Roy Anderssons Film beginnt mit der Einblendung eines Goethe-Zitats: "Freue dich also, Lebendger, der lieberwärmeten Stätte, ehe den fliehenden Fuß schauerlich Lethe dir netzt."
Nachdem man den Film gesehen hat, muss man erkennen, dass hiermit eigentlich bereits alles gesagt ist und die zentrale Aussage des "Jüngsten Gewitters" auf einen kleinsten Nenner gebracht wurde. Doch bis diese Erkenntnis zum Zuschauer durchgedrungen ist, warten erst einmal eineinhalb Stunden köstlicher Filmgenuss der Extraklasse. Meist wunderbar komisch, doch oft auch bedrückend.
"Du levande" heißt der Film mit schwedischem Originaltitel, was soviel bedeutet wie "Ihr, die Lebenden". Und so ist es nicht verwunderlich, dass Andersson uns hier einen Spiegel vorhält und von den Schwierigkeiten des Menschseins erzählt.
Die Stadt in der die Filmhandlung spielt mutet zunächst fast wie eine fremde Zwischenwelt an. Die Menschen sind allesamt blass wie Zombies; die Gespräche, die Gedanken und die Handlungen scheinen von einer seltsamen Trägheit befallen zu sein. Man redet aneinander vorbei, niemand versteht den anderen mehr. Die Praxis des resignierenden Psychiaters ist prall gefüllt, man kann den Tag nur noch im Alkoholrausch ertragen. Die fordernden Schreie eines Kindes bleiben vom Vater ungehört und unbeachtet. Glück kann man wenn überhaupt nur noch in seinen Träumen finden. So wie Anna, die in den Gitarristen einer Rockband vernarrt ist, ihn schließlich heiratet und gemeinsam mit ihm zu einer Hochzeitsreise in einem fahrenden Haus aufbricht - natürlich nur in ihren Träumen. Aber auch die Träume sind auf Dauer kein sicheres Refugium: Verdrängte Schuld und Ungerechtigkeit finden ihren Weg auch dorthin, wie ein Bauarbeiter erfahren muss, der sich in der Gesellschaft feiner Damen und Herren an einem Tischtuchtrick versucht. Der Trick misslingt (für Zaubertricks und Magie gibt es in dieser Welt nicht mal im Traum einen Platz) und das mehr als zweihundert Jahre alte Porzellan geht zu Bruch, während die versteckten Hakenkreuze auf dem Tisch unter der Decke entblößt werden. Drei biertrinkende Richter verurteilen den Mann zum Tod auf dem elektrischen Stuhl.
Hin und wieder schaffen sich die deprimierten Figuren mit dem Zuschauer selbst ein Ventil für ihren Frust, wenn sie direkt in die Kamera blicken und von der Ödnis ihres unverstandenen Daseins berichten.
Als eine Art Zusammenhalt dieser unzähligen Flickenteppiche, aus denen der Film aufgebaut ist, fungiert dabei die Musik. Die Mitglieder einer Jazzband werden zu verschiedenen Anlässen, bei den gemeinsamen und einzelnen Proben, bei Militärmärschen, Begräbnissen oder auch privat beim skurrilen und völlig desinteressierten Sex mit der Ehefrau gezeigt. Eine der schönsten Szenen dreht sich um eine der Bandproben, bei der die Jazzband gemeinsam gegen ein draußen lautstark tobendes Gewitter anspielt.
Und was soll uns das ganze nun sagen? Auf dem Begräbnis eines Firmenvorstandes, den ein plötzlicher Schlaganfall in einer Vorstandssitzung unvermittelt aus dem Leben gerissen hat, sorgt die eben erwähnte Jazzband für musikalische Untermalung während eine Frau von einer Stadt über den Wolken singt. Es sei ein Ort ohne Schmerzen, Trauer und Krankheiten, wohin man nach dem Ende seiner beschwerlichen irdischen Existenz heim in das himmlische Reich Gottes einkehre.
Am Ende des Films halten verschiedene Menschen in der ganzen Stadt nach und nach bei ihren alltäglichen Verrichtungen inne, da sie etwas am Himmel bemerkt haben. Völlig fixiert starren sie nach oben. In der letzten Szene befinden wir uns über den Wolken und sehen, was dort wirklich auf die Menschen unten auf der Erde wartet. So viel sei gesagt: Es ist keine himmlische Stadt.
Und so wird auch der von mehreren Figuren immer wieder aufgenommene Ausspruch "Morgen ist auch noch ein Tag" in Frage gestellt. Wenn wir immer alles weiter auf morgen verschieben, wenn wir unsere Erlösung nicht heute und hier sondern morgen oder im nächsten Leben suchen, und es dann plötzlich kein morgen, kein nächstes Leben gibt, ist unser Leben dann nicht verwirkt?
"Das Jüngste Gewitter" ist übrigens der mittlere Teil einer bisher noch unvollendeten Trilogie. Den Anfang machte "Songs From The Second Floor" aus dem Jahre 2000. Dieser vor allem stilistisch sehr ähnlich gelagerte, wenn auch noch etwas schwermütigere Film sei ebenfalls jedem ans Herz gelegt. Der dritte Teil ist nach Anderssons Aussagen im Audiokommentar dieser DVD bereits in Arbeit. Da sich der Regisseur jedoch bekanntlich aus gutem Grund viel Zeit für seine Filme lässt und jedes Detail exakt durchgeplant sein will, könnte dessen Fertigstellung noch einige Jahre in Anspruch nehmen. Darauf freuen dürfen wir uns jedoch allemal schon jetzt.
An der DVD selbst gibt es nichts auszusetzen. Sauberes Bild und klarer Ton. Die ausgewaschenen Farben sind natürlich ein bewusst gewähltes Stilmittel und nicht auf technische Defizite der DVD-Umsetzung zurückzuführen. Auch die dargebotenen Extras sind sehr sehenswert. Im Audiokommentar beleuchtet Roy Andersson hier und da ein wenig den Entstehungsprozess und die praktische Umsetzung einiger Szenen, erläutert seine Absichten und Intentionen oder plaudert einfach ein wenig aus dem Nähkästchen, z.B. über geplante weitere Filme (siehe oben). Mit Ausnahme einer einzigen Szene wurde auch alles komplett im Studio gedreht, eines der DVD-Extras entlarvt dann auch die im Film vorkommenden Örtlichkeiten als Filmkulissen. Hier wird einmal mehr deutlich, dass jeder einzelne Kamerawinkel, jeder Stuhl und jeder Bilderrahmen an der Wand genauestens geplant und durchkomponiert sind und kein einziger Quadratmeter Kulisse zu viel aufgebaut wurde. Abgerundet werden die Extras durch einen etwa 15minütigen Durchschnitt durch Anderssons bisherige Lang- und Kurzfilme, der wirklich Lust auf mehr macht.
Für alle, denen die Rezension zu lang ist, und die sowieso nur das Resümee interessiert:
"Das Jüngste Gewitter" ist so wunderbar ehrlich; er hält uns einen Spiegel vor, gerade da wo es weh tut, wenn wir uns in dieser oder jener der bewusst überzeichneten Figuren wiederfinden. Er zeigt uns eine deprimierte und desinteressierte farblose Welt, die wohl so mancher gern als bloßes Kunstprodukt abtun würde. Inwieweit wir jedoch heute schon in dieser Welt leben, wie Zombies durch die Gegend stiefeln und auf die Bomber warten, das muss wohl jeder für sich selbst herausfinden. Einen Denkanstoß liefert Roy Anderssons großartiger Film aber hoffentlich.