Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Gesetz der Heteronormativität herrscht. Man geht also selbstverständlich davon, dass sich jeder Mensch heterosexuell entwickeln wird. Die Entwicklung zur Heterosexualität wird nicht hinterfragt und nicht erforscht. Es ist der Standart, an dem alles andere gemessen wird. Die Homosexualität oder besser der Begriff "Homosexualität" ist somit "ein Erzeugnis der normalen Welt". Die heteronormative Gesellschaft braucht "jene psycho-polizeiliche Kategorie der Homosexualität" als abstrakte Aufteilung des vielschichtigen, polymorphen sexuellen Verlangens. Mit dieser Aufteilung einer heterosexuellen Mehrheit und einer homosexuellen Minderheit wird ein neues Gesetz geschaffen, nämlich das Gesetz der Monosexualität (siehe dazu den Aufsatz "Gibt es Heterosexualität?" von dem Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt). Obwohl das Wortpaar Hetero-/Homosexualität kaum mehr als hundert Jahre alt ist, diktiert es doch unsere Sicht von Liebe, Beziehung und Sexualität.
Der französische Soziologe und Philosoph Guy Hocquenghem (Mitbegründer der militanten Schwulenbewegung in Frankreich, der Front homosexuel de l´action revolutionnaire (F.H.A.R.)) veröffentlichte 1972 sein Buch mit dem Titel "Das homosexuelle Verlangen", einem der bedeutendsten und wichtigsten Bücher zum Thema "Queer Theorie", indem er eine radikale Kritik der Freudschen Theorie aus einer marxistischen Perspektive übt. In diesem Werk analysiert Hocquenghem unter Bezug von Deleuze/Guattaris Anti-Ödipus die Herkunft der Begriffe Hetero- und Homosexualität, deckt die dahinter stehenden Ideologien auf und fragt warum die Gesellschaft Interesse daran hat, dieses Geschlechterverhältnis aufrechtzuerhalten - auch in Form liberaler Duldung der Homosexualität.
Homosexualität ist zunächst eine Kategorie der Pathologie und Kriminalität. Mit der Herausbildung der Homosexualität als gesonderter Kategorie geht ihre Repression eng einher. Das moderne Denken hat damit eine neue Krankheit geschaffen: die Homosexualität. Der Wissenschaftshistoriker Florian Mildenberger hat in seinem Buch "...in Richtung der Homosexualität verdorben" den traurigen Irrweg der Medizin und Psychiatrie in Bezug auf Entstehung und (Notwendigkeit der) Heilung von Homosexualität im Zeitraum von 1890 bis 1970 (!) dokumentiert. Die Geisteshaltung Homosexualität als Krankheit und dadurch als heilbar anzusehen hat dazu geführt, dass man mit Kastration, Hodentransplantation, Elektroschocks und Gehirnoperation medizinisch gearbeitet hat um die Homosexuellen von ihrer Krankheit zu heilen. Und auch heut noch gibt es Ärzte und Psychologen wie van den Aarweg ("Das Drama des gewöhnlichen Homosexuellen"), die Homosexualität als eine psychische Krankheit, als eine emotionale Störung mit psychologischer Ursache (Neurose) betrachten. In den USA gibt es sogar einen regelrechten Trend, Homosexualität mit Zwangsverheiratung und Aversionstherapien zu heilen. "Dieses pseudowissenschaftliche Denken der Psychiatrie", schreibt Hocquenghem, "hat durch Aufteilung zum Zwecke besserer Beherrschung die barbarische Intoleranz in zivilisierte Intoleranz umgewandelt." In einer Welt, die primär von Statistiken lebt, setzen auch so aufgeklärte Denker wie Alfred Kinsey mit seinem Aufklärungsbuch "Das sexuelle Verhalten des Mannes" "lediglich die Eingrenzungsbemühungen der modernen Psychiatrie fort, indem er ihnen die materiellen, soziologischen und statistischen Grundlagen verschaffte." Während die Homosexualität also ein Konstrukt der ödipalen Gesellschaft ist um das "Unsagbare einzugrenzen und zu benennen", durch das die Maschinerie von Hierarchie und Familie in Gang gehalten wird, ist das homosexuelle Verlangen wie das heterosexuelle Verlangen eine willkürliche Abgrenzung innerhalb eines ununterbrochenen, vielschichtigen Stromes des Verlangens. Somit ist nicht das homosexuelle Verlangen problematisch, sondern die Angst vor der Homosexualität. Die Angst vor der (eigenen) Homosexualität führt zu einer anti-homosexuellen Paranoia, zu einer Repressionsmaschinerie, in der man zwar die Existenz der Homosexualität tolerieren muss, "aber ihre Bejahung keinesfalls tolerieren könne." Es ist nicht verwunderlich, dass vor allem eine Institution wie die katholische Kirche, die fast täglich Homosexualität oder besser homosexuelle Handlungen lauthals ablehnt, selber latent homosexuell ist. Denn die latente Homosexualität entspricht der Unterdrückung der offenen Homosexualität. "Das größte Maß an latenter Homosexualität finden wir in den besonders ausgeprägt anti-homosexuellen Gesellschaftsmaschinerien: in der Armee, der Schule, der Kirche, im Sport etc." Weil die Homosexualität nicht in unser heterosexuelles Familien-System hineinpasst, sucht man auch deshalb nach ihren Ursachen. Freud, der von der bisexuellen Konstitution des Mannes und der Frau ausging, meinte noch, dass "im Sinne der Psychoanalyse auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine Selbstverständlichkeit" sei. In unserer heteronormativen Gesellschaft sucht man dagegen ausschließlich nach den Ursachen der Homosexualität. Ist Homosexualität angeboren oder nicht, ist sie genetisch feststellbar oder nicht, ist sie eine Entwicklungsstörung oder nicht, beruht sie auf einer zu starken Mutterfixierung oder ist sie das Produkt einer Verführung, all diese Erklärungen werden benötigt, um die Herkunft der Homosexualität herausfinden zu wollen. Der Zweck dieser Ursachenforschung versteht sich von selbst: "Der Homosexuelle muss verschieden sein, sonst wäre jedermann homosexuell." Dem homosexuellen Verlangen haftet ein Mangel, es ist "das Nichtzeugende-Nichtgezeugte, der Schrecken der Familien, da es sich produziert, ohne sich zu reproduzieren". Das homosexuelle Verlangen stellt die phallische Lust und die Analität-Sublimierung in Frage, "weil es den libidinösen Gebrauch des Anus wieder in Kraft setzt." Schon Jean-Paul Sartre war der Auffassung dass das allgemeine Tabu, dem die Homosexualität unterliegt, ihren einzigen Ursprung in der panischen Angst vor dem passiven Analverkehr hat. Der "Gebrauch des nicht sublimierten Anus bringt die Gefahr des Identitätsverlustes mit sich. Von hinten gesehen sind wir alle Frauen, der Anus ignoriert den Geschlechtsunterschied", schreibt Hocquenghem. Das homosexuelle Verlangen weist das gesamte Subjekt-Objekt-System als Grundlage einer Unterdrückung des Verlangens zurück, deshalb steht die Homosexuellenbewegung eng mit der Frauenbewegung zusammen, die ebenfalls die Vorherrschaft der heterosexuellen Familie negiert.
Nach dieser ausgezeichneten Analyse sieht Hocquenghem die Überlegenheit der homosexuellen Liebesbeziehung in ihrem Bruch mit dem "System der Falschheit der zivilisierten Liebe" (Fourier), in ihrer polymorphen Struktur, in der "alles jederzeit möglich ist, dass die Organe sich suchen und verbinden, ohne das Gesetz der exklusiven Ausgrenzung überhaupt zur Kenntnis zu nehmen."