Jared M. Diamond, der Evolutionsbiologe und Autor des Bestsellers "Der dritte Schimpanse", der das Vorwort geschrieben hat (J. Diamond, nicht ein Schimpanse), muss es wissen. Das Buch ist einen Meilenstein in der Beschreibung der Evolution.
Die Stoßrichtung ist klar. Was Ernst Mayr im biblischen Alter von 97 Jahren und mit achtzig(!)jähriger Berufserfahrung veröffentlicht hat, hat er für drei Lesergruppen geschrieben: für Biologen und eine gebildete Öffentlichkeit, die "mehr" über Evolution erfahren wollen; für solche, die anerkennen, dass es eine Evolution gibt, aber sich nicht sicher sind, ob Darwins Erklärungen richtig sind; schließlich für diejenigen, die den biblischen Schöpfungsbericht wörtlich nehmen.
Was? Wie? Warum? Woher?
Die Didaktik des Buchs folgt jenen Fragen, die der Mensch so hat. Dadurch wirkt es nicht wie ein Lehrbuch, obwohl der Autor an der Richtigkeit seiner Sichtweise wenig Zweifel lässt. Schon der Titel statuiert das selbstbewusste "Das ist Evolution". "Basta" - liegt mir auf der Zunge. Die ersten drei Kapitel beantworten die Fragen "Was ist Evolution?" (und welche Belege sprechen dafür?), "Wie ist die Evolution zu erklären?" und "Warum entstehen die Arten?" (und neue Gruppen von Lebewesen und neue Körperbaupläne?). Er erläutert die Frage, welche Rolle Zufall und Selektion spielen und warum die Evolution nicht zielgerichtet ist. Das letzte Kapitel beschreibt in groben Zügen, woher der Mensch kommt.
Ernst Mayr stellt auch frühere Theorien vor und erklärt, warum die Umdenkungsprozesse stattgefunden haben. Für die auf Schnelligkeit getrimmten Zeitgenossen ist das Buch mit einem Anhang ausgestattet, in dem häufig gestellte Fragen prägnante Antworten finden. Ein Glossar mit kurzen Begriffserklärungen schließen das Werk ab (Evolution: "Der Vorgang, durch den sich die Welt des Lebendigen nach der Entstehung des Lebens nach und nach entwickelt hat und weiterhin entwickelt").
Ernst Mayr hat maßgeblich Anteil and der fruchtbaren Zusammenführung der Theorien Darwins mit den anderer Forschungsrichtungen, wie Genetik und Paläontologie. Er war bekannt dafür, dass er Biologie auf eine Weise begreiflich machen konnte, die weit in Wissenschaftstheorie und Philosophie hineinreicht. So weist er beispielsweise auf die Bedeutung der Entzauberung der Typenlehre Platons und der Pythagoräer durch Darwin hin. Denn erst die Überwindung der Vorstellung, die Vielfalt der Welt ließe sich aus einer Anzahl unveränderbarer Typen erklären, machte den Weg frei zu einer neuen Betrachtungsweise. Die Vielfalt der Lebewesen lässt sich nicht auf Variationen unveränderlicher Typen (oder Klassen) zurückführen, sondern auf sich stetig ändernde Populationen.
Der Dozent.
Das Buch trägt den Stil "das musste jetzt mal gesagt werden". Da doziert bisweilen ein Herr Professor (von lat. profiteri, "öffentlich bekennen"), aber auch ein Gelehrter - auf Ernst Mayr trifft der altehrwürdige Begriff bestens zu. Obwohl dem Leser allzu detailliert vorgetragenes Spezialistenwissen erspart bleibt, so kann man doch nicht sagen, dass das Buch leichte Kost wäre. Die grauen Zellen werden durchaus gefordert. Holzschnittartig geht es um das Wesentliche. Seine Sprache ist klar und verständlich, manchmal provozierend ("Kein gebildeter Mensch zweifelt heute noch daran, dass wir von Primaten und insbesondere von Menschenaffen abstammen").
Als populares Sachbuch ist es etwas trocken geraten. Ernst Mayrs Argumentationsketten hätten sich sicherlich durch ausführlichere Illustrationen noch nachvollziehbarer machen lassen (wie das geht, kann man am Beispiel Carl Zimmers "Woher kommen wir? ' Die Ursprünge des Menschen" sehen).
Fünf Punkte für einen herausragenden Überblick.
Die Schwächen in der Illustration sind ein kleines Minus. Der doch gehobene Anspruch an die Leser schränkt den Leserkreis etwas ein. Ich gebe trotzdem die volle Punktzahl, denn jeder, der die Natur aus dem heutigen Stand der Wissenschaft heraus verstehen will, muss Evolution verstehen. Und: "Bildung ist der Anspruch auf angemessenes Verstehen" (Konrad P. Liessmann). Dieses kämpferisch geschriebene Buch bildet.