Seit einigen Jahren gibt es nun im "Westen" Lehrer wie Tony Parsons, Nathan Gill und eine Menge anderer, die angeblich eine ganz eigene, freie Lehre verkünden, sich dabei aber doch auf Advaita beziehen. Daher wird diese Richtung oft Neo-Advaita genannt. Im Gegensatz zum traditionellen Advaita, oder überhaupt zu traditionellen Lehren, wird hier behauptet, es sei keinerlei Anstrengung nötig, um seine "wahre Natur" zu erfahren, es sei eh schon alles da, und alle seien eh schon erleuchtet.
Parsons und sein Schüler Gill behaupten darüber hinaus, dass es eh bedeutungslos sei, ob nun diese "wahre Natur" erkannt werde oder nicht, da alles Illusion sei und es keinen gäbe, der etwas erkennen oder missverstehen könne. Insofern sei es auch ein Missverständnis (von niemandem natürlich), dass da ein Lehrer wie Tony Parsons sei (es gibt ja niemanden), der etwas verkünde. Parsons macht also Aussagen und sagt gleichzeitig, dass da keiner ist, der diese Aussagen macht. Wenn nun wenigstens eingesehen werden würde, wie unsinnig und absurd das ganze ist, und demzufolge auch völlig sinnlos, ein Buch von Parsons zu kaufen oder einen Workshop von Parsons zu besuchen, dann wäre das ja gut, aber nein: dieser Unsinn wird nun auch noch für höchste Weisheit gehalten.
Übersehen wird dabei vor allem eines: die Neo-Advaita-Lehrer glauben, dies sei reinste Non-Dualität, was aber nicht stimmt. Sie stellen keine Non-Dualität zwischen absoluter und relativer Ebene her, sondern beziehen sich einzig auf die absolute Ebene und leugnen die relative. Dass es immer nur hier-und-jetzt sei, dass da niemand sei, dass nichts existiere, dass alles bedeutungslos sei, ist auf dieser Ebene richtig, aber eben immer nur die halbe Wirklichkeit (ich sage bewusst nicht "Wahrheit"). Dass Zeit vergeht, dass Personen da sind, Ich-Gefühle, dass Dinge Bedeutung haben, ist kein Gegensatz zur absoluten Ebene, sondern nur deren notwendige Kehrseite. Ken Wilber hatte schon vor vielen Jahren auf diese "Dualität durch die Hintertür" hingewiesen.
Identifikation mit dem Körper/der Person ist keine Täuschung oder ein Makel, sondern einfach die Art und Weise, wie sich die Wirklichkeit verwirklicht, wie das Bewusstsein sich seiner selbst bewusst wird. ICH bin DAS, aber ich bin es, indem ich auch Person bin, als Person suche, finde, leide, genieße, lebe. Die Behauptung, dass ich nicht existiert, dass ich nicht existiere, mag vielleicht als Groteske den Verstand berauschen ob ihrer Verstiegenheit, aber damit leben lässt sich nicht auf Dauer, da gehe ich jede Wette ein. Die Ich-Frage wird früher oder später wieder hochkriechen, die Zweifel werden an diesem nicht-lebbaren, nicht-ethischen Ansatz nagen und dann wird Frustration einkehren.
Meine Erfahrung ist, dass die Anhänger von Neo-Advaita häufig Menschen sind, die vollkommen frustriert von der Welt, von der Gesellschaft, von ihrem Leben sind, und eine Zuflucht in dieser Weltflucht suchen. Gilt natürlich nicht für alle.
Den einen Punkt gebe ich, weil man hier nicht null Punkte geben kann, aber er sei auch gegönnt, denn man könnte die Aussagen von Parsons auch als großes Koan auffassen, das allzu verbissenen Suchern Einhalt gebietet und ihnen durch seine Absurdität einen Knoten ins Hirn macht. In diesem Sinne hätte es sogar einen Wert.
Dennoch mein Fazit: wer Selbsterkenntnis und Weisheit sucht, ist bei Zen, Taoismus oder wirklich Weisen wie Douglas Harding, Alan Watts oder Ken Wilber besser aufgehoben.