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Chaotisch und dunkel muss es auch aussehen in Michael Fabers Seele, denn er hat ein Buch geschrieben, dass so schaurig-schön ist, dass es einem die Gänsehaut über den Rücken laufen lässt. Es handelt von Sugar, vornehm ausgedrückt: einer Prostituierten, die sich seit ihrem 13. Lebensjahr vor dem Sperma ihrer Freier ekelt. Dann lernt Sugar den ebenso wohlhabenden wie naiven Fabrikantensohn William Rackham kennen, der ihr ein Leben in Luxus bietet, wenn sie ihrem Hurendasein entsagen will und ganz für ihn dazusein verspricht. Sugar sagt zu, da sie die Chance ihres Lebens wittert, merkt aber bald, dass sie in diesem goldenen Käfig nicht glücklich werden kann.
Drastisch schildert Faber das Leben Sugars im viktorianischen London, mit viel Sinn für opulente Beschreibungen und sozialkritische Details. Als neuen Dickens hat man ihn deshalb gefeiert, als das englische Original des Buches herauskam, was keinem der beiden Autoren gerecht werden kann. Denn Das karmesinrote Blütenblatt ist kein David Copperfield, sondern einfach nur ein dicker, spannender, schwelgerischer Schmöker aus dem dunklen doppelmoralischen englischen Zwischenreich. Und das ist mehr, als man von vielen anderen Romanen sagen kann. --Stefan Kellerer -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Bis hierher klingt es noch nicht besonders ungewöhnlich, doch der Stil Fabers trägt viel zum hohen Unterhaltungswert der langen Geschichte bei, die aufgrund ihrer Länge doch nie an Anziehungskraft verliert. Ironische Kommentare und vertraulich dem Leser ins Ohr geflüsterte Hintergrundinformationen zu den Personen, die er begleiten darf, machen den Roman so erfrischend anders. Mit dazu bei tragen außerdem die wenigen Hauptfiguren, die es aber alle in sich haben. Da sind neben Sugar und ihrem Gönner, dem anfangs erfolglosen Parfümfabrikanten William Rackham noch dessen Bruder Henry, die Seelenretterin Emmeline Fox und vor allem Williams Frau Agnes.
Ihr Schicksal ist mehr oder weniger miteinander verbunden und wird im Verlauf der Handlung weiter erzählt. Und das alles in einer nicht langweilig werdenden, manchmal blumigen und phantasievollen Erzählweise, die dem dicken Wälzer größere Längen erspart. Und so erhält man Einblick sowohl in die vornehme Gesellschaft Londons mit ihrer Doppelmoral und strikten Sittsamkeit, als auch in den verruchten Teil des Molochs, den einige der vornehmen Herren nur allzu gut kennen. Und man merkt rasch, dass sich genauso wie im Bodensatz der Stadt auch in der obersten Etage erschreckende menschliche Schicksale ereignen können - und von diesen will Faber in seinem Buch berichten.
Fazit: Bitte nicht abschrecken lassen von diesem 1.055 Seiten starken, karmesinroten Wälzer. Für mich ist das Buch eine wirklich Entdeckung - vor allem wegen der stellenweise originellen Art des Autoren eine halb tragische, halb amüsante Geschichte zu erzählen.
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