DVD ~ Dame Judi Dench
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Iris Murdoch: «Das italienische Mädchen»
«Everything is accidental. That is the message», heisst es am Schluss von «The Message to the Planet» (1989). Daher verfängt sich die Wahrheit über unsere Welt nicht im Netz selbstgestrickter Zusammenhänge, sondern steckt in der undurchschaubaren Besonderheit jeder einzelnen Situation. Dieses Credo vertritt die irischstämmige Verfasserin von «The Message», Iris Murdoch, seit ihrem Débutroman mit dem bezeichnenden Titel «Unter dem Netz». Schon dort entwickelt die damalige Oxforder Philosophie-Professorin für ihre Wahrheitssuche eine antitheoretische Poetik mit ethischem Anspruch, die an den zeitgenössischen Stilrichtungen vorbeisteuern soll: Denn diese zerschellen, wie die Schriftstellerin meint, an der Skylla weltfremd-geistloser Gesellschaftskritik und der Charybdis weltfremd-hermetischer Kunst-Kosmen. Als freie Schriftstellerin wird Iris Murdoch den eingeschlagenen Weg zwischen den «Angries» einerseits und den «crystalline novelists» andererseits weitergehen einen Weg, der ihr 1978 den Booker Prize für «The Sea, the Sea» beschert.
Nordenglischer Dschungel
Mit einer Neuübersetzung der auf deutsch vergriffenen Romane «The Italian Girl» (1964) und «The Black Prince» (1973) und mit der deutschen Erstausgabe von «Henry and Cato» (1976) beabsichtigt der österreichische Deuticke-Verlag, diesen Weg der heute 78jährigen Doyenne der britischen Gegenwartsliteratur nachzuzeichnen. Zuerst ist jetzt «Das italienische Mädchen» erschienen. Als vielschichtiges literarisches Untersuchungsobjekt dient eine unfreiwillige Familienzusammenkunft.
Der Ich-Erzähler Edmund, ein Mittvierziger, hat das Haus seiner Kindheit vor Jahren endgültig verlassen, während sich sein zwei Jahre älterer Bruder Otto nie von der machtbesessenen Übermutter lösen konnte; nun ist sie tot. Als Edmund zur Beerdigung anreist, erhoffen sich alle, Bruder, Schwägerin, Nichte, ja selbst Ottos Lehrling, vom Aussenseiter eine Erlösung aus der Hölle ihrer Verhältnisse: Otto ist Alkoholiker und der verwirrten Schwester seines Lehrlings sexuell hörig; die pubertierende Nichte liess sich vom Lehrling schwängern; der undurchsichtige junge Mann hat ausserdem eine Affäre mit Ottos frustrierter Frau. Unberührt von diesem Chaos scheint allein das italienische Hausmädchen Maggie zu sein, das seine Dienste mit der diskreten und souveränen Zurückhaltung eines Butlers verrichtet.
Eine Geschichte, so entlegen wie ihr Schauplatz, ein abgeschiedenes, hässliches, viktorianisches Pfarrhaus in einem nordenglischen, «dicht verfilzten Dschungel» aus Kamelienbüschen, Bambusgürteln und Birkenhainen. In der verlockend wilden Brontë-Landschaft spriessen die etwas gar absonderlichen Leidenschaften, die der tapsige Erzähler erst allmählich begreift, aus der typischen Einsamkeit der mittelständischen Kernfamilie: Ihre Mitglieder haben sich Bildnisse gemacht, als Schutzwall eingesetzt und sich so den Blick auf die Wirklichkeit verstellt. Und sie wissen es. «Wir hier sind alle Gefangene. Wie sind wir Figuren in einer Gravur. O Gott, wie ich Gravuren hasse!» Wenn Edmunds Schwägerin gegen «dieses schwarze, enge und nordische Gekritzel» aufschreit, wendet sie sich nicht nur gegen die unerbittliche «Maschinerie» der mörderischen Familien-Mühle, sondern ebenso gegen Edmund, der als Graveur arbeitet: Auch die Messias-Figur hat sich von den Mühlsteinen ihrer Vergangenheit noch nicht befreien können.
Manet und Tizian
Shakespeares Prospero, der am Ende auf Trugbilder und Hexerei verzichtet, gibt dem preisgekrönten Künstlerroman «The Sea, the Sea» das Richtmass; und auch ein gutes Jahrzehnt früher, im «Italienischen Mädchen», lösen sich die Lebenslügen im Blick eines Beinahe-Künstlers Bild um Bild auf: Die scheinbar kindliche Nichte Flora etwa betrachtet er anfangs fasziniert als «Sujet für Manet», später als «unverfälschtes Bauernmädchen auf dem Gemälde eines biederen, wenig ehrgeizigen Malers der Jahrhundertwende». Schliesslich verschmilzt sie im Kampf mit dem italienischen Mädchen zu einem «stolpernden Relief», einem Relief «balgender Tiere».
Begierde und Gewalt gehören unabdingbar zu Iris Murdochs Gang durch die Welt der kontingenten Situationen. Wer heuer auf diesem Gang bis zum Ende mitpilgert, erlebt, dass nach Handgreiflichkeiten, Feuersbrunst und Todesfall alles gut wird. Die dezent-unauffällige Maggie mausert sich in den Augen des Erzählers zum Tizian-Gemälde und endlich zur ersten Frau, zur südlichen Maria, «fremd wie Eva für den benommenen, erwachenden Adam. Sie war da, ein eigenes, eigenständiges Wesen.» Kein Bildnis.
Zu dieser etwas schlichten «Wahrheit» quälen sich die grauen Gestalten im Pfarrhaus. Bibelfest und psychoanalytisch nicht unbeschlagen, bieten sie dem Leser dabei zwar durchaus fesselnd dunkle Diskussionen und subtile Beobachtungen: Dass der Roman 1969 für die Bühne umgeschrieben wurde, überrascht nicht. Oft aber entzaubert die Prophetin der undurchschaubaren Besonderheit ihr dichterisches Unterfangen: Die penetrante Frohe Botschaft samt erläuterndem Ballast düpiert Murdochs gelegentlich etwas derbe Demonstration der Komplexität des Daseins. Die Poetik der Kontingenz mutiert zur Paartherapie von Kunstliebhabern. Schade, dass die Oxforder Meisterin versucht hat, das zweifelsfrei vorhandene Verführungspotential des «italienischen Mädchens» mit einer Gravurnadel festzubannen.
Alexandra M. Kedve -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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