auch wenn die Inhalte sehr kompliziert erscheinen - nicht immer ist dieser Ansatz in diesem Buch zu finden. Ansonsten ist dies ist eher ein Buch z.B. für Studierende, die sich einen Forschungseinblick verschaffen wollen (der ausführliche und gut geordnete Anhang erlaubt dies), für Historiker, die erfahren wollen, wie glaubwürdig mündliche Quellen sein können oder für Menschen, die sich beruflich mit dem Thema beschäftigen (z.B. Lehrer/Sprachwissenschaftler/Kulturwissenschaftler).
Es ist ein Buch, welches man langsam lesen muss, welches man bisweilen erneut lesen muss, welches man sacken lassen muss. Und es bringt einen zum Nachdenken über die eigenen Erinnerungen. Was daran ist eigentlich "wahr", wie interpretiere ich mich und mein Leben selber, wem und wessen Erinnerungen kann ich "trauen". Mit einem Wort: Wirklich was zum Grübeln, nicht immer einfach, manchmal ein wenig ermüdend, insgesamt aber hochinteressant und den "Leseaufwand" wert!